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Interview, 24.03.2015
Mobbing in Unternehmen
Wege aus der Mobbingfalle
Wege aus der Mobbingfalle
Mobbing schadet nicht nur den betroffenen Mitarbeitern, sondern es wirkt sich auch negativ auf das gesamte Unternehmen aus. Fhrungskrfte sind daher gefordert, sich von Mobbern zu distanzieren und fr ein wertschtzendes Betriebsklima zu sorgen. Dr. Sandra Maxeiner und Dipl.-Psychologin Hedda Rhle erlutern, was Chefs in Bezug auf Mobbing wissen und konkret tun sollten.

Frau Dr. Maxeiner, Mobbing ist in Unternehmen heutzutage leider Alltag. Was alles fllt im engeren Sinn hierunter?

Dr. Sandra Maxeiner:
Von Mobbing spricht man, wenn Mitarbeiter von Fhrungskrften und Kollegen angefeindet, schikaniert oder diskriminiert werden. Sie werden gemieden und beleidigt oder Gesprche verstummen, sobald sie den Raum betreten. Ihre Aussagen werden falsch wiedergegeben, Gerchte ber sie verbreitet, Unterlagen verschwinden, Informationen werden zurckgehalten oder ihre Arbeitsleistungen ungerechtfertigt kritisiert. In einigen Fllen werden auch Drohungen ausgesprochen und mitunter kommt es sogar zu sexueller Belstigung oder krperlicher Gewalt. Wenn diese Handlungen regelmig und systematisch mindestens einmal wchentlich ber einen Zeitraum von einem halben Jahr stattfinden, wird dies arbeitsrechtlich als Mobbing definiert.

Wie verbreitet ist Mobbing?


Hedda Rhle:
Treffen kann es jeden. Experten gehen davon aus, dass rund 1,5 Millionen Berufsttige in Deutschland gemobbt werden, etwa zwei Drittel davon sind Frauen.

Welche Folgen hat das Mobbing?  

Maxeiner: Die Mobbing-Opfer leiden unter massiven psychischen Problemen und krperlichen Reaktionen, die sowohl ihre Leistungsfhigkeit als auch ihr Wohlbefinden erheblich beeintrchtigen. Viele leben in stndiger Angst, sind gereizt, misstrauisch, aggressiv oder depressiv. Auch Spannungen im Privatleben, in der Familie oder im Freundeskreis bleiben nicht aus. Manche Betroffene weisen sogar Symptome einer posttraumatischen Belastungsstrung auf. Auch Schlafstrungen, Kopf- und Rckenschmerzen sowie Magen- und Darmerkrankungen kommen hufig vor.

Wer sind die Hauptakteure beim Mobbing? Oder anders gefragt: Von wem geht dieses in der Regel aus?

Rhle: Forscher der Freien Universitt Berlin haben ermittelt, dass an etwa der Hlfte der Mobbingflle die Vorgesetzten der Betroffenen beteiligt sind. In 20 Prozent der Flle sind sie zumindest involviert. Lediglich 30 Prozent der Vorgesetzten gaben an, von den Mobbingattacken ihrer Mitarbeiter nichts gewusst zu haben. Sie waren zwar nicht aktiv beteiligt, haben aber vermutlich nicht genau hingeschaut.

Was sollen Beschftigte tun, die Opfer von Mobbing werden?

Maxeiner: Mobbing-Opfern rate ich, sich frhzeitig Beratung und Untersttzung zu sichern, etwa von einer Mobbingberatungsstelle oder vom Betriebs- bzw. Personalrat. Gemeinsam kann eine individuelle Strategie erarbeitet werden, um das Mobbing zu stoppen. Zu empfehlen ist auch, smtliche Mobbinghandlungen zu dokumentieren. Das ist nicht nur entlastend fr den Betroffenen selbst, sondern auch wichtig fr Gesprche mit Vorgesetzten, aber ebenso fr eine mgliche gerichtliche Auseinandersetzung. Erst danach sollte das Gesprch mit den Kollegen gesucht werden, von denen die Mobbing-Attacken ausgehen.

Was ist in diesen Gesprchen zu beachten?

Rhle: Gut ist es, wenn es gelingt, Wertungen und verbale Angriffe zu vermeiden. Man sollte mglichst sachlich bleiben und genau beobachten, wie die angesprochenen Kollegen reagieren. Entsteht beim Opfer das Gefhl, dass die Mobber uneinsichtig sind, sollte der Chef mit einbezogen werden. Dem Chef ist anhand von Beispielen darzustellen, wie das Mobbing erfolgt. Auerdem sollte ihm mitgeteilt werden, dass ein Gesprch mit den Kollegen ergebnislos verlaufen ist.

Ist es immer ratsam, den Chef mit einzubeziehen?

Maxeiner: Nein, nicht immer. Forscher der Freien Universitt Berlin haben in einer Befragung mit ber 4.000 Arbeitnehmern herausgefunden, dass sich Mobbingflle nur dann huften, wenn Mitarbeiter mit ihrem Chef unzufrieden waren und er selbst der Grund fr das Mobbing war. Dann ist von seiner Seite keine Hilfe zu erwarten. In bestimmten Fllen kann es daher notwendig sein, arbeitsrechtliche Schritte einzuleiten.

Angenommen, der Vorgesetzte gehrt selbst zu den Mobbern. Was raten Sie dann?

Rhle: Wenn der mobbende Vorgesetzte aus dem mittleren Management kommt, kann dessen Boss mit einbezogen werden. Bringt das nichts, bleibt nur die Kndigung oder der Gang zum Fachanwalt fr Arbeitsrecht, um Schadenersatz und Schmerzensgeld einzuklagen.

Wie sinnvoll ist es, einen Anwalt einzuschalten?

Rhle: Selbstverstndlich knnen Mobbing-Handlungen rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen, sofern das Mobbing-Opfer bereit ist, sich zu wehren. Insofern lohnt sich immer, einen Fachanwalt fr Arbeitsrecht zu Rate zu ziehen.

Wer ist in der Beweispflicht, wenn es vor Gericht geht?

Maxeiner: Es kommt ganz darauf an, ob es sich um ein zivilrechtliches und/oder arbeitsgerichtliches Verfahren handelt oder gar um ein strafrechtliches Verfahren geht. In einem zivilrechtlichen/arbeitsgerichtlichen Verfahren gilt der Grundsatz, dass der, der etwas verlangt, auch die so genannten Anspruchsvorrausetzungen beweisen muss. In der Regel trifft die Beweislast daher das Mobbing-Opfer. Allerdings hat der Klger grundstzlich auch das Recht auf eine richterliche persnliche - Anhrung, deren Bekundungen der zustndige Richter auch entsprechend wrdigen muss. Ist der Vortrag glaubwrdig, und erwidert die gegnerische Partei nicht entsprechend berzeugend, wre damit der Beweis erbracht.

Und wie verhlt es sich in einem strafrechtlichen Ermittlungsverfahren?

Maxeiner: Da kommt es darauf an, ob aufgrund der objektiv geschilderten Tatumstnde der Richter mit hinreichender Gewissheit von einer entsprechenden Tatausfhrung berzeugt ist. Zentral ist daher vor allem, wie glaubwrdig die Schilderungen des Mobbing-Opfers sind.

In Rechtsforen liest man immer wieder, dass Mobbing-Opfer alles genau protokollieren sollten. Was raten Sie?


Rhle: Ja, die Protokollierung der Mobbing-Attacken sollten detailliert und umfassend sein. Dazu sind alle Vorflle mit Geschehen, Datum, Uhrzeit und Tternamen schriftlich zu dokumentieren. Ein besonders gebundenes Tagebuch, in dem ein nachtrglicher Austausch von Seiten nicht mglich ist, eignet sich vor Gericht.

Wo ist anzusetzen, wenn Unternehmen Mobbing vorbeugen wollen?

Maxeiner: Das beste Mittel gegen Mobbing ist ein Betriebsklima, das von gegenseitiger Wertschtzung und kollegialer Untersttzung geprgt ist, ein Klima, in dem die Leistung des Teams geschtzt und anerkannt wird und wo es nicht um die Leistung von Einzelkmpfern geht. Kurz: Ein Betriebsklima, in dem Intrigen, Schuldzuweisungen oder Rufmord nicht vorkommen, weil sie als unerwnscht und unsozial gelten.

Welche Rolle kommt Fhrungskrften in Sachen Mobbing zu

Rhle: Vorgesetzte sollten offen und direkt mit ihren Mitarbeitern kommunizieren und beobachten, wie die Angestellten miteinander umgehen. Sie sollten hinsehen, sich mit offenen Augen um das Thema Mobbing kmmern und im Rahmen ihrer Frsorgepflicht eingreifen.

Reicht das bereits?

Maxeiner: Nein, alle Probleme lassen sich so nicht sofort lsen. Doch es geht darum, dass die Vorgesetzten erkennen, dass sie fr ihre Mitarbeiter ansprechbar sein mssen und durch ihr eigenes Verhalten ein gutes Beispiel fr ein vertrauensvolles, konstruktives Miteinander bieten sollten. Nicht nur die betroffenen Mitarbeiter profitieren brigens davon, wenn ein Unternehmen aktiv gegen Mobbing vorgeht, sondern auch die Chefs, die sich dafr einsetzen, denn schlielich arbeiten zufriedene Mitarbeiter eindeutig besser als frustrierte und gar gemobbte.

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Zu Dr. Sandra Maxeiner und Hedda Rhle

Dr. Sandra Maxeiner ist promovierte Politik- und Sozialwissenschaftlerin und absolvierte Ausbildungen zur Heilpraktikerin fr Psychotherapie sowie zum Coach. Sie ist zudem als ehrenamtliche Hospizhelferin ttig. Hedda Rhle ist Diplom-Psychologin und Dozentin fr Psychopathologie, Psychologie und Psychotherapie in Berlin. Beide sind Autorinnen der Nachschlagewerke Dr. Psychs Psychopathologie, Klinische Psychologie und Psychotherapie, Band 1 und Band 2, erschienen im Jerry Media Verlag.

Mehr Infos finden sich unter http://www.dr-psych.com sowie auf der "Dr. Psych"-Facebook-Seite.

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