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News, 21.07.2014
Unternehmenssanierung
Zwei Jahre Schutzschirmverfahren - eine Bilanz
Seit zwei Jahren soll das „Schutzschirmverfahren“ die Sanierung von Unternehmen in der Krise erleichtern. Was das Schutzschirmverfahren für Unternehmenssanierungen tatsächlich gebracht hat …
Loewe, Küppersbusch, Centrotherm - eine Reihe bekannter Unternehmen machten bereits vom neuen Schutzschirmverfahren Gebrauch.
Loewe, Küppersbusch, Centrotherm - eine Reihe bekannter Unternehmen machten bereits vom neuen Schutzschirmverfahren Gebrauch.
Hauptmerkmal der Sanierung unter einem Schutzschirm: Nicht ein Insolvenzverwalter übernimmt das Ruder, sondern die Geschäftsführung bleibt im Amt. Bekannte Firmen, etwa der TV-Hersteller Loewe, das Photovoltaik-Unternehmen Centrotherm oder der Großküchenhersteller Küppersbusch, machten vom neuen Insolvenzrecht Gebrauch und zeigten, dass das Schutzschirmverfahren ein gutes Instrument ist, um sich erfolgreich und vor allem schnell zu sanieren.

Trotzdem sehen Kritiker die Reform des Insolvenzrechts immer noch skeptisch. Häufige Begründung: Zu wenige Unternehmen nutzen die neuen Möglichkeiten und Instrumente. Prof. Dr. Lucas F. Flöther, einer der führenden deutschen Insolvenzverwalter und Namenspartner der auf Sanierung spezialisierten Kanzlei Flöther & Wissing, zieht ein deutlich positiveres Fazit und räumt mit einigen Missverständnissen auf. 

„Der Vorwurf, zu wenige Unternehmen würden das neue Instrument des Schutzschirmverfahrens nutzen, ist so nicht richtig“, erklärt Flöther. „Vielmehr sind Schutzschirmverfahren überhaupt nur für wenige Unternehmen geeignet und richten sich hauptsächlich an größere Betriebe ab etwa 100 Mitarbeitern.“ Trotzdem hat es laut Studien seit der Einführung 2012 bis zum August 2013 bereits über 100 Schutzschirmverfahren in Deutschland gegeben; bis heute dürfte sich der Wert mehr als verdoppelt haben. „Das ist eine ordentliche Zahl“, ergänzt der Experte, „zumal dies fast ausnahmslos große Unternehmen mit einer Vielzahl von Arbeitsplätzen waren.“ Laut Flöther bewegt sich nämlich die Zahl der Krisen-Unternehmen, die für ein Schutzschirmverfahren in Frage kommen, gemessen an den Insolvenzzahlen, nur im Promillebereich. Das hat im Wesentlichen zwei Gründe.

Grund Nr. 1: Nach dem Gesetz kann ein Unternehmen nur ein Schutzschirmverfahren beantragen, wenn lediglich eine drohende Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung, jedoch keine Zahlungsunfähigkeit vorliegt. Um genau dies zu belegen, verlangt das zuständige Gericht ein unabhängiges Gutachten. Dessen Erstellung kostet im Durchschnitt einen fünfstelligen Betrag. Das ist für den Großteil der Unternehmen nicht zu leisten. „Hier fallen die meisten Unternehmen schon durchs Raster“, so Flöther. „Das Schutzschirmverfahren ist nicht für den vor der Pleite stehenden Kiosk von nebenan entwickelt worden.“

Grund Nr. 2: Des Weiteren muss das Unternehmen einen Insolvenzrechts-Spezialisten als Berater engagieren. Oftmals wird dieser auch direkt in die Geschäftsleitung als sogenannter Sanierungsgeschäftsführer oder CRO (chief restructuring officer) berufen. „In keinem Unternehmen gibt es genug insolvenzrechtliches Wissen“, erläutert Flöther. „Dieses muss also ‚dazugekauft’ werden und verursacht natürlich weitere Kosten, die für Kleinunternehmen nicht zu stemmen sind.“ Hier gäbe es noch Verbesserungsmöglichkeiten, da die insolvenzrechtliche Expertise im Fall der Fälle eigentlich doppelt ins Unternehmen einzieht: Neben der Verpflichtung des Beraters durch das Unternehmen, wird dem Unternehmen vom Gericht ein sogenannter Sachwalter an die Seite gestellt, der die Interessen der Gläubiger wahren soll. „An dieser Stelle könnte man sicherlich Kosten einsparen“, so der Experte.  

Schutzschirmverfahren: vertrauensbildend und schnell

Für die Unternehmen, die dagegen gute Aussichten auf die Durchführung eines Schutzschirmverfahrens haben, bietet das neue Verfahren enorme Vorteile: Zum Beispiel werden Geschäftsführer motiviert, sich der Situation rechtzeitig zu stellen und sich frühzeitig mit den Optionen der insolvenzrechtlichen Sanierung zu beschäftigen. Durch die Möglichkeit der Eigenverwaltung kann der Unternehmer oder Geschäftsführer während des Verfahrens Herr im eigenen Haus bleiben. „Ein guter Weg, denn wer kennt sein Unternehmen und die Kunden schon besser als die eigene Geschäftsführung?“, betont Flöther. Anträge werden so schneller gestellt, als früher.

Und der Faktor Zeit spielt laut Flöther eine ganz entscheidende Rolle: „Je früher gehandelt wird und je mehr Ressourcen noch zur Verfügung stehen, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit ein Unternehmen erfolgreich zu sanieren.“ Zudem ist es über ein Schutzschirmverfahren möglich, das Unternehmen extrem schnell neu aufzustellen. Läuft alles nach Plan, wird das Verfahren meist nach sechs bis neun Monaten abgeschlossen und vom Gericht aufgehoben. „Wir sprechen vom sogenannten Sanierungs-Turbo, der natürlich für alle beteiligten Parteien nur wünschenswert ist“, so Flöther. Im Vergleich dauere ein herkömmliches Regelinsolvenzverfahren dagegen oft vier bis fünf Jahre. Entscheidend aber ist: Bei einem „normalen“ Insolvenzverfahren ist meist der Unternehmer sein Unternehmen los. Im Schutzschirmverfahren hingegen – wenn eine Sanierung über einen Insolvenzplan gelingt – kann der Unternehmer sein Unternehmen behalten.

Wichtig – besonders für die Zukunft des sanierten Unternehmens – ist die Wortwahl und der damit verbundene Image-Erhalt des Unternehmens. Das Wort „Insolvenz“ wird vermieden, was sich grundsätzlich positiv auf das Verhältnis zu Kunden, Lieferanten und natürlich Mitarbeitern auswirkt. „Es ist ein deutliches Signal nach Außen, dass das Unternehmen eben noch nicht insolvent ist und man trotzdem rechtzeitig Maßnahmen ergriffen hat“, betont Flöther. „Das schafft wichtiges Vertrauen.“ Auch bei den Gläubigern kommt das Vorgehen positiv an. „Unternehmer gelten nicht mehr so schnell als Versager oder Bösewicht, wie es früher der Fall war, wenn das Unternehmen ins Wackeln kommt“, so Flöther. Aber gleichzeitig können altbewährte klassische Sanierungsinstrumente auch im Schutzschirmverfahren genutzt werden, wie z. B. die Insolvenzgeldvorfinanzierung, bei der die Löhne und Gehälter der Mitarbeiter bis zu drei Monate durch die Bundesagentur für Arbeit übernommen werden.

„Insgesamt war die Einführung der Schutzschirmverfahren sicher der richtige Schritt“, zieht Flöther Bilanz. „Dies zeigt sich allein in den Unternehmen, die sich unter dem Schutzschirm schnell und erfolgreich saniert haben und heute wieder gesund am Markt agieren.“ Es sei klar erkennbar, dass das Bewusstsein wächst und die Hemmschwelle zur Anmeldung einer Insolvenz deutlich gesunken ist: Insolvenzanträge werden früher gestellt und damit steigt auch die Chance für die Sanierung entsprechender Unternehmen deutlich. „Dem Vorwurf vieler Kritiker, dass die Reform des Insolvenzrechts nichts gebracht habe oder gar gescheitert sei, kann ich daher nicht zustimmen“, so Flöther. „Ich kann nur jedem Unternehmen raten, das in eine Krise geraten ist und die Möglichkeit hat, ein Schutzschirmverfahren zu beantragen, dies auch zu tun.“
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