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Powerpoint und Perversion – Mit Benjamin Berton zu Gast bei den Barbaren

(PM) , 19.12.2006 - Von Ansgar Lange Barbaren tragen Calvin-Klein-Shorts und fahren einen Clio. Sie sind schn, saufen und konsumieren Drogen und arbeiten fr internationale Beratungsunternehmen. Das Niveau ihrer Konversation ist bestrzend schlecht, aber dafr frnen sie der ungenierten Kopulation und lmmeln sich an der Cote d’Azur. Dem jungen Autor Benjamin Berton verdanken wir ein meisterhaftes Sittengemlde junger efficiency boys und girls im modernen Frankreich. Das ist oft vergnglich zu lesen, und manchmal stockt einem der Atem vor Ekel. Langweilig ist keine Zeile von „Am Pool“. Es mag sein, dass sich mancher bei OpenBC oder einem anderen Karrierenetzwerk gelistete Wirtschaftsberater in lonore Caribou, Julien Demailly, Serge Brunat oder Fabrice Aurousseau wieder erkennen wird. Der Autor hat als Anhang dankenswerterweise die stromlinienfrmigen Lebenslufe seiner Protagonisten abgedruckt. Tilman Krause hat das Buch auf die Formel „Viel Geld, wenig Geist“ gebracht. Die smarten Profiteure der Globalisierung knnen mit Literatur, Geschichte oder Politik wenig anfangen, mit Surfen, Segeln und Snowboards umso mehr. Auf knapp 270 Seiten verfolgen wir das Schicksal von lonore Caribou, die zwar erfolgreiche Consultingfrau bei Ernst & Young, aber auch eindeutig „underfucked“ ist. Vom Beruf total gestresst, nimmt sie sich ein paar Tage Auszeit an der Cote d’Azur, wo sie ihren Ex-Freund Julien in der Villa seiner Eltern besucht. Der steht zwar kurz vor der Ehe mit seiner neuen Eroberung, fummelt aber noch ganz gern an lonore herum, die trotz der durch ihren Epilator hervorgerufenen Schden am Po ganz lecker ist. Die Hauptdarstellerin strebt zum Pool, da sie das Schicksal ihrer Kolleginnen warnend vor Augen hat: „Manche ihrer Freundinnen haben ihre Bedrfnisse so lange unterdrckt, dass sie frigide geworden sind, whrend ihre Nettoeinknfte sich auf den Bausparkonten ansammelten.“ Der Stil des Buches ist uerst lapidar. Auch wenn wir nicht wie Tilman Krause vor allem Franzsischen vor Andacht in die Knie gehen und uns unserer eigenen Unzulnglichkeit bewusst werden, so mssen wir doch konstatieren: Frankreich hat einen Benjamin Berton, und wir haben nur einen Florian Illies. Das ist die literarische Rache fr den Frankreichfeldzug! Zugegeben, manche der geschilderten Personen sind etwas berzeichnete Pappkameraden. Doch gerade die Drastik der Sprache macht ungeheuren Spa, egal, ob Berton sexuelle Exzesse, brutale Schlgereien zwischen Faschos und Arabern/Anarchisten oder irre Drogenerfahrungen beschreibt. Ist der Mann Moralist? Wahrscheinlich, aber einer mit einem bsen Blick. Unmoralisch ist nmlich vor allem dass, was uns langweilt und beim Lesen Lebenszeit stiehlt. Falls jemand bei Roland Berger oder McKinsey zu dem Buch greifen sollte – Unternehmensberater sollen ja angeblich zu Weihnachten schon mal auf komische Gedanken kommen -, dann wird es sich sptestens an folgender Passage stoen: „Der Unternehmensberater hrt zu, macht sich Notizen, nimmt die Verhaltensweisen wahr und hrt mit feinem Ohr die versteckten spitzen Bemerkungen der Direktionsmitarbeiter, dann formt er auch das alles um. Er tut das Gehrte in einen groen Mixer, verpackt es in eine wissenschaftlich wirkende Darstellung (mit Gilbreth-Grafiken, Perth-Grafiken und Organigrammen) und konfrontiert seine Auftraggeber mit dem, wofr er engagiert wurde. Je nachdem, was er liefern soll, ordnet er seine Beobachtungen so an, dass das gewnschte Ergebnis herauskommt. Und er verfasst seinen Abschlussbericht in einer Weise, die die Ausgangsidee des Direktors besttigt. Jeder Dussel kann das machen, solange er ein Hndchen fr Powerpoint hat“. Die Leere des Berufslebens, wo Prsentationen ber Videoprojektor den Unternehmensablauf bestimmen, bertrgt sich auf das Privatleben. Und dies ist bei Berton noch mit einer Menge Gewalt und Sex angereichert. Wer wissen will, ob lonore Caribou am Ende den Traumprinzen oder zumindest einen neuen Bettgenossen gefunden hat, muss den zweiten Roman von Benjamin Berton unbedingt lesen. Und die mit der Lektre fertig sind, warten ungeduldig auf das dritte Buch des 1974 geborenen Franzosen. Benjamin Berton: Am Pool. A. d. Frz. v. Hinrich Schmidt-Henkel. DuMont: Kln 2006. 270 S., 16,90 Euro.
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