Umbruchphasen
Erfolgreiches Change Management setzt in den Köpfen an
Ein Interview mit Dr. Gerhard Helm, Münchner Akademie für Business Coaching
Viele Unternehmen stehen in diesen turbulenten Zeiten vor enormen Herausforderungen: Absatzeinbrüche, Preisverfall, Stellenbau und veränderte Marktanforderungen stellen bisher funktionierende Strukturen und Prozesse in Frage. In einem Interview erläutert Dr. Gerhard Helm, Inhaber der Münchner Akademie für Business Coaching, die mit solchen tiefgreifenden Umbruchphasen einhergehenden psychologischen Herausforderungen und wie sich diese meistern lassen.
Herr Dr. Helm, als Business Coach und Coach-Ausbilder begleiten Sie
Unternehmen und Führungskräfte durch Veränderungen. Welchen Nutzen
bietet hier das Instrument des Coachings?
Dr. Gerhard Helm: Veränderung ist oft nicht so einfach, wie es
sich in den Strategiepapieren der Führungskräfte darstellt. Denn
Veränderungen verursachen erst einmal Unsicherheit; sie können nur dann
nachhaltig umgesetzt werden, wenn auch der begleitend stattfindende
psychologische Übergangsprozess entsprechend gewürdigt und positiv
gelenkt wird. Das Alte ist das Bekannte, das Neue ist in seinen
Auswirkungen noch unabsehbar. Durch Coaching lernen die Mitarbeiter,
das Alte loszulassen, die Phase des unsicheren Übergangs auszuhalten
und sich dem Neuen zu nähern. Sie stärken ihr Vertrauen, den Übergang
zu meistern und lernen ganz konkret, neue, oftmals abstrakte und
(noch) ungreifbare Strukturen und Prozesse mit Leben zu füllen. Dadurch
gelingt es, die Gefahr der Verweigerung und des Blockierens zu
vermeiden und ein aktives Mitgestalten zu fördern.
Gibt es eine übergreifende Struktur, die allen Veränderungsprozessen zugrunde liegt?
Helm: Im Coaching werden die inneren Prozesse beleuchtet, die
parallel zu den äußeren Veränderungsprozessen stattfinden. Dieser
innere Transformationsprozess verläuft genau wie die äußeren Prozesse
nach einem immer gleich bleibenden Muster. Auf die erste
Verleugnungsphase folgt die Phase des Widerstandes, die wiederum von
der Talphase einer emotionalen Instabilität abgelöst wird. Erst danach
geht es wieder nach oben. Eine Zeit der inneren Verunsicherung und
äußerer Reibungsverluste mündet schlussendlich in der Stabilisierung,
in der neue Ideen akzeptabel werden und eine Neuorientierung sichtbar
wird.
Welche Emotionen und Widerstände treten in den einzelnen Phasen auf?
Helm: Natürlich sind die Emotionen sehr individuell: In der
ersten Phase reicht das von „nicht wahrhaben wollen“ bis hin zu Schock
und kurzweiliger Euphorie. Grundlage dieser Gefühle sind oft fehlende
Informationen, Gerüchte und ein angespanntes Arbeitsklima. Darauf folgt
oft ein „Ausklinken“, eine abwehrende Haltung, Unterstellungen. Im
Moment maximaler Unsicherheit geht es darum, das Alte loszulassen,
obwohl das Neue sich noch gar nicht etabliert hat. Frustration,
Mutlosigkeit und Angst sind oft die Folge. Diese „unerwünschten“
Gefühle werden von Führungskräften oft nicht akzeptiert. Stattdessen
bekämpfen sie sie – mit dem Ergebnis, dass der Frust und die Angst noch
mehr Nahrung erhält. Bis hin zur Stabilisierung ist es daher wichtig,
sich und seinen Gefühlen Raum zu geben, sich zu ordnen, Fehler
zuzulassen und dabei auch wieder den Blick nach vorne zu richten und
dazu konkrete Schritte zu planen.
In welchen der beschriebenen Phasen ist ein Coaching zu empfehlen?
Helm: Coaching ist in allen oben genannten Phasen sinnvoll:
Change-Prozesse lösen immer Emotionen aus – beim einen intensiver, beim
anderen weniger intensiv. Auch die Bereitschaft zu Veränderung ist bei
Menschen unterschiedlich groß, die Fähigkeit, sich auf den Wandel
einzustellen, unterschiedlich stark ausgebildet. Coaching ist immer
ganz individuell auf den Klienten abgestimmt. Als Coach ist es in allen
Phasen essentiell wichtig, den Klienten dabei zu unterstützen, seine
innere Unsicherheit zu akzeptieren und seine äußeren Umstände mit allen
Aspekten zu reflektieren, so dass er Klarheit und Handlungsfähigkeit
gewinnt. Damit erkennt er auch, was es zurückzulassen gilt und welche
positiven Aspekte der neue Zustand bietet. Wichtig ist dabei, Altes zu
verabschieden ohne es schlechtzureden und das Neue zu begrüßen, ohne in
eine unglaubwürdige Schönfärberei zu verfallen. Und vor allem gilt es,
Stabilität und Vertrauen in die eigenen Kräfte zu entwickeln, die Phase
des Übergangs trotz aller Unsicherheiten erfolgreich zu meistern. So
bekommt der Neuanfang ein sicheres Fundament.