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Kolumne
Hamsterrad, 15.03.2010
Recruiting-Workshop
Weingut sucht Strategie
Wer beim Recruiting unter den besten Köpfen wählen können möchte, muss sich in Sachen Hochschulmarketing schon etwas einfallen lassen – vor allem wenn es um die nächsten Generation der Elite-Managementberater geht.

Mitten in den Weinbergen der Wachau von sterreich: Unter dem Motto "Potenzial entfalten" lernen Studierende und Doktoranden die tgliche Arbeit eines Marktfhrers der Strategieberatung kennen. Anhand einer realen Fallstudie aus dem Weingeschft. Und natrlich nur diejenigen Kandidaten, die zuvor den aufwendigen Screening-Prozess bestanden haben.

Auch das gediegene Wein-Business braucht gute und junge Berater, berflieger in ihrem Fachgebiet. Die sollen fr den edlen Rebensaft Strategien entwickeln, damit seine Marke Premium wird und sein Umsatz steigt. So lautete die Aufgabenstellung einer fhrenden internationalen Managemenberatung, die namentlich nicht erwhnt werden mchte, fr den Workshop: Wie und durch welche Vertriebsstrategien kann das Unternehmen weiter wachsen und seinen Gewinn steigern? Wo gibt es noch Verbesserungspotenziale? Und wo mssen wir Kosten „schrubben“?

Von Theologie bis Teilchenphysik scheint die Bandbreite der Wissenschaft gut reprsentiert, neben der Hlfte an studierten Betriebswirten. Daher gingen die Diskussionen auch ber die Karriere-Perspektiven und Weindepots hinaus. Zum Beispiel: Welche Vorteile bietet eine Herdplatte mit Induktionsschleife? Warum hat Gott die Erde in sieben Tagen erschaffen? Und was hltst du vom „Brgergeld“? Im Team entwickelten wir kreative Lsungen zur Markenpositionierung und Umsatzsteigerung des Kunden.

Die Berater des Consultingunternehmens hielten sich mehr im Hintergrund, manche genossen ihr sonst wenig bis kaum vorhandenes Privatleben – mit ihren Arbeitskollegen. Das Motot: Wir werden das schon alleine lsen. Umso interessanter war es, die vorlufigen Ergebnisse und deren Umsetzungsmglichkeiten mit den Management-Consultants zu diskutieren: Wie macht ihr das normalerweise? Was haltet ihr von diesem oder dem anderen Vorschlag? Anschlieend wurden die Ergebnisse der Geschftsfhrung des Weinguts prsentiert.

Das Hochschulmarketing der Consultants, die Prdikate von exzellent bis besonders wertvoll kamen gut an. Die manchmal doch recht graue Theorie an der Uni, der wachsende Bcherberg von der letzten Seminararbeit auf dem heimischen Schreibtisch, die erhoffte Anerkennung vom Professor im Hiwi-Job: Nicht selten wnscht man sich da als Akademiker und Brostuhl-Akrobat eine Ablenkung, etwas in der Praxis bewirken zu knnen. Und umso hufiger wnscht man sich ein Topgehalt, das jenseits von BAfG-Antrgen und Stipendien-Bewerbungen liegt.

Besonders kompetitive Unternehmen wie McKinsey, Booz, Accenture oder Roland Berger wetteifern auf Campus-Karrieremessen um die besten Kpfe. Sie locken mit hohen Einstiegsgehltern, Sterne-Hotels, Business Class und einer teils religis anmutenden Wertegemeinschaft, frei nach dem Motto: „Hast du was, bist du was“. Kritiker nennen das auch die Ideologie der „Insecure Overachievers“. Jung und erfolgreich nach auen, aber noch recht unsicher im Umgang mit sich selbst.

Whrend der Abendessen, den Busfahrten und Spaziergngen vom Hotel zu den Arbeitsrumen, schien es nur ein wirklich brennendes Thema zu geben: Wie schafft man es im Rahmen des Auswahlprozesses unter die besten ein Prozent? Der Deutschland-Chef der Beratungsgesellschaft war ebenfalls einen Abend zu Besuch und erklrte am Lagerfeuer, warum dem Unternehmen anspruchsvolles Recruiting so wichtig sei und was ein neuer Berater mitbringen msse, um bei ihnen erfolgreich zu sein.

Kurz und przise lautet die Devise etwa so: „work hard, party hard“. Mit Letzterem ging es in den Abendstunden weiter. Beim Rahmenprogramm des Workshops war Wein ebenfalls Thema. Bei einer Weinprobe wurden auch studentische Biertrinker zum Kenner diverser Rebsorten. Und auf einer Schnitzeljagd wurde die Weinregion Wachau nher erkundet. Finaler Abschluss war ein Buffet ber den Dchern und Weinbergen Wiens. Der Workshop bo in vordergrndig entspannter Atmosphre eine hervorragende Chance zum Netzwerken und Gelegenheit, mehr ber das Beratungshaus und die Kpfe, die es lenken, zu erfahren.

Natrlich verluft so eine Veranstaltung nicht ohne Werbeblcke. Aber die Berater selbst, von der Personalabteilung entsprechend ausgewhlt, standen auch kritischen Fragen zum Berateralltag (gut vorbereitet) Rede und Antwort. „Hier kann man seine Zukunftsplne konkretisieren“, sagten die einen. Andere lobten es, dabei noch nette und engagierte Leute zu treffen, die etwas aus ihrem Leben machen, eine echte „Can-Do-Attitude“ zeigen.

Wer zur Elite zhlen mchte, muss sich jedoch einer Sache klar sein: Es durch das Nadelhr der ersten Selektion zu schaffen, ist eine Sache, sich auch auf Dauer unter all den Auserwhlten zu behaupten, eine andere. In diesem Business nmlich gilt das ungeschriebene Gesetz: „grow or go, up or out“. Und ein Grundsatz aus dem Biologie-Unterricht: „survival of the fittest“. Beim Wein verhlt sich das etwas anders, er hat mehr Zeit zum Reifen.

ZUM KOLUMNIST
ber Jan Thomas Otte
Ob die einfache Putzfrau mit drei bis vier Nebenjobs, der Kleinunternehmer im Großstadt-Dschungel oder Banker an der Wall Street. Jan Thomas Otte begleitet Menschen in der Wirtschaft. Und das auf vielen Ebenen. Mit Reportagen vor Ort gelingt dem Journalisten ... mehr
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