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Massenmedien und Meinungsforschung – Elisabeth Noelle erinnert sich

(PM) , 31.01.2007 - Von Philip Plickert Bonn - „Ich hatte mir schon als Kind vorgenommen, dass ich mich in meinem Leben nicht langweilen wollte, und es war wei Gott alles andere als ein langweiliges Leben.“ Elisabeth Noelle-Neumann gilt als Nestorin der Demoskopie in Deutschland. Als Leiterin des Allensbacher Instituts hat die Journalistin und Meinungsforscherin, von einem unstillbaren Durst nach empirischer Erkenntnis getrieben, dem Wechsel des Zeitgeists nachgesprt. Sie hat Stimmungen aufgefangen und analysiert, die Politik beraten und die Medien kritisch beobachtet. Frher als andere hat Noelle-Neumann die Macht der Massenmedien, besonders des Fernsehens, erkannt und den mglichen Missbrauch dieser Macht angeprangert. Bis heute bedeutend bleibt ihre Entdeckung, wie soziale Kontrolle durch medial fabrizierte „ffentliche Meinung“ funktioniert, die in die „Schweigespirale“, so der Titel ihres berhmtesten Buchs, mnden kann. Geboren 1916 in eine grobrgerliche Familie in Berlin, die in der Inflation fast alles verlor, war Elisabeth Noelle ein krnkliches Kind, doch mit hoher intellektueller Begabung. Frh beschloss sie, Journalistin zu werden, an der Schule zeigte sie wenig Interesse. Schlielich steckten sie die Eltern ins Internat Salem. Dessen Leiter Kurt Hager warnte eindringlich vor den Nationalsozialisten – bald nach deren Machtergreifung wurde er verhaftet und musste emigrieren. Spter machte Elisabeth Noelle bei einem Ausflug zum Obersalzberg durch Zufall persnliche Bekanntschaft mit Hitler. Bei Tee und Kuchen fiel der Gruppe junger Frauen das Dmonische nicht auf: „Es gab keine Warnung, kein fr mich erkennbares Zeichen, dass ich einem Mann gegenberstand, der im Begriff war, Deutschland und die halbe Welt ins Unglck zu stoen.“ Ab dem Wintersemester 1935/1936 begann Elisabeth Noelle in Berlin ein Studium der Zeitungswissenschaft bei dem bekannten Professor Emil Dovifat. So sehr sie ihn schtzte, erkannte sie doch spter, wie wenig sein historisch-ethischer Ansatz der Medienforschung in die Tiefe ging. Es fehlte die Empirie, der kritische Blick auf die tatschliche Wirkung massenmedialer Kommunikation. Als frhen Meister der empirischen Sozialforschung sah sie spter Paul Lazarsfeld an. Einige Semester blieb sie in Berlin, betrieb das Studium jedoch recht nachlssig. Es folgten kurze Abstecher nach Knigsberg und Mnchen, bis sie im Herbst 1937 mit einem Stipendium fr ein Jahr nach Amerika, an eine renommierte Journalistenschule in Columbia, wechseln konnte. Dieser Austausch sollte ihr ganzes Leben in eine neue Richtung lenken. Obwohl Amerika ihr eher fremd blieb, machte sie dort eine fr sie uerst wichtige Entdeckung: die Technik der reprsentativen Stichprobenumfragen, von Pionieren wie George Gallup fr Wahlprognosen genutzt. Vom unbndigen Willen, selbststndig zu sein und zu entdecken, zeugte die mehrmonatige Reise quer durch Asien, welche die erst 22-jhrige Elisabeth Noelle nach ihrem Amerika-Studienaufenthalt unternahm. Zurckgekehrt nach Berlin, verfasste sie in Rekordzeit eine Dissertation zu den neuen amerikanischen Methoden der Meinungsbefragung, die in Europa noch gnzlich unbekannt waren. Dann begann sie als Journalistin zu arbeiten. Nach einem Volontariat bei der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ kam sie zur Wochenzeitung „Das Reich“, wo sie ihren spteren Ehemann, Peter Neumann, einen ehemals kommunistischen Journalisten, kennen lernte. Beim „Reich“, einem gehobenen Blatt, wurde ihr gekndigt, nachdem sie eigenmchtig ein tendenzises Foto des amerikanischen Prsidenten Roosevelt gegen ein vorteilhafteres getauscht hatte. Danach fand sie Unterschlupf bei der „Frankfurter Zeitung“, dem letzten liberalen, nicht gleichgeschalteten Blatt in NS-Deutschland. Die Kapitel, die ihre Erlebnisse im Dritten Reich schildern, gehren zu den dichtesten und spannendsten Seiten ihrer Memoiren. Immer wieder wurde versucht, ihr eine Nhe zum NS-Regime anzudichten. Elisabeth Noelle beschreibt, wie etwa Lea Rosh spter die Zeitungsarchive nach kompromittierenden Formulierungen durchstbern lie. Die engagierte Suche blieb erfolglos. 1942 hatte sich auch Joseph Goebbels fr ihre journalistischen Arbeiten interessiert. Mehrfach gab es Probleme mit der Zensur, die etwa einen Artikel ber zwangsverpflichtete sterreichische Arbeiterinnen rgte. berraschend machte der Propagandaminister jedoch dann der Expertin fr amerikanische Meinungsforschung das Angebot, seine Adjutantin zu werden. Durch eine mehrmonatige Erkrankung zog sie sich aus der Affre. Nach dem Krieg machte sie am Bodensee 1947 in einer Garage ein kleines Meinungsforschungsbro auf, das sich bald zur fhrenden Institution dieser Art in Deutschland entwickelte. Die Bundesregierung forderte regelmig Stimmungsbilder aus Allensbach an, Kanzler Adenauer und Wirtschaftsminister Erhard lieen sich persnlich beraten, spter auch Helmut Kohl. Neben ihren journalistischen Kenntnissen und dem demoskopischen Gespr bewies sie dabei erstaunliches Unternehmertalent. Als eher brgerlich-konservative Professorin in Mainz zog sie sich den Hass der nach 1968 tonangebenden Linken zu – entsprechend bissig liest sich ihre Abrechnung mit der Frankfurter Schule und besonders deren Kopf Adorno. Was sie an Anfeindungen (bis hin zu einem Bombenanschlag auf das Bro ihres Mitarbeiters Hans Mathias Kepplinger) erlebte, vermutet sie zum Teil von der DDR gesteuert. International hat sich die Meinungsforscherin mit ihrer Entdeckung der „Schweigespirale“ einen Namen gemacht. Wie gesteuerte soziale Kontrolle funktionierte, hatte sie bereits im totalitren NS-System erleben knnen. Aber auch unter demokratischen Bedingungen, so erkannte Noelle-Neumann, scheuen die meisten, sich mit unerwnschten Meinungen zu exponieren. Menschen frchten geistige Isolation. Daher beobachten sie ihre Umwelt, sie registrieren Zustimmung oder Ablehnung. Die ffentlich (scheinbar) vorherrschende Meinung, wie sie die Massenmedien prgen, bt Druck aus. Schlielich verstummen jene, die abweichende Ansichten haben. „Im Extremfall“, so Noelle-Neumann, „fhrt dann die Schweigespirale dazu, dass man ber ein bestimmtes Thema nur mit einer bestimmten Wortwahl (Political Correctness) oder berhaupt nicht (Tabu) sprechen kann, wenn man nicht mit uerst scharfen Signalen der gesellschaftlichen Ausgrenzung konfrontiert werden will.“ Sie selbst hat sich als Meinungsforscherin durch jahrelange Kampagnen nicht einschchtern lassen. Noelle-Neumann zieht eine positive Bilanz ihres Lebens. Das 21. Jahrhundert, meint sie, werde bei einer weiteren Verfeinerung der Techniken und Theorien der Meinungsforschung ganz in deren Zeichen stehen. Elisabeth Noelle-Neumann: Die Erinnerungen. Herbig Verlag: Mnchen 2006, 319 Seiten, 24,90 Euro.
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