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Kolumne
Wechselbad, 25.03.2010
Blick in die Zukunft
Die schwarzen Schwäne frühzeitig entdecken
Vor der Entdeckung Australiens wusste niemand in der abendländischen Welt von der Existenz schwarzer Schwäne. Von schwarzen Schwänen als eine Metapher für überraschende Ereignisse, Themen und Probleme, auf die man nicht gefasst ist, und einer zukunftsorientierten Unternehmensführung…
Nicht gefasst ist auch der Truthahn – nmlich darauf, an Thanksgiving geschlachtet zu werden. Er wird von seinem Ftterer verwhnt, gehtschelt und getschelt. Und dann eines Tages das einschneidend-endgltige Ereignis. Es kann durchaus sein, dass sich am 15. September 2008 viele Bankkunden, Fhrungskrfte und Unternehmer wie Truthhne gefhlt haben, als sie von der Lehmann-Katastrophe heim gesucht wurden.

Aber es muss ja nicht immer gleich die ganz groe Katastrophe sein. Wahrscheinlich begegnen Unternehmer und Manager immer wieder „ihrem“ schwarzen Schwan – etwa einer Entwicklung im Markt, einer berraschenden Kunden-Kehrtwende oder einer technologischen Entwicklung bei der Konkurrenz, mit der man gar nicht gerechnet hat.

Wenn dem Manager jedoch bekannt ist, dass es schwarze Schwne gibt und er in der Rolle des Truthahns sein knnte, ohne es zu wissen: Was spricht dagegen, sich zu wappnen? Indem der Manager nebenschlichen Nachrichten groe Aufmerksamkeit schenkt. Er sich Auenseiter-Meinungen nicht nur anhrt, sondern das Gesprch mit dem kreativen Querkopf sucht. Er nicht nur das beachtet und in seine Entscheidungsfindung einbezieht, was er wei und auf der Hand liegt –sondern auch das ins Kalkl sieht, was er nicht wei.

Groe, radikale Vernderungen entstehen oft aus kleinen Ursachen. Das Neue findet der Manager nicht im Mainstream, sondern im unscheinbaren Nebenfluss. Ob Microsoft vor ein paar Jahren bemerkt hat, dass ein paar verrckte Computer-Freaks begannen, ein neues Betriebssystem zu entwickeln? Die Freaks sitzen irgendwo auf der Welt und „stricken“ an dem neuen System, ohne kommerzielle Ziele. Das Betriebssystem heit Linux und hat inzwischen dem Giganten ziemliche Marktanteile abgenommen.

Als die Werftarbeiter in Danzig begannen, auf die Strae zu gehen … als in Leipzig die Montagsdemonstrationen begannen … als in Ungarn der Grenzzaun durchschnitten wurde, damit die „DDR-Urlauber“ fliehen konnten … als in den liberalen Niederlanden rechtspopulistische Islamhasser mit ihren Hasspredigten begannen … Hat man das wahr- und ernstgenommen? Schon vor weit ber zwanzig Jahren haben „Vordenker“ auf die katastrophalen Folgen der demografischen Entwicklung gewarnt. Heute wei jeder: Das Rentensystem muss angepasst werden, schon bald fehlen uns Hunderttausende von qualifizierten Fachkrften.

Die Konsequenz: Die Fhrungskraft muss auch unscheinbare Informationen sammeln, analysieren, auswerten, Entwicklungsszenarien entwickeln. „Wo sitzt der schwarze Schwan? Welche Entwicklung kann mich zum Truthahn machen?“
Es gehrt zu den Aufgaben des Topmanagements, die Zukunft des Unternehmens aktiv zu gestalten und Trends zu entdecken, die das Geschick des Unternehmens beeinflussen, bevor es diese Trends berhaupt gibt.

Deshalb sollten Manager die groen Schlagzeilen in den Zeitungen berspringen und sich die Details in den Artikeln durchlesen. Dort steht oft das heute – anscheinend – Un-, aber morgen berlebenswichtige, dort wird die Meinung des belchelten Querdenkers zitiert.  Dabei sollten Unternehmer und Fhrungskrfte nicht nur „Die Zeit“, sondern auch die Lokalbltter der Stdte ebenso wie Verffentlichungen von Mitbewerbern und Kunden (bspw. ber Social Media) lesen.

Auch der Besuch von Messen und Kongressen ist fr jedes Unternehmen, das den Wettbewerbern einen Schritt voraus sein mchte, heutzutage Pflicht, selbst die in kleinen Hallen – gleich ob nun durch Unternehmenschef persnlich oder mittels Trend-Scouts.

Des Weiteren sollte jeder Manager mit seinen Mitarbeitern Kunden-Reviews durchfhren und das Gesprch mit den operativen Mitarbeitern suchen, die im engen Kundenkontakt stehen, also mit den Verkufern und den Service-Technikern. Die sehen und hren weit mehr, als sie jemals in ihren Besuchsberichten schreiben (wollen und knnen).

Wer seinen strategischen Weitblick schrft, den Blick ber den Tellerrand hinaus richtet und versucht, das Unerwartete zu antizipieren und zu denken, entdeckt den schwarzen Schwan frher als die Konkurrenz. Und das klappt noch besser, wenn die Unternehmensfhrung ihre intelligent-kreativen Mit-Arbeiter in die Schwan-Trendforschung einbindet.
ZUM KOLUMNIST
ber Dr. Reiner Czichos
Dr. Reiner Czichos ist Experte für professionelles Veränderungsmanagement und Projektmanagement. Er arbeitet seit über 30 Jahren als Trainer, Berater, Moderator, Organisations- und Personalentwickler sowie als Buchautor. Unter dem Motto „Das einzig Stabile ist ... mehr
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