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Biokunststoffe und die babylonische Begriffsverwirrung

(PM) , 18.09.2008 - Kompostwerke zweifeln biologische Abbaubarkeit an

Abfallexperten empfehlen die Restmlltonne

Bonn/Berlin/Brssel - Biokunststoffe sind Auffassung vieler Experten nur in der Theorie kologisch. Praktisch sind sie nicht einheitlich gekennzeichnet, leiden an einer babylonischen Begriffsverwirrung, knnen Schwermetalle enthalten und Kompostwerke in den Ruin treiben. Als 1988 die Recycling-Codes fr die sechs meistgebrauchten Kunststoffe vergeben wurden, hatten Biokunststoffe im heutigen Sinne keine wirtschaftliche Bedeutung. Die Codes haben dreieckige Rahmen, die in der Mitte die zweistellige Materialnummer und manchmal darunter das Materialkrzel tragen. Die Initiative hatte der amerikanische Wirtschaftsverband der Kunststoffindustrie The Society of the Plastics Industry (SPI) www.plasticsindustry.org ergriffen.

Der Verband nummerierte die Polymere PET (Polyethylenterephthalat, Nr. 01), HDPE (Poyethylen hoher Dichte, Nr. 02), PVC (Polyvinylchlorid, Nr. 03), LDPE (Polyethylen niedriger Dichte, Nr. 04), Polypropylen (PP, Nr. 05) und Polystyrol (PS, Nr. 06). Die Nummer 07 mit dem Krzel „O“ (fr „other“) wurde fr alle anderen Kunststoffe gewhlt. Dazu gehren Acrylglas, Polycarbonat, Nylon, ABS, Fiberglas (GFK) und nunmehr auch Biokunststoffe wie Polymilchsure (PLA, Polylactic Acid). Die amerikanischen Kodierungen wurden um weitere Materialien ergnzt und haben sich zu den „International Universal Recycling Codes“ entwickelt, die weltweit verbreitet sind. Die Vergabe der Nummern ging weiter. Ab Nummer 8 wurden Batterien, Papier und Pappen, Metalle, Holz, Textilien, Glser und Verbundwerkstoffe gekennzeichnet. Sogar Bleiglas und Kork wurden bercksichtigt (Nr. 51 und Nr. 76). Biokunststoffe sind dagegen nicht integriert. Rein theoretisch knnten sie im Bereich 42 bis 49 Platz finden, der noch fr organische Stoffe und Biomasse freigehalten wird.

Dem steht jedoch ein grundstzliches Problem entgegen. Es gibt keine einheitliche Begriffsdefinition. Unter Biokunststoffen werden einerseits Kunststoffe auf Basis nachwachsender Rohstoffe verstanden, die biologisch abbaubar sein knnen, aber nicht mssen. Andererseits wird der Begriff fr biologisch abbaubare Kunststoffe verwendet, die biologischen Ursprungs sein knnen oder auch auf Minerallbasis hergestellt werden. Fr eine Schnittmenge treffen beide Definitionen zu, etwa fr Zelluloid und Kunststoffe auf Strkebasis. Die Gruppe der biologisch abbaubaren Kunststoffe ist besonders unbersichtlich. Sie unterscheiden sich durch die Einflsse, unter denen sie mehr oder weniger schnell zerfallen, im wesentlichen durch Sonnenlicht (UV-Licht), Sauerstoff, Wrme, Feuchtigkeit, mechanische Belastung und mikrobiologische Angriffe wie in der Kompostierung. Manche Biokunststoffe reagieren nur auf einen der Faktoren, andere auf mehrere, wiederum andere bentigen die Kombination von Faktoren, wie etwa beim oxo-thermischen Abbau (Sauerstoff und Luft).

Eine Untergruppe sind die Kunststoffe auf Minerallbasis, zumeist Polyolefine wie Polyethylen und Polypropylen, in denen der Zerfall durch ein katalysierendes Additiv ausgelst wird. Verbreitet hierfr sind Metallsalze. Der amerikanische Herstellerverband Oxo-Biodegradable Plastics Institute (OPI) www.oxobio.org teilt dazu mit, dass hufig Kobaltsalze verwendet werden. Kobalt werde jedoch in so geringer Konzentration eingesetzt, das unter Verwendung dieser Kunststoffe hergestellter Kompost weder fr Pflanzen noch fr Tiere giftig sei. Die Hersteller von Kunststoffen, denen ein solcher Spaltkatalysator beigemischt wird, grenzen sich gern von konkurrierenden Produkten mit anderen Zerfallsmechanismen ab. Der amerikanische Hersteller Bio-Tec Environmental, der das Additiv Bio-Batch fr mikrobiellen Zerfall vertreibt, verffentlicht ein Vergleichsliste verschiedener Biokunststoffe. Danach bleiben bei Verwendung von sauerstoffsensiblen Additiven nicht nur Kobalt, sondern unter Umstnden auch Cadmium und andere toxische Reststoffe zurck. Auch bei lichtsensiblen Additiven wrden Schwermetalle eingesetzt.

Die meist geheimen Rezepturen der Hersteller scheinen Betreibern von Kompostwerken suspekt zu sein. Selbst wenn die Mixturen kologisch korrekt wren, bliebe ein noch greres Defizit. Kompostwerkbetreiber zweifeln die biologische Abbaubarkeit nicht nur an, sie haben sie auch widerlegt. Das Amt fr Abfallwirtschaft und Stadtreinigung der Stadt Heidelberg berichtet ber eigene Kompostierungsversuche von Verpackungen aus biologisch abbaubaren Werkstoffen, in denen Biofolien auch nach etwa sechs Monaten noch nicht kompostiert waren. Der Rotteprozess im Heidelberger Kompostwerk sei aber verfahrenstechnisch auf zehn Wochen beschrnkt. Daher wrden die Biotten, die fr die Sammlung von Bioabfall verwendet werden, mit den anderen Strstoffen maschinell aussortiert und als Restmll entsorgt stadtleben.de/heidelberg/aktuelles/2008/08/04/muelltueten-aus-biofolie-ungeeignet.

Auch der Abfallwirtschaftsbetrieb Esslingen betont, dass biologisch abbaubare Kunststofftten, zum Beispiel aus Maisstrke, nicht in die Biotonne drfen. Die kurze Rottezeit im Kompostwerk von sechs bis acht Wochen knne zum Problem werden. Moderne Kompostwerke arbeiten also schneller als der Biokunststoff zerfallen kann. Die Betreiber sind einem groen Risiko ausgesetzt, wenn Biokunststoffe in die Anlagen kommen. Es knnte ihnen verboten werden, den Kompost zu vertreiben. Laut der Bundesgtegemeinschaft Kompost e.V. www.kompost.de in Kln drfen Komposte mit mehr als 0,5 Prozent Fremdstoffen nicht abgegeben werden. Abgesehen von der Verwechslungsgefahr von normalen und Biokunstoffen knnen letztere aktiv dazu beitragen, dass der Grenzwert fr Fremdstoffe berschritten wird. Wenn Biokunststoffe in der Verrottung trotz gegenteiliger Versuchsergebnisse schneller zerfallen, kann eine erhebliche Menge von kleinen Bruchstcken und Folienfetzen entstehen, die sich in der Fremd- und Strstoffabsiebung nicht beseitigen lassen. Auf den Anlagenbetreiber kommt dann der grte anzunehmende Unfall zu: Der Kompost muss kostenpflichtig als Restmll beseitigt werden. Eventuell mssen auch ausgelieferte Fehlchargen zurckgenommen werden.

Der Europische Dachverband der Kunststoffverarbeiter EuPC www.plasticsconverters.eu in Brssel fordert separate Abfallstrme, damit fr die Kunststoffverwerter keine zustzlichen Kosten fr die Verwertung entstehen. „Es wird ebenfalls befrchtet, dass Biokunststoffe bestehende Recyclingprojekte gefhrden knnen“, moniert EuPC. Der Verband wendet sich auerdem gegen eine Frderung von Biokunststoffen durch gesetzgeberische Manahmen, wie sie in Deutschland ber die Verpackungsverordnung getroffen wurden. „Es gibt berhaupt keinen Grund, Bioplastik von den Grne Punkt-Gebhren zu befreien. Die Dummheit geht ja soweit, das Zeug einfach in den Ofen zu stecken, weil man kein ordentliches Abfallkonzept auf die Beine stellen kann. So etwas darf nicht staatlich alimentiert werden“, fordert ein Vertreter der Entsorgungswirtschaft im Gesprch mit NeueNachricht. Siehe auch: www.bvse.de/?bvseID=6d81ff4efedb161cdb1402dd34846c53&cid=2&pid=2182; http://www.umweltlexikon-online.de/fp/archiv/RUBsonstiges/BiologischeAbbaubarkeit.php; www.verpackungsbranche.de/Nachrichten/na_235.html; http://www.nachhaltigkeitsreport.de/fp/archiv/AfA_recycling/print/13289.php; www.pressbot.net/article_l,1,i,50154.html; http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/02/22/dokument.html?titel=Bluff+mit+Becher&id=54002220&top=SPIEGEL&suchbegriff=bioplastik&quellen=&vl=0

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