Kolumne
Fit for Success, 23.02.2010
Perspektive Mittelstand
Konsolen-Sport
Virtuelle Fitness - wenn allein die Software schwitzt
Mithilfe digitaler Hometrainer, etwa Wii Sports oder Wii Fit Plus, sollen die Bürger fitter werden. Das suggerieren Hersteller wie Nitendo oder Electronics Art (EA). Wissenschaftliche Studien widerlegen diese Annahme.
Seit geraumer Zeit haben die Hersteller von Videospielkonsolen eine neue Zielgruppe: übergewichtige Couch potatoes. Mit interaktiven Programmen, die den Nutzern versprechen, körperliche Fitness auch vor dem heimischen Bildschirm erreichen zu können, wollen sie viel Geld verdienen. Action, Bewegung, Fitness, gesünderer Lebensstil – diese Begriffe finden sich daher zuhauf auf den Internetseiten der Anbieter. Nur konsequent ist es, dass selbst eine Software zum Kalorienzählen nicht im Angebot fehlt.

Eine Studie des Sportmediziners Prof. Klaus Völker von der Universität Münster belegt jedoch, dass die Konsolen-Werbung mehr verspricht, als sie halten kann. Über 40 Sportstudenten – je zur Hälfte Männer und Frauen – nahmen an der Studie des von Völker geführten Instituts für Sportmedizin teil. Die Anforderungen an die zwischen 21 und 29 Jahren alten Probanden: Die Teilnehmer mussten gesund und an den Sielkonsolen Neulinge sein. Die Studierenden traten in drei Disziplinen gegen ihre Spielpartner an: im Boxen, im Tennis sowie im Vierkampf, einer Mischung aus drei Laufdistanzen und einer Schwimmstrecke. Zwischen den jeweils eine Viertelstunde dauernden Spielblöcken gab es 20-minütige Pausen, damit die Belastung der Probanden wieder auf das Normalniveau sinken konnte.

Während der Querschnittsuntersuchung beobachteten Völker und sein fünfköpfiges Team, wie sich die Werte bei verschiedenen Indikatoren für eine körperliche Belastung veränderten. Gemessen wurden beispielsweise die Herzfrequenz und der Laktatwert der Probanden. Zudem wurden diese um eine Selbsteinschätzung ihrer Anstrengung nach einem internationalen Standard, der Borg-Skala, gebeten. Die so gewonnenen Angaben wurden anschließend mit Durchschnittswerten verglichen, die aus der Forschung für die realen Sportarten bekannt sind.

Einhelliges Ergebnis für alle drei getesteten Disziplinen: Die Computerspiele kamen bei weitem nicht an das Belastungsniveau und damit den Trainingseffekt ihrer Vorbilder heran. Lediglich das Boxen führte zu einer trainingsphysiologisch relevanten, allerdings nur moderaten Belastung. Zu den Messwerten passt die Selbsteinschätzung der Teilnehmer: Diese beurteilten selbst die körperlich anspruchvollste Sportart, das Boxen, auf der Borg-Skala im Schnitt nur als "etwas anstrengend". Dass sich die Probanden nicht verausgaben mussten, hängt auch mit der Dauer der reinen Bewegungszeit zusammen: Selbst bei der hier führenden Disziplin, dem Boxen, entfielen darauf im Mittel nur knapp 9 von 15 gespielten Minuten. Beim Vierkampf wurden im Schnitt sogar nur 4 Minuten und 49 Sekunden mit dem eigentlichen Spielen verbracht.

Auch aus zwei weiteren Gründen eignen sich die Spielkonsolen laut Völker nicht als Sportersatz. Die Nutzer merkten schnell, dass die Sensoren an den Steuergeräten der Konsolen, den so genannten Controllern, bereits bei geringen Bewegungen ansprechen. Daher neigten die Spieler mit der Zeit dazu, ihre Bewegungen auf das notwendige Minimum zu reduzieren. Ökonomisierungseffekt nennt Völker diese Erscheinung, die zwar nicht Gegenstand der Untersuchung, aber "als Trend klar erkennbar" gewesen sei. Zum zweiten habe die Studie deutlich vor Augen geführt, dass Konsolen-Fans "nicht miteinander, sondern nebeneinander spielen". Die Kommunikation als ein wichtiger, auch motivierender Faktor bei vielen Sportarten werde durch die einseitige Ausrichtung der Spieler auf den Bildschirm beeinträchtigt.

Dem Fazit der Münsteraner Forscher, dass interaktive Videospiele ihren Besitzern zwar zu mehr Bewegung verhelfen, aber fehlende echte sportliche Bewegung nicht ausgleichen können, kann daher nur zugestimmt werden. Es ist ohne Zweifel besser, das ganze „Erlebnis Sport“ real als die virtuelle Sparversion im Wohnzimmer zu erleben.
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Über Dr. Dr. Michael Despeghel
Dr. Dr. Michael Despeghel ist seit rund 25 Jahren der führende Experte für Fitness, Prävention und gesunde Lebensführung. Als Redner der Extraklasse hält der Lifestyle-Guru europaweit Vorträge zu Themen wie "Lust auf Leistung“, „Bewusster leben, bewusster ...
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