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Fachgesellschaft fr Ernhrungstherapie und Prvention (FET) e.V.
Pressemitteilung

Gesunder Quatsch: Trennkost

(PM) , 12.06.2006 - Alternative Ernhrungsformen Alternative Ernhrungsformen, wie die Hay’sche Trennkost, sind in aller Munde: Wurden Menschen, die sich alternativ ernhren, noch vor einigen Jahren als Freaks oder ideologische Weltverbesserer abgetan, sind sie heute in allen Gesellschaftskreisen verbreitet und akzeptiert. Unter Alternativen Ernhrungsformen sind langfristig praktizierbare Kostformen zu verstehen, die von der blichen Durchschnittsernhrung teilweise grundstzlich abweichen, und nicht mit (Reduktions-)Diten und kurzfristigen Kuren (z. B. Mayr- und Schroth-Kur) zu verwechseln sind [1]. Nach ihrer Entstehungszeit lassen sie sich in drei Gruppen einteilen: Antike: Vegetarismus, Ernhrung im Ayurveda, Chinesische Ernhrungslehre und Makrobiotik. Ende 19. Jahrhundert: Anthroposophische Ernhrungslehre und Hay’sche Trennkost. Gegenwart: Vollwert-Ernhrung, Rohkost-Ernhrung und Harmonische Ernhrung. Auch wenn, aufgrund fehlender wissenschaftlicher Untersuchungen, keine genauen Zahlen ber „alternative Esser“ existieren, ist unstrittig, dass deren Anzahl zunimmt. Lediglich zu der mit etwa drei bis sechs Millionen Menschen quantitativ bedeutendsten Form, dem Vegetarismus, existieren zahlreiche Studien: Sie belegen, dass eine vielseitige pflanzliche Kost unter Einbeziehung von Milch, Milchprodukten und Eiern viele gesundheitliche Vorteile mit sich bringt. So haben Vegetarier seltener Adipositas, Bluthochdruck und in der Regel gnstigere Blutcholesterinwerte als Mischkstler. Durch die pflanzliche Kost fllt die Aufnahme von gesttigten Fettsuren, Cholesterin und Purinen niedriger aus als bei Mischkstlern, die Zufuhr von komplexen Kohlenhydraten, Ballaststoffen, bestimmten Vitaminen und Mineralstoffen sowie sekundren Pflanzenstoffen dagegen ist deutlich erhht. Diese gesndere Ernhrungsweise der Vegetarier fhrt zu einem geringeren Risiko fr ernhrungsabhngige Krankheiten einschlielich Herzinfarkt und Krebs, und damit letztlich zu einer hheren Lebenserwartung als bei vergleichbaren Mischkstlern [1]. Alternative Kostformen weisen viele Gemeinsamkeiten auf (siehe Tab. 1). Fast alle sind vegetarisch orientiert und legen groen Wert auf die Qualitt der Lebensmittel. Grnde fr die wachsende Beliebtheit alternativer Kostformen drften das steigende Gesundheitsbewusstsein in der Bevlkerung, die begrenzte Belastbarkeit des Gesundheitssystems und die Suche nach alternativen Wegen in der Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten sein. Hier ist vor allem an die wachsende Anzahl von Erkrankungen des Verdauungssystems, bsartiger Tumore, Rheumatische Erkrankungen und Gicht sowie Allergien zu denken. Trotz aller Fortschritte in der schulmedizinischen Therapie bleiben viele dieser Krankheiten nach wie vor kaum beeinflussbar. Im Folgenden werden Entstehung und Prinzipien der Hay’schen Trennkost vorgestellt, um anschlieend eine Bewertung dieser alternativen Ernhrungsform aus ernhrungsphysiologischer Sicht vornehmen zu knnen. Historische Grundlagen der Hay’schen Trennkost Begrnder der Hay’schen Trennkost ist der amerikanische Arzt Dr. William Howard Hay (1866-1940), der an einer als unheilbar geltenden Bright’schen Nierenerkrankung (Schrumpfniere) und starkem bergewicht (110 Kilogramm) litt. Aus diesem Anlass entwickelte er sein 1907 erstmals verffentlichtes Konzept der Trennkost. Whrend seiner Krankheit inspirierten ihn Berichte ber die krpereigenen Heilkrfte des im Himalaya lebenden Hunza-Volkes. Die Nahrungsgrundlage dieser Volksgruppe bildeten ausschlielich naturbelassene Lebensmittel wie Gemse, Frchte, Nsse, Brot aus vollem Korn, Milch und Kse. Zustzlich sorgte die tgliche Feldarbeit fr reichlich Bewegung. Diese Kostform wurde zum Ausgangspunkt der Ernhrungslehre von Hay, die er mit einer grundstzlichen Kritik an der Technikglubigkeit der modernen Industriegesellschaft verband. So fhrte er die Zivilisationskrankheiten wie Gicht, Rheuma, Verstopfung, Darmentzndung, Magengeschwre, Gallensteine und Asthma auf eine Missachtung der Naturgesetze zurck. Ab sofort ernhrte sich Hay nur noch mit naturbelassenen, vollwertigen Lebensmitteln und gesundete nach eigenen Angaben vollstndig. In Deutschland und Europa verbreitete der Homberger Arzt Dr. Heinrich Ludwig Walb (1907-1992) Hays Ernhrungsgrundstze in leicht abgewandelter Form in seiner eigenen Klinik. Seit 1989 sorgt Walbs Mitarbeiter und Nachfolger als Klinikchef, Dr. Thomas Heintze, fr die weitere Verbreitung von Hays Ernhrungskonzept. Schtzungen zufolge betrgt die Zahl der Trennkstler hierzulande zwischen ein und fnf Millionen [1, 4]. Prinzipien Kernpunkt der Hay’schen Trennkost ist die Trennung, d.h. die zeitlich versetzte Aufnahme von proteinreichen und kohlenhydratreichen Lebensmitteln. Sie basiert auf Hays „chemischen Verdauungsgesetzen“, nach denen Proteine und Kohlenhydrate im menschlichen Verdauungstrakt nicht gleichzeitig optimal aufgespalten und resorbiert werden knnen. Er begrndete diese Annahme damit, dass protein- und kohlenhydratspaltende Enzyme unterschiedlich wirken: Pepsin bentige zur Proteinspaltung ein saures Milieu, whrend die Verdauung von Kohlenhydraten (Strke) mit Hilfe von Ptyalin im basischen Milieu ablaufe. Da jedoch der Magen nicht gleichzeitig sauer und basisch sein knne, gelnge bei einer Mahlzeit, die sowohl Proteine als auch Kohlenhydrate enthlt, der Kohlenhydratanteil (Strkemehle) unverdaut in den Dnndarm, wo er zu gren und zu faulen begnne. Eine weitere Theorie von Hay lautet, dass die bliche „westliche“ Mischkost eine „bersuerung“ des Krpers verursacht. Dieser Sureberschuss im Organismus knne die geringen basischen Reserven leicht erschpfen und die Entstehung von Zivilisationskrankheiten wie Gicht und Rheuma bis hin zu Herzinfarkt und Krebs frdern [1, 8]. Zudem knne das Gehirn keine funktionellen Hchstleistungen mehr erbringen, was schlechte Urteilskraft, mangelndes Konzentrationsvermgen und Mdigkeit zur Folge habe. Eine solche „bersuerung“ hat nach Hay vier Hauptgrnde: Unnatrliche Lebensmittel: „Zuviel an raffinierten und denaturierten Kohlenhydraten“, wie Weimehl, Weibrot, Zucker und polierter Reis, „zuviel an Protein und Kohlenhydraten“, „verzgerte Verdauung“, vor allem weil rohes Gemse und Vollkornprodukte in der Nahrung fehlen, „falsche Zusammensetzung der Nahrung“, d. h. kohlenhydrat- und proteinreiche Nahrungsmittel in einer Mahlzeit [1]. Um dies zu vermeiden, msse man etwa dreimal mehr basenbildende als surebildende Nahrung aufnehmen (siehe Tab. 2). Fr die von Walb und Heintze modifizierte Form der Hay’schen Trennkost gelten die folgenden Richtlinien: Naturbelassene, mglichst wenig verarbeitete Lebensmittel ohne Zusatzstoffe verwenden. Innerhalb einer Mahlzeit konzentrierte Proteinnahrung von konzentrierter Kohlenhydratnahrung trennen. Gemse, Obst, Salate, Fette und le sowie Nsse gelten als neutrale Lebensmittel, die sich mit proteinreichen oder kohlenhydratreichen Lebensmitteln mischen lassen. Bevorzugung basenbildender Nahrung: 75 Prozent vorwiegend rohe Basenbildner und nur 25 Prozent Surebildner verwenden. Sowohl extrem proteinreiche als auch extrem kohlenhydratreiche Lebensmittel meiden, da sie die „bersuerung“ des Krpers frdern. Morgens ist eine „Basenmahlzeit“ einzunehmen, die Proteinmahlzeit sollte am Mittag (bis 15 Uhr), die Kohlenhydratmahlzeit abends verzehrt werden, jedoch nicht nach 18 Uhr. Zwischen den Mahlzeiten sollten drei bis vier Stunden Pause liegen Der Verzehr von Fleisch soll 100 Gramm und der von Fett 30 bis 60 Gramm pro Tag nicht berschreiten [4, 6, 7]. Milch ist in der Hay’schen Trennkost in jeder Form verwendbar. Zusammen mit saurem Obst und Gemse soll diese „Basennahrung“ Giftstoffe ausschwemmen. Neben allen stark verarbeiteten Produkten sollen auch getrocknete Hlsenfrchte und Erdnsse wegen ihres hohen Protein- und Kohlenhydratgehalts, Kaffee, Tee, Kakao, Alkohol, scharfe Gewrze (z. B. Senf, Ingwer, Meerrettich) und verschiedene andere Lebensmittel wie Rhabarber und Preiselbeeren gemieden werden. Bewertung aus ernhrungsphysiologischer Sicht Da es kaum mglich ist, den ganzheitlich-philosophischen Hintergrund alternativer Ernhrungsformen wie der Hay’schen Trennkost naturwissenschaftlich zu bewerten, erfolgt die Bewertung hier ausschlielich nach ernhrungsphysiologischen Vor- und Nachteilen. Danach sind die der Hay’schen Trennkost zugrunde liegenden Annahmen wissenschaftlich nicht begrndbar, teilweise sogar seit langem von der Ernhrungswissenschaft widerlegt. Dies betrifft in erster Linie die Forderung, protein- und kohlenhydratreiche Lebensmittel getrennt aufzunehmen, die aufgrund der physiologischen Verdauungsvorgnge falsch und sinnlos ist [7]. Der menschliche Organismus ist in der Lage, beide Nhrstoffe gleichzeitig zu verdauen. Fr die Resorption von Kohlenhydraten und Proteinen ist der Magen nicht primr zustndig. Die Verdauung von Kohlenhydraten beginnt im Mund, wo sie unter dem Einfluss des Enzyms Ptyalin (alpha-Amylase) zu Maltose und Maltodextrinen gespalten werden. Obwohl der Magen keine Enzyme des Kohlenhydratabbaus sezerniert, setzt sich dort dieser Prozess fort, weil sich der pH-Wert des Mageninhalts erst allmhlich absenkt und damit die Speichelamylase deaktiviert. Die Verdauung der Proteine startet im Magen mit Hilfe des hier abgesonderten Gemisches aus Salzsure und Pepsin, das die Proteine jedoch nur in Polypeptide aufspaltet. Hauptort der Nhrstoffverdauung ist der Dnndarm. Hier erfolgt — jeweils im basischen Milieu — die Spaltung von Proteinen und Kohlenhydraten durch Proteasen oder alpha-Amylase der Bauchspeicheldrse sowie weiteren in den Dnndarmschleimhautzellen lokalisierten Enzymen [1, 6, 8]. Als weitere Begrndung fr das Trennprinzip wird angenommen, dass es bei zu hoher Zufuhr an Protein zur vermehrten Bildung von Proteinabbauprodukten (z. B. Harnsure und Kreatinin) komme, die als „Schlacken“ leibliche und seelische Funktionen strten und eine wesentliche Ursache fr Zivilisationserkrankungen darstellten. Weil der Organismus aufgenommenes Protein zu Harnstoff umbaut und die meisten pflanzlichen Proteinquellen sowie Milch und Milchprodukte wenig bis keine Harnsure enthalten, ist diese Theorie ebenso wissenschaftlich nicht nachvollziehbar wie die giftausschwemmende Wirkung von saurem Obst und Gemse oder das Abraten von bestimmten Lebensmitteln. Schlielich gehrt die These von der extrem suernden Wirkung raffinierter Kohlenhydrate eher ins Reich der Ernhrungsmrchen: Viele Weimehlerzeugnisse sind schwchere Surebildner als die entsprechenden Vollkornprodukte, Haushaltszucker weist sogar neutrale Eigenschaften auf. Selbst bei stark sureberschssiger Kost, z. B. durch einseitige Proteinkost, ist eine bersuerung des Organismus bei intakter Nierenfunktion nicht mglich! Einerseits hlt insbesondere der Kohlensure-Bikarbonat-Puffer des Blutes das Verhltnis von Suren und Basen in engen Grenzen [1]. Andererseits ist die Ausscheidungskapazitt ber die Nieren und die Lunge um ein Vielfaches grer als die im Organismus entstehenden Suren und Basen. Trotz aller unlogischen und unwissenschaftlichen Argumente fr das Trennprinzip und die bersuerung, stellt sich die Hay’sche Trennkost aus ernhrungswissenschaftlicher Sicht als ballaststoffreiche, berwiegend lakto-vegetabile Ernhrungsform mit geringem Fett- und ausreichendem Energiegehalt dar, mit welcher der Nhrstoffbedarf gedeckt werden kann. Hufige Ernhrungsfehler einer durchschnittlichen Mischkost wie bermiger Fett- und Zuckerverzehr sowie eine hohe Cholesterinaufnahme werden vermieden. Insgesamt ist die Hay’sche Trennkost, moderat praktiziert, vollwertig. Positive Auswirkungen auf das Wohlbefinden, Senkung der Blutfett- und Blutdruckwerte sowie eine Reduktion des Krpergewichts sind auf die vegetarisch orientierte Ernhrungsweise, nicht aber auf das Trennprinzip zurckzufhren. Kritisch anzumerken ist noch, dass die Empfehlung, 75 Prozent basenbildende und 25 Prozent surebildende Nahrungsmittel aufzunehmen, zu einem geringen Verzehr von Getreide, Hlsenfrchten, Fisch und Fleisch fhrt, so dass die Aufnahme von Eisen, Zink und Jod zu gering sein kann [8]. Redaktionsleitung: Dipl. oec. troph. Thomas Reiche 1.Leitzmann, C., Keller, M. und Hahn, A. (2005): Alternative Ernhrungsformen. 2., berarb. Aufl., Stuttgart: Hippokrates. 2.Krber, K. von, Mnnle, T. und Leitzmann, C. (2004): Vollwert-Ernhrung. 10., vollst. neu bearb. und erw. Aufl., Stuttgart: Haug. 3.Leitzmann, C. und Michel, P. (1993): Alternative Kostformen aus ernhrungsphysiologischer Sicht. Akt. Ernhr.-Med. 18: 2-13. 4.Keller, M. und Leitzmann, C. (2001): Die Lust am Verzicht. Alternative Ernhrungsformen, Teil II. Naturarzt 141 (4): 38-40. 5.Heintze, T. (1997): Alles ber die Haysche Trennkost. Niedernhausen: Falken-Verlag. 6.Heintze, T. und Kasper, H. (2001): Mittags Steak – abends Nudeln? Pro und Contra Hay’sche Trennkost. Naturarzt 141 (1): 14-15. 7.Kasper, H. (2004): Ernhrungsmedizin und Ditetik. 10. neu bearb. Aufl., Mnchen: Urban & Fischer. 8.Hahn, A., Strhle, A. und Wolters, M. (2005): Ernhrung. Physiologische Grundlagen, Prvention, Therapie. Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft. Die Tabellen sind unter www.ernaehrungsmed.de abrufbar.
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