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News, 05.11.2007
Studie
Innovationsfähigkeit der deutschen Wirtschaft in Gefahr
Die Schwellenländer, allen voran China, rüsten auf und begnügen sich längst nicht mehr damit, nur die verlängerte Werkbank der Industrieländer zu sein. Angaben der Hans-Böckler-Stiftung zufolge habe China seinen Anteil an den weltweiten Aufwendungen für Forschung und Entwicklung (FuE) von 1996 bis 2004 fast verdreifacht. Während jedoch insbesondere die skandinavischen Länder und Nordamerika frühzeitig die Voraussetzungen zur Stärkung ihrer Innovationsfähigkeit geschaffen haben, sei in Deutschland die Innovationsstärke zahlreicher Unternehmen in Gefahr.­
Um sich im Wettbewerb um künftige Innovationen behaupten zu können, so die Einschätzung von Frank Gerlach und Astrid Ziegler von der Hans-Böckler-Stiftung, die unter dem Titel "Innovationspolitik: Wie kann Deutschland von anderen lernen?" einen Band mit zehn Länderstudien herausgegeben haben, müssten die etablierten Industriestaaten deutlich mehr als bisher in FuE investieren, wie die Hans-Böckler-Stiftung aktuell berichtet. Noch wichtiger als die Höhe der Investitionen sei es jedoch, die Mittel auch richtig zu verwenden. "Die Ausgaben sind eine notwendige, aber noch keine hinreichende Bedingung, um auch tatsächlich eine erfolgreiche Innovationspolitik umzusetzen", so ein Fazit von Gerlach und Ziegler.

Dass eine erfolgreiche und zukunftsweisende Innovationspolitik des Zusammenspiels unterschiedlichster Faktoren bedarf, verdeutlicht unter anderem das Beispiel Skandinavien. Ob nun die Wettbewerbsfähigkeit oder die gesellschaftlichen Entwicklung betreffend - Schweden und Norwegen belegen dem Bericht zufolge bei internationalen Vergleichen stets die oberen Plätze. Der Grund hierfür sei laut Arbeitswissenschaftler Paul Oehlke vor allem die innovative Arbeitspolitik der beiden Länder: Gemeinsame Programme von Regierung und Verbänden sowie die enge Zusammenarbeit von Tarif- und Betriebsparteien haben demnach nicht nur die Organisation und Arbeitsbedingungen in den Unternehmen verbessert, sondern den Beschäftigten auch große Gestaltungsmöglichkeiten verschafft. Hinzu kämen hohe Bildungsausgaben sowie eine gute öffentliche Gesundheitsversorgung und Kinderbetreuung. Zum Vergleich: Während laut OECD-Bildungsbericht 2007 in Deutschland derzeit nur etwa 36 Prozent eines Jahrganges ein Studium beginnen, sind es Skandinavien, Australien und Polen 70 Prozent und mehr.

Auch Finnland hat sich durch langfristige Planung und die Bildungsinvestitionen aus eigener Kraft zu einem Standort mit hoher Innovationsfähigkeit entwickelt. Die entscheidenden Weichenstellungen seien dabei nach Angaben von Gerd Schienstock, Professor an der Universität Tampere, schon in den 70er- und frühen 80er-Jahren vorgenommen worden. "Finnland gehört zu den ersten Ländern, die damit begonnen haben, eine systematische Vernetzungspolitik zur Stimulierung und Effektivierung von Innovationsprozessen zu betreiben", zitiert die Hans-Böckler-Stiftung Schienstock. Darüber hinaus verfolge Finnland eine "betriebsbezogene Politik der Stärkung innovativer Fähigkeiten" und habe die Forschungsausgaben selbst in Wirtschaftskrisen nicht reduziert, obwohl sich der Erfolg erst Mitte der 90er-Jahre eingestellt habe. Und auch das Bildungssystem ist vorbildhaft: Über ein Drittel (35%) aller 20- bis 29-jährigen Studenten absolvieren ein Studium im naturwissenschaftlich-technischen Fächern.

Ebenfalls zu den ökonomischen Gewinnern der vergangenen 15 Jahre zählen die USA und Kanada, die insbesondere von ihrer kulturellen Vielfalt und der hohen Verfügbarkeit von Risikokapital profitieren. Dabei verdankten beide Länder einen wesentlichen Teil der Innovationsdynamik den erheblichen Impulsen durch Einwanderer – und damit dem Bericht zufolge ihrer Offenheit und Toleranz. Darüber hinaus sei in keinem Land der OECD die Versorgung mit privatem Frühphasenkapital so gut wie in Kanada, noch nicht mal in den USA. Ein weiterer Pluspunkt der Kanadier ist überdies eine "hochgradig qualifizierte Breitenausbildung".

In Deutschland, das zwar ebenfalls von einer guten Breitenausbildung profitiere, seien die Aktivitäten hingegen zu einseitig auf Leuchttürme und Spitzenforscher ausgerichtet. "Die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen kleiner und mittlerer Industrieunternehmen sind überaltert. Es ist eine Frage der Zeit, bis dieses Innovationshemmnis zu dramatischen Einbrüchen in den Unternehmen führen wird", so Astrid Ziegler. Auch unterschätze die Politik nach Meinung der Wissenschaftlerin die Rolle der Beschäftigten und ihrer Interessenvertreter. So könnten die Entwicklung von Produktideen, ihre Umsetzung in marktfähige Produkte und der zu ihrer Erstellung notwendige betriebliche Prozess nur dann erfolgreich sein, wenn dieser von den Beschäftigten im Betrieb mitgetragen werde. Nach Zieglers Einschätzung bedarf es hierfür aber zum einen verstärkter Qualifizierung und zum anderen einer Arbeitspolitik, die mehr Kreativität am einzelnen Arbeitsplatz erlaube – Themen, die jedoch in der Innovationsstrategie der Bundesregierung nicht wiederzufinden seien. Den Grund hierfür sieht die Wissenschaftlerin der Hans-Böckler-Stiftung vor allem in den Beratergremien, die sich - wie beispielsweise die "Forschungsunion Wirtschaft - Wissenschaft" und der "Rat für Innovation und Wachstum“ - vorrangig aus Managern von Großunternehmen und Wissenschaftlern zusammensetzten.

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