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Fachartikel, 02.10.2015
Management-Dilemmata
Was Achilles und Odysseus in Sachen Führung lehren
Führungskräfte stehen immer wieder vor der Herausforderung, sicherzustellen, dass das Erreichen von Management-Zielen in Einklang mit den eigenen Werten erfolgt. Das war schon immer so - auch bei den antiken Helden Achilles und Odysseus.
Sptestens seit 1903 – als das Buch „Shop Management“ von Frederick Taylor erschien, auf dem der Taylorimus basiert – kommen Jahr fr Jahr mehr Bcher auf den Markt mit Rezepten fr ein kluges Management. Doch die Philosophen und Denker beschftigten sich schon frher mit den Prinzipien guter Fhrung. Denn der Begriff „Manager“ mag neu sein, die mit dieser Rolle verbundenen Herausforderungen sind es jedoch nicht.

Die ersten Management-Handbcher wurden vor mehr als 2500 Jahren geschrieben. Damals heien die Manager noch Helden. Und zwei Prototypen dieser schillernden Figuren begegnen uns schon in den ltesten Epen der Weltliteratur: in der Ilias und in der Odyssee, als deren Verfasser Homer gilt.

Liest man die darin enthaltenen Geschichten und vergleicht man ihre Hauptfiguren, dann stellen sich die Fragen:
  • Welche von ihnen sind die wahren Helden? Und:
  • Wodurch unterscheiden sie sich?
Achilles – der Aufrichtige

In der Ilias lernen wir Achilles kennen. Er ist ein nahezu unverwundbarer Krieger, ein schner und mutiger Vertreter seiner Zunft mit einem hohen Ehrenkodex. Das heit, sein Handeln orientiert sich an einem klaren Wertekonstrukt. Entsprechend eindeutig ist er in seiner Bewertung „richtig“ oder „falsch“. Achilles steht zudem fr seine berzeugungen ein und wird schnell zornig, wenn seine Werte in Frage gestellt werden. Auerdem misst er dem hheren Ziel eine grere Bedeutung als dem eigenen Leben bei.

Die Ilias schildert, wie es Achilles im Krieg um Troja immer wieder gelingt, das griechische Heer hinter sich zu scharen – weil er starke Werte verkrpert und bereit ist, fr seine berzeugung zu kmpfen. Selbst gegenber Agamemnon, dem griechischen Knig, tritt er fr seine Werte ein. Diese Begebenheit wird als „Zorn des Achilleus“ in der Ilias besungen. Obrigkeitshrig ist Achilles nicht, sein Kompass ist seine innere Haltung. Und dafr lieben ihn seine Mnner und folgen ihm.

Odysseus – der Listige

Und Odysseus? Er ist der Listige, bekannt fr seinen scharfen Verstand und seine klugen Ideen. Ohne ihn htte es das trojanische Pferd nicht gegeben. Und sogar die Gtter spielt er gegeneinander aus, um seine Ziele zu erreichen. Fr Odysseus gilt: Der Zweck heiligt die Mittel. Es geht nicht darum ehrenvoll, sondern erfolgreich zu sein. Und hierfr ist es in seiner (Werte-)Welt auch legitim, zu lgen, zu betrgen und zu tricksen.

Interessanterweise hat Odysseus seine Mannschaft nicht im Griff. Seine Mnner stehen zwar zu ihm, doch sie gehorchen ihm nicht immer. Und auf ihrer Irrfahrt zurck nach Ithaka sterben sie alle. Odysseus berlebt als Einziger die Reise.

Ein typisches Management-Dilemma

Wer ist der echte, wahre Held? Achilles, der klare Prinzipien hat und bereit ist, fr sie Opfer zu bringen – und dadurch eine Mannschaft erzeugt, die hinter ihm steht? Oder Odysseus, der zweckorientiert die Moral biegt, seine Ziele erreicht, jedoch Gefahr luft, hierber seine Mannschaft zu verlieren? Dieses Dilemma kennen viele Manager.

Dazu passt eine Geschichte, die einmal ein Inhaber einer kleinen Werbeagentur erzhlte: Ein Mitarbeiter seiner Firma kam zu ihm und sagte: „Chef, wir haben doch einen Computer bestellt. Die Firma hat zwei geliefert. Es steht aber nur einer auf der Rechnung. Was soll ich tun? Soll ich die Firma auf den Fehler hinweisen, oder soll ich abwarten, ob von denen noch jemand den Fehler bemerkt?“

Ein Unternehmer, bei dem der Manager-Typ Odysseus  stark ausgeprgt ist, wrde dem Mitarbeiter vermutlich antworten: „Lass‘ uns den zweiten Computer behalten und den Vorteil nutzen.“ Doch welche Botschaft wrde er damit an den Mitarbeiter senden? Ganz klar: Sei opportunistisch! Sei stets auf Deinen Vorteil bedacht – selbst wenn Du hiermit anderen schadest.“ Wie lange wrde es wohl dauern, bis sich auch der Mitarbeiter – getreu dieser Maxime – auf Kosten des Unternehmers und seiner Firma bereichert? Was ist also besser fr Manager, Achilles oder Odysseus zu sein?

Wie das Dilemma lsen?

Jeder Manager steht im bertragenen Sinn tglich mindestens einmal vor dieser Frage – im Kontakt mit Kunden, Lieferanten, Kollegen und Mitarbeitern. Und in einer Welt, in der man an der Zielerreichung gemessen wird, ist die Versuchung gro, listig zu sein – also stets zweckorientiert zu handeln, die Moral manchmal etwas zu verbiegen, Unangenehmes zu beschnigen oder auszublenden. Vielleicht kommt man damit sogar durch. Doch zu welchem Preis?

Das Problem ist nur: Den Griechen gelang es, nachdem sie schon zehn Jahre erfolglos gegen die Mauern von Troja angerannt waren, mit Hilfe des „trojanischen Pferdes“ – also mit List und Tcke – endlich den Krieg zu gewinnen. Und Odysseus schaffte es, indem er seine Identitt verleugnete und sich „Niemand“ nannte, den Zyklop Polyphem zu bertlpeln und mit den meisten seiner Mnner dem sicheren Tod zu entrinnen. Und mit einer List setzte er sogar ein Naturgesetz beziehungsweise gttliches Gesetz auer Kraft – nmlich, dass jeder, der dem Gesang der Sirenen lauscht, sterben muss. Odysseus war der erste Mensch, dem dies nicht widerfuhr.

Deshalb nochmals die Frage, wer Managern eher als Leitbild dienen kann: Achilles, der „prinzipientreue Idealist“, oder Odysseus, der „listige Grenzenberwinder“? Vermutlich mssen Manager beide Helden-Typen in sich vereinen. Sie mssen zudem – situationsabhngig – fr sich, immer wieder entscheiden, wie viel Raum sie diesen beiden Manager-Typen bei ihrem Handeln einrumen, damit sie einerseits die ntige Wirkung entfalten und andererseits ihre persnliche Identitt und Integritt bewahren.

Ein echtes Dilemma, das sich vermutlich im Managementalltag nie ein fr alle Mal lsen lsst – insbesondere in Zeiten, in denen sich die Rahmenbedingungen wirtschaftlichen und unternehmerischen Handelns rasch ndern und die Zahl der Parameter, die es bei Entscheidungen zu bercksichtigen gilt, kontinuierlich steigt. In ihnen geraten Manager immer wieder in Zielkonflikte. Und in ihnen braucht auch die Frage „Was macht eine gute Fhrung aus?“ immer wieder eine neue Antwort. Stellen Sie sich dieser Frage, damit Sie einen Kompass fr Ihre alltgliche Fhrungsarbeit haben.
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