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Wohin mit der ganzen Freizeit? – Vision einer Gesellschaft ohne Arbeit

(PM) , 12.05.2006 - Bonn/Berlin – Die meisten Menschen in den westlichen Gesellschaften definieren sich ber ihre Arbeit. In einem Land wie Deutschland, wo es seit ungefhr drei Jahrzehnten eine relativ hohe strukturelle Arbeitslosigkeit gibt, kann diese Einstellung zu einem gravierenden gesellschaftspolitischen Problem werden. Wer keine Arbeit hat, zhlt nichts, so lautet die Devise. Die Folgen sind schwerwiegend: Manche Arbeitslose finden sich ab, richten sich in ihrem Schicksal ein und begrnden eine Dynastie von Sozialhilfeempfngern. Andere Dauerarbeitslose verlieren sich in Depression, Alkoholismus und Einsamkeit. Die Zahl derjenigen, die auch die zehnte Weiterbildungsmanahme, das fnfte Bewerbungstraining und die x-te Computerschulung mit Optimismus absolvieren, drfte eher gering ausfallen. Kaum jemand glaubt ernsthaft daran, dass in naher Zukunft ein Abbau der Massenarbeitslosigkeit in Deutschland denkbar ist. Doch nur wenige wagen die Behauptung, dass sich die Brger der Bundesrepublik auf Dauer mit diesem Zustand abfinden mssen, dass Politik und Wirtschaft machtlos sind und kein Patentrezept vorliegt. Der immer noch relativ ppig bemessene Sozialstaat hat die fnf Millionen Arbeitslosen und ihre Familien hier zu Lande befriedet. Sie gehen nicht auf die Strae, und es hat auch den Anschein, als wrden sich die Gewerkschaften lieber um die Privilegien der Arbeitsplatzbesitzer als um die Anliegen der Joblosen kmmern. Vorschlge jenseits des Mainstream sind Mangelware. konomen, Unternehmensberatern und Politikern traut man sie nicht mehr zu. Fast vergessen ist auch, dass es Aufgabe der Philosophen sein knnte, mit unkonventionellen Ansichten an die ffentlichkeit zu treten. Zu oft bemisst sich die Arbeitsleistung der Geisteswissenschaftler in Deutschland darin, Aktenberge vor sich herzuwlzen und Funoten gespickte Schwarten vorzulegen, die nur das mde Interesse der missgnstigen Kollegen finden. Es ist sicher auch ungewhnlich, wenn in der Kundenzeitschrift der Kette DM-Drogerie Markt dm-drogeriemarkt.de ein Interview mit dem Soziologen und Philosophen Wolfgang Engler zu lesen ist, der seit Oktober 2005 als Rektor der Hochschule fr Schauspielkunst Ernst Busch www.hfs-berlinde in Berlin amtiert. Doch dass sich in den Spalten der Kundenzeitschrift Alverde + A Tempo ein leibhaftiger Philosoph findet, ist eigentlich gar nicht so ungewhnlich. Denn Engler und den Grnder und Chef der Drogeriemarktkette DM verbindet ein Gedanke: Sie sprechen sich fr ein bedingungsloses Grundeinkommen aus, das von der Arbeit entkoppelt werden solle. Die Suprematie der Arbeit im Denken der Menschen ist noch gar nicht so alt. „Erst der industrielle Kapitalismus hat uns an die Vorstellung gewhnt, dass, wer keine Arbeit hat – im Sinne von Erwerbsarbeit – irgendwie kein vollwertiges Leben fhrt“, so Engler. Die vergangenen zwei bis drei Jahrzehnte htten aber gezeigt, dass das Phnomen der Massenarbeitslosigkeit weder durch einen Konjunkturaufschwung noch durch Ankurbelung der Wirtschaft im Osten nach der Wiedervereinigung gelst werden knne. Engler gewinnt den bisherigen staatlichen Angeboten wie der Sozialhilfe oder dem Arbeitslosengeld II nichts Positives ab: „Sinnvoll wre stattdessen ein bedingungsloses Brgergeld, das nicht sehr viel hher als die gegenwrtige Untersttzung sein msste, aber den Einzelnen nicht kontrolliert und in eine potenziell demtigende Situation bringt.“ Manchem Arbeitslosen wird durch den Kopf gehen: „Wohin mit der ganzen Freizeit?“ Bisher setzte die gesellschaftliche Konvention den aktiven mit dem arbeitenden Menschen gleich. Nicht zuletzt die Diskussion ber das Elterngeld hat gezeigt, dass sich fortschrittlich dnkende Politikerinnen wie Ursula von der Leyen nur die Erwerbsarbeit von Frauen als Arbeit anerkennen. Eine Frau, die sich um die Erziehung der Kinder kmmert, einen Groteil des Haushaltes organisiert und sich vielleicht auch noch ehrenamtlich engagiert, arbeitet demnach nicht. Ob diese Haltung wirklich so fortschrittlich ist, bleibt dahin gestellt. Doch auch Engler wei, dass vielen Menschen die Fhigkeit abhanden gekommen ist, kontemplative Fhigkeiten zu entwickeln. Sie knnen sich nur noch in Gemeinschaft ertragen. Fllt die dauernde Geschftigkeit weg, geraten sie in eine Sinn- und Lebenskrise. Daher ist auch der mit einem Brgergeld, dass das eigene Existenzminimum sichert, noch kein Mensch geboren, der mit der freien Zeit kreativ umgeht. Viele Arbeitslose stumpfen ab, sie werden trge und vertrdeln den Tag vor dem Fernseher. Daher pldiert Engler fr einen Umbau unseres Bildungssystems: „Das Achten auf eigene Antriebe und Selbstndigkeit msste in Kindertagessttten, Schulen, weiterfhrenden Bildungseinrichtungen bis hin zu den Wissenschaften ganz zentral sein – um zu einem Leben ermutigt zu werden, das Inhalt und Sinn findet, auch wenn man keine Erwerbsarbeit hat.“ Oft sei man nicht darauf vorbereitet, mit dem groen Geschenk der freien Zeit etwas anzufangen. Bei der konkreten Ausgestaltung dieser freien Zeit entpuppt sich Engler nach Meinung von Udo Nadolski, Geschftsfhrer des Dsseldorfer Beratungshauses Harvey Nash www.harveynash.de, jedoch als Utopist: „Englers Ideen, die er ja auch in seinem Buch ‚Brger ohne Arbeit’ ausgebreitet hat, sind sehr originell. Ob sie immer realistisch sind, wage ich zu bezweifeln. Beispielsweise ruft Engler die Arbeitslosen dazu auf, sich in Brgerinitiativen zu engagieren, ehrenamtlich im Stadtteil mitzuarbeiten oder freie Theatergruppen zu grnden. Leider sind ja viele Menschen arbeitslos, die nur gering qualifiziert sind oder berhaupt keinen ordentlichen Abschluss vorzuweisen haben. Ich bezweifle, ob man deren Lebensqualitt wirklich durch den Bezug von Tageszeitungen, Karten fr Museen und Theater auf Gutschein und so weiter heben kann.“ Nadolski spielt mit diesen Worten auf den Vorschlag des Rektors der Hochschule Ernst Busch an, neben dem Brgergeld msse ein zweiter Fonds aufgelegt werden, der den Menschen die Teilhabe am kulturellen Leben erleichtern solle. hnlich fragwrdig findet der Harvey Nash-Berater den Vorsto, das Modell des Brgergeldes sei nur kontinental durchfhrbar: „Wenn Engler sagt, eine entsprechende Sozialcharta knne durchaus eine Motivation zur Annahme der europischen Verfassung durch die Bevlkerung sein, dann halte ich das fr zu verkopft.“ Nadolski findet es nicht richtig, sich fatalistisch damit abzufinden, dass es Millionen von Erwerbslosen gebe. Schlielich zeigten andere Lnder, wie man durch wirtschaftliches Wachstum, eine Deregulierung des Arbeitsmarktes, Investitionen in das Bildungssystem und niedrige Steuern zu mehr Beschftigung komme.
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