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News, 17.06.2009
Management by objectives
Arbeitnehmer systematisch überfordert
Während moderne Management-Ansätze wie unter anderem das Führen mittels Zielvereinbarungen (engl.: Management by ojectives) den Beschäftigten mehr Freiraum bringen, Leistungsanreize schaffen und die Mitarbeitermotivation steigern sollen, zeigt eine aktuelle Studie: Die „neue Freiheit“ in der Arbeitsorganisation erzeugt bei vielen Arbeitnehmern vor allem Leistungsdruck und Stress.
Die mit neuen Management-Methoden einhergehenden Arbeitsbedingungen führen zunehmend zu einer systematischen Überforderung der Belegschaften. Zu diesem Ergebnis kommt nach einem Bericht der Hans-Böckler-Stiftung eine aktuelle Studie des Instituts für Sozialwissenschaftliche Forschung München (ISF)*. Danach erhielten zahlreiche Beschäftigte zwar formal mehr Freiheiten. Aufgrund von unrealistischen Zielvorgaben, der zunehmenden Standardisierung von Arbeitsprozessen und striktem Controlling verstärkt der neue Freiraum dem Bericht zufolge jedoch oftmals nur den Leistungsdruck und wird somit zur seelischen Belastung.

Wie die Wissenschaftler berichten, könne der Management-Ansatz, den Beschäftigten bei der Erfüllung von Zielen freie Hand zu lassen, zwar theoretisch zu mehr Zufriedenheit führen. Doch standen dem Bericht zufolge in den untersuchten Unternehmen oft nicht die benötigten Ressourcen zur Verfügung, um die vorgegebenen Ziele zu erreichen. So erklärten mehr als vier von zehn befragten Führungskräften, dass es im Hinblick auf die avisierten Ziele „immer“ (5%) oder „oft“ (37,1%)  an Personal und Geld fehlt. Bei weiteren 43,9 Prozent der Interviewten ist das zumindest „gelegentlich“ der Fall. Dass die Zielvorgaben angesichts der zur Verfügung stehen Ressourcen „nie“ oder nur „selten“ zu hoch sind, meinten hingegen nur 14,1 Prozent der interviewten Führungskräfte. Infolgedessen fühlten sich Mitarbeiter der Studie zufolge häufig überfordert und belastet. Zudem konterkariere die zunehmende Standardisierung von Arbeitsschritten und starke Kontrolle der Abläufe die angeordnete Selbststeuerung.

In ihrer Studie haben die Autoren Nick Kratzer, Wolfgang Dunkel und Wolfgang Menz vom ISF beschrieben, wie sich drei zentrale Merkmale der neuen Arbeitsgestaltung auswirken und die Belegschaften belasten:

Faktor „Ergebnisorientierung“

Nach Beobachtung der Studienautoren finde in den Unternehmen gegenwärtig „ein Paradigmenwechsel in der betrieblichen Leistungssteuerung“ statt. So gingen die Unternehmen bei ihrer Planung nicht mehr von den gegebenen Kapazitäten aus, sondern von einem zu erreichenden Ergebnis, das im Vorfeld festgelegt wird. Damit orientierten sich Zielvorgaben nicht an dem, was praktisch machbar, sondern an dem, was theoretisch denkbar ist. Das gewünschte Ergebnis wird auf der Führungsebene beschlossen und nach unten weitergereicht. Ein ausgefeiltes Controlling-System macht wiederum sichtbar, welches Team bzw. welcher Mitarbeiter die Ziele nicht erreicht.

Die vorgegebenen Ziele zu erreichen, ist allerdings auf Dauer nicht genug: "Es muss jedes Jahr besser, mehr, schneller werden", beschreibt das Forscherteam, wonach die vorgegebenen Ziele oft Steigerungsraten vorsehen. Während jedoch die Manager erklärten, dass Arbeit „herausfordernd“ sein solle, würden die Mitarbeiter tatsächlich systematisch und absichtlich überfordert - und das nicht nur in einzelnen Unternehmen. Ein Beschäftigter berichtet: "Ich höre jedes Jahr von den Führungskräften den Satz: Wir legen noch eine Schippe drauf. Und das Merkwürdige ist: Wir schaffen das jeweils." Mit der Konsequenz, "dass sich die Spirale weiterdreht und wir am Ende des Jahre wieder hören, dass wir noch eine Schippe drauflegen sollen, obwohl wir eigentlich schon am Limit arbeiten", zitieren die Wissenschaftler, wobei der ständige Blick auf die Zahlen „ein reines Knechtinstrument" sei, so ein weiterer Befragter.

Faktor „Regorganisation“

Ein weiterer Belastungsfaktor für die Mitarbeiter ist die permanente Reorganisation der Unternehmen: Unrentable Bereiche werden verkleinert, ausgelagert, geschlossen, ganze Betriebsteile ein- oder ausgegliedert, Abteilungen getrennt oder zusammengelegt. So würden die Betriebe fortwährend überprüft und umgebaut, sobald eine Kennzahl nicht den Erwartungen entspreche. Für die Beschäftigten bedeute das permanente Unsicherheit, da sich diese immer neu anpassen und mit der Sorge leben müssten, dass die Restrukturierung zu Lasten ihres Arbeitsplatzes geht. Zudem verlange die Reorganisation oft Zusatzarbeit und biete Unternehmen einen Anlass, die Personaldecke auszudünnen, so dass am Ende mehr Arbeit für die Rest-Belegschaft bleibt.

Faktor „Selbststeuerung und Standardisierung“

Laut Studie sind die Beschäftigten in der Praxis mit widersprüchlichen Anforderungen konfrontiert. So würden beispielsweise die Angestellten eines Finanzdienstleisters einerseits aufgefordert, Kunden möglichst individuell zu beraten, dürften Ihnen aber andererseits nur standardisierte Produkte verkaufen. Zugleich schränkten schematisch normierte Prozesse, Produkte und Instrumente die neue vermeintliche Freiheit wieder ein, da diese kaum Entlastung bieten würden, wie die Forscher feststellen. Eher sei das Gegenteil der Fall, weil das Controlling nur die standardisierten Arbeitsschritte aufnimmt und dadurch die Arbeitsorganisation als Last empfunden werde.

*) Nick Kratzer, Wolfgang Dunkel, Wolfgang Menz: Neue Managementmethoden - neue Belastungsformen?, in: Arbeit, Beschäftigungsfähigkeit und Produktivität im 21. Jahrhundert. Bericht zum 55. Kongress der Gesellschaft für Arbeitswissenschaft 2009, Dortmund. Mehr Infos zum Forschungsprojekt Pargema 

Quelle: Hans-Böckler-Stiftung

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