VOLLTEXTSUCHE
Fachartikel, 24.02.2010
Führungskultur
Gesunde Unternehmens- und Mitarbeiterführung, jetzt!
Ausgerechnet jetzt heißt es bei vielen Führungskräften „keine Zeit“. Die Folge: Der Zielerreichungsgrad in Unternehmen schwindet. Dabei wirkt das berühmte „offene Ohr“ des Vorgesetzten und eine gesunde Mitarbeiterführung wahre Wunder in Sachen Mitarbeitermotivation und Wohlbefinden und somit auch im Hinblick auf die Mitarbeiterbindung, Leistungsfähigkeit und Produktivität.
Vieles wird in diesen Tagen, Wochen und Monaten in Frage gestellt. Die Unternehmen richten sich strategisch neu aus, lange Bewhrtes gibt es ganz pltzlich nicht mehr, genauso wie MitarbeiterInnen, Abteilungen bis hin zu ganzen Unternehmen komplett von der Bildflche verschwinden. Das erleben die meisten nicht nur medial, sondern im beruflichen und privaten Alltag. Da ist der Bruder pltzlich arbeitslos und der Kollege aus Abteilung X, mit dem man bestens „verdrahtet“ war, ist dem Personalabbau zum Opfer gefallen. Das Ergebnis sind ngste, verstrkt oder unterfttert durch die entsprechende mediale Agenda: Karstadt-Quelle, Opel, Hartz IV um nur einige Schlagworte zu nennen.

Parallel zu dieser allgemeinen Verunsicherung, dreht der Globus sich weiter, mehr denn je versucht jede/r im Job den (sich stets und in Teilen immer schneller verndernden) Anforderungen gerecht oder mehr als gerecht zu werden. Das zehrt, mal abgesehen davon, dass krankheitsbedingte Abwesenheit in solchen Zeiten nicht gerne gesehen wird. Das bedeutet, dass sich so mancher krank in die Arbeit schleppt.

Selbstverstndlich verzeichnen wir aus all diesen Grnden historisch niedrige Abwesenheitszeiten, solange man die verffentlichten Zahlen der Krankenkassen zu Rate zieht. Viele Mitarbeiter versuchen sich mit kurzen Abwesenheitszeiten bis zum nchsten Urlaub durchzuschleppen. Der Arzt mge doch bitte lieber keine Arbeitsunfhigkeit (AU) ausstellen, das „ginge schon“. Also tauchen die einzelnen Abwesenheitstage auch in keiner Krankenkassen-Statistik auf. Eine klassische „Coping Strategie“ der MitarbeiterInnen, die aber nicht immer aufgeht und vor allem nicht auf Dauer.

Denn: andererseits haben wir es mit alternden Belegschaften zu tun. ltere MitarbeiterInnen fehlen durchaus nicht hufiger aber meist lnger, weil es sie ernsthaft erwischt. Ganz zu schweigen von psychischen Erkrankungen, die ebenfalls mit langen Abwesenheitszeiten einhergehen und deren Hufigkeit zunimmt. Was die Fehlzeitenstatistik angeht ist das dann so eine Sache, denn je nach Kostentrger tauchen Rehabilitationszeiten eben in der Statisitik der Krankenkassen auf oder auch nicht. In unserer Beratungspraxis beobachten wir die Zunahme der Abwesenheitszeiten in den Spitzen (Kurzzeit- und Langzeiterkrankungen), die wir eben nur deshalb erkennen knnen, weil wir die betrieblichen Abwesenheitszeiten in all ihren Facetten analytisch betrachten.

Steigende Anforderungen an die Fhrungsriege

Was aber passiert in Abteilung Y, wenn einige Kollegen gesundheitlich angeschlagen sind? Die Fhrung und andere betriebliche Akteure nehmen sich derer an, die gesundheitlich nicht auf der Hhe sind an und das ist auch gut so. Schlielich hat der Betrieb eine Frsorgepflicht gegenber seinen Mitarbeitern und soll sich auch laut SGB IX um gesundheitlich eingeschrnkte MitarbeiterInnen kmmern und Eingliederungsangebote machen. Infolge der Abwesenheit (Fehlzeiten, Fluktuation, Personalabbau) werden die verbleibenden MitarbeiterInnen hufig mehr belastet. Wir befinden uns in einem Teufelskreis, denn mit einem Mehr an Abwesenheit, berforderung und berstunden sind auch immer mehr Dnnhutigkeiten, Konfliktpotenzial im Team oder Einschrnkungen individueller Ttigkeits- und Kreativittsspielrume verbunden. Die Anforderung an die Fhrungsriege und deren Qualitten in Sachen Konfliktmanagement sowie an soziale Kompetenz (z.B. Empathie, Abgrenzung und auch emotionale Steuerung) steigt!

Bei all dem bleiben der Blick und die Aufmerksamkeit fr die (noch) gesunden und anwesenden MitarbeiterInnen auf der Strecke, wie auch der Blick auf die Strken des Unternehmens (Bindungsmechanismen und andere soziale und organisatorische „Schmierstoffe“). Die Reaktion auf Probleme bestimmt das Geschehen, nicht die Aktion!

„Gesunde Fhrung“ und die damit verbundenen Qualifizierungsmanahmen mssen daher nicht nur reaktives sondern aktives und prventives Fhrungshandeln im salutogenetischen Sinne bercksichtigen. Hintergrund: Die salutogenetische Sichtweise (vgl. Antonovsky) von Gesundheit stellt eher die Ressourcenfrage „Was hlt oder macht gesund?“ und nicht die Defizitfrage „Was macht krank?“ (Pathogenese). Im Folgenden einige Beispiele fr reaktives (defizitorientiertes) und aktives (ressourcenorientiertes) Fhrungshandeln:

Reaktiv/ Defizitorientiert
  • Leitfrage: Wie gehe ich mit Problemen um
  • Rckkehrgesprche/ Fehlzeitengesprche
  • Die Rolle der Fhrungskraft beim betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM)
  • Umgang mit Suchtproblemen der Mitarbeiter
  • Kritikgesprche
Aktiv/ Ressourcenorientiert
  • Leitfrage: Wo wollen wir hin? Was sind unsere Strken und Ressourcen
  • Regelmige Zielvereinbarungsgesprche und anerkennender Erfahrungsaustausch
  • Job Rotation/ Job Enrichment
  • Positive Beeinflussung der Teamkultur/ Teamentwicklung
  • Offenheit gegenber allen MitarbeiterInnen

Gesunde Fhrung ist defizit- UND ressourcenorientiert

Bei allen Vorteilen der Sach- und Kennzahlenorientierung oder grerer Fhrungsspannen ist das berhmte Kind schon in den Brunnen gefallen, wenn sich Gesundheits- und Motivationsdefizite in erhhten Abwesenheitszeiten und nachlassender Performance bis hin zu Fluktuation und nachlassender Arbeitgeberattraktivitt uern.

Ganz wichtig: Gesunde Fhrung muss beides leisten, weil Menschen unterschiedlich sind und ganz individuelle persnliche und gesundheitliche Strken, Schwchen und Potenziale mitbringen, die nicht zur Gnze seitens des Betriebes beeinflusst werden knnen und sollen. Schlielich gibt es Viren, Bakterien und Erbkrankheiten und es besteht die Pflicht des Arbeitgebers, damit moralisch und faktisch angemessen umzugehen.

Das Ergebnis von zu viel Einmischung bzw. „Wissensdrang“ im Bereich der individuellen Black Box Gesundheit sind zahlreiche Datenskandale auch namhafter Arbeitgeber rund um das Thema Gesundheit und Krankheit (Stichwort: Diagnose, Datenschutz). Der Umkehrschluss kann jedoch nicht sein, „nichts zu tun“, Es gibt zahlreiche Beispiele fr ttigkeitsinduzierte (einseitige Belastungen) und sozial induzierte (z.B. Mobbing/Bossing) Erkrankungen oder zumindest verstrkende Belastungsmomente.

Das Instrument der Mitarbeiterbefragung nutzen

Viele Unternehmen befragen regelmig mehr oder weniger ausfhrlich ihre MitarbeiterInnen. Diese Befragungsdaten oder auch die Ergebnisse eines 360 Feedbacks geben den verantwortlichen Fhrungskrften wertvolle Hinweise. Wichtig ist, dass der Fragenkatalog nicht nur auf Defizite abzielt, sondern auch auf die Ressourcen und Strken. Das wird zwar seit langem propagiert – nach unserer Erfahrung sieht die Praxis der Mitarbeiterbefragung nach wie vor ausgesprochen defizitorientiert aus.

So kann durch diverse Befragungs- und Beurteilungsverfahren3 ermittelt werden, welche sozialen, organisatorischen und in Teilen auch persnlichen Puffern (z.B. persnliches Gesundheitsverhalten, Fitnessaktivitten) die Luft ausgeht und welchen nicht. Darauf kann sich Fhrung und auch das HR Management konzentrieren. Denn manchmal ist es die Arbeitszeit, die durch wenig Flexibilitt fr Kurzzeitabwesenheit sorgt, weil sich der Arztbesuch zur Vorsorgeuntersuchung oder beim Orthopden sonst nur schwer organisieren lsst. Oder das neue Schichtmodell wirkt – mittel- und langfristig - negativer auf die Gesundheit der MitarbeiterInnen als erwartet.

In diesem Fall sind es organisatorische Puffer, die geprft und gegebenenfalls nachjustiert werden knnen. Die Sache ist anders gelagert, wenn das Ergebnis einer Motivationsanalyse Urteile wie: „mangelnde Wertschtzung durch meinen Vorgesetzten“ oder „mein Chef hat kein offenes Ohr fr mich“ oder auch „wir Teamkollegen stehen nicht freinander ein“, „es gibt viele Konflikte unter uns MitarbeiterInnen“ zu Tage frdert. Dann ist es das Fhrungsverhalten, dem durch eine Qualifizierung und Sensibilisierung im Bereich „gesunde Fhrung“ durchaus begegnet werden kann. Das Gleiche gilt fr die Strken, denn nichts wre schlimmer, nun bspw. den einzig funktionierenden sozialen und organisatorischen Puffer zu kappen. Ein funktionierendes Team kann schnell durch individuelle – auf Wettbewerb ausgerichtete Zielvereinbarungen - aus dem Tritt gebracht werden und Konflikte begnstigen und verstrken (z.B. wenn das Teamverstndnis bzgl. der Aufgaben bislang eher komplementr war).  

Auch Einschrnkungen im Ttigkeitsspielraum wirken erfahrungsgem auerordentlich demotivierend und haben in bestimmten MitarbeiterInnengruppen erhebliches Frustrationspotenzial bis hin zur inneren und tatschlichen Kndigung. Dann ist es auch eine Frage der sozialen Kompetenz, diese Vernderungen mit wenigen Reibungsverlusten zu gestalten. Dabei darf aber soziale Kompetenz nicht auf pure Mitarbeiterempathie reduziert werden. Schlielich ist es die Fhrungskraft, die zwischen allen Sthlen sitzt und der auch schon mal und gerade jetzt der Handlungsspielraum schwindet.

Die Fhrungskraft ist auch Mitarbeiter…

Durch die grere Verantwortung, den greren Handlungsspielraum und daher in aller Regel einer greren Zufriedenheit mit der eigenen Ttigkeit, bleiben Fhrungskrfte seltener der Arbeit fern. Fhrungskrfte haben mehr Mglichkeiten am Arbeitsmarkt und damit mehr Gestaltungsspielraum in und auerhalb des Unternehmens. Aber: Diese Menschen erkranken auch aufgrund ihrer Position zwischen den Fronten. Diese Menschen haben trotz allem Durchhnger, Depressionen und Doppelbelastungen. Insofern mssen auch Fragen wie Selbstorganisation, Selbstmanagement, Potenziale der Fhrungskrfte Gegenstand von Fhrungskrftequalifizierungen sein, denn – auch die brechen mal weg oder streichen – egal wie – die Segel.

Da Unternehmen solche Leistungstrger in aller Regel halten sollen und wollen, ist eine Qualifizierung – ein Raum fr Weiterentwicklung, damit sich die Fhrungskrfte vor Ort in ihrer Sandwichrolle zurecht finden – auch eine Mglichkeit, Wertschtzung zu zeigen. Daher ist es wichtig, eine Qualifizierung im Bereich „gesunder Fhrung“ mit dem Motiv der Frsorge und Wertschtzung zu kennzeichnen und diese Punkte auch in der Qualifizierung und Trainer- und Beraterauswahl einzubeziehen.

Unsere Prophezeiung lautet daher: Gerade weil die Mglichkeiten am Arbeitsmarkt momentan begrenzt sind, werden mehr Fhrungskrfte als gewhnlich sich der unangenehmen Sandwichrolle stellen. Sie werden ihrem Arbeitgeber aber auch dankbar sein, wenn sie in dieser Situation mit dem notwendigen Rstzeug ausgestattet sind, um ihrer Rolle gerecht zu werden. Insofern ist die Qualifizierung in „gesunder Fhrung“ eine Manahme zur doppelten Mitarbeiterbindung.

Gesunde Fhrung hat viel damit zu tun, inwieweit die Fhrungskraft mit sich selbst im Reinen ist und ber welches Ma an sozialer und natrlich fachlicher Kompetenz sie verfgt. Daher ist es wichtig ein potenzialgesttztes Trainingsdesign zu whlen, um bei den Fhrungskrften den individuellen Suchprozess einzuleiten, der in der „Sandwichfhrungsrollenalltagssituation“ zu kurz kommt, weil die alltgliche Hetze und Zahlenorientierung dies nicht mehr zulsst. Kurzum: Auch Fhrungskrfte brauchen Verarbeitungsrume und –spielrume und nicht zuletzt: Anerkennung durch Qualifizierung und Perspektive!

Was sind genau die Bestandteile gesunder Fhrung?

Dies alles bringt uns zu folgenden entscheidenden Punkten, die „gesunde Fhrung“ und eine Qualifizierung in diesem Bereich ausmachen sollten: Die Ausrichtung zielt sinnvoller Weise sowohl auf eine gesunde Selbstfhrung als auch auf eine gesunde Mitarbeiterfhrung. Bei der Selbstfhrung geht es um die persnliche Gesundheitskompetenz der Fhrungskrfte im Umgang mit (Dauer-) Belastung – Stichwort: „guter Umgang mit mir selbst“. Im zweiten Teil stehen Information und Erfahrungsaustausch zu den relevanten gesundheitlichen Einflussfaktoren und eine gesundheitsgerechte Mitarbeiterfhrung im Mittelpunkt. In diesem Kontext sollten die Qualifizierungsmanahmen mit wissenschaftlichen Befunden, Zahlen, Daten und Fakten untermauert und durch Praxisbeispiele, Erfahrungsaustausch und bungen der notwendige Transfer in die Fhrungspraxis sichergestellt werden.

Wichtig ist die Aktivierung und Sensibilisierung der Fhrungskrfte fr die eigenen Handlungsmglichkeiten in Bezug auf Gesundheit – ohne Zeigefinger!

QUERVERWEIS
Buchtipp
Praxishandbuch Change Management: Einsatzfelder, Grenzen und Chancen
Als Vorsitzende der Fachverbände Changemanagement bzw. Personalmanagement im Bundesverband Deutscher Unternehmensberater BDU e.V. bündeln die Herausgeber die langjährige Praxiserfahrung renommierter Unternehmensberater im Bereich Change Management.
Weitere Informationen
ZUM AUTOR
ber Stephan Teuber
Loquenz Unternehmensberatung GmbH
Stephan Teuber ist geschäftsführender Gesellschafter der Loquenz Unternehmensberatung GmbH, Unternehmensberater (CMC/BDU), Vizepräsident im Bundesverband Deutscher Unternehmensberater e.V., Systemischer Supervisor (SG), ...
Loquenz Unternehmensberatung GmbH
Max-Eyth-Straße 13
70771 Leinfelden-Echterdingen

+49-711-758577870
ZUM AUTOR
ber Daniela Himmelreich
Loquenz Unternehmensberatung GmbH
Daniela Himmelreich ist Dipl. Sozialwirtin und als Senior Consultant, Trainerin und Coach bei der Loquenz Unternehmensberatung GmbH tätig. Die Schwerpunkte der Beratungs- und Trainingstätigkeit von Daniela Himmelreich, die auch die ...
Loquenz Unternehmensberatung GmbH
Max-Eyth-Straße 13
70771 Leinfelden-Echterdingen

+49-711-758577870
WEITERE ARTIKEL DIESES AUTORS
„Gesund“ Führen
Die Anforderungen an Führungskräfte steigen. Das Gefühl der Fremdbestimmung und eigene Glaubenssätze ... mehr

ANDERE ARTIKEL AUS DIESEM RESSORT
SUCHE
Volltextsuche





Profisuche
Anzeige
PRESSEFORUM MITTELSTAND
Pressedienst
LETZTE UNTERNEHMENSMELDUNGEN
Anzeige
BRANCHENVERZEICHNIS
Branchenverzeichnis
Kostenlose Corporate Showrooms inklusive Pressefach
Kostenloser Online-Dienst mit hochwertigen Corporate Showrooms (Microsites) - jetzt recherchieren und eintragen! Weitere Infos/kostenlos eintragen
EINTRGE
PR-DIENSTLEISTERVERZEICHNIS
PR-Dienstleisterverzeichnis
Kostenlos als PR-Agentur/-Dienstleister eintragen
Kostenfreies Verzeichnis fr PR-Agenturen und sonstige PR-Dienstleister mit umfangreichen Microsites (inkl. Kunden-Pressefchern). zum PR-Dienstleisterverzeichnis
BUSINESS-SERVICES
© novo per motio KG