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Fachartikel, 24.05.2016
Management by Sinn
Woran Führung in der Praxis häufig scheitert
Management by Objectives, by Delegation, by Exception, by Motivation und wie sie alle heißen - jeder, der schon mal ein Management- bzw. Führungskräfte-Seminar besucht hat, kennt sie, die verschiedenen Managementansätze bzw. Führungsstrategien. Doch alle Managementmethoden bleiben graue Theorie, wenn Mitarbeiter ihre Arbeit nicht als sinnerfüllend empfinden.

Menschen (und dazu gehren auch Unternehmer und Manager) mchten einfache Tools oder Techniken an die Hand bekommen, um ein Problem schnell und effizient zu lsen. Fr das „Problem“ der Fhrung - ob eines Unternehmens oder der beteiligten Mitarbeiter - gibt es deshalb verschiedene „Management by“-Anstze.

So weit, so ungut. Denn im wahren Fhrungsleben – jenseits der  Theoriebcher – sieht es oft ganz anders aus. Etwas Motivation (meist durch die zwei goldenen Gs Goodies & Geld), etwas Freiheiten (aber nur unter Bercksichtigung der engen Vorschriften) und etwas Mitbestimmung (vordergrndig, denn die Entscheidung ist lngst gefallen) sollen Mitarbeiter zu Hchstleistungen antreiben. Dabei fehlt in diesem „Management by“-Werkzeugkasten das absolut entscheidende Tool. Dabei ist es eigentlich gar kein Tool, sondern es ist der Werkzeugkasten selber. Der Sinn. Deshalb wollen wir hier einmal etwas ausfhrlicher vom „Management by Sinn“ oder – fr alle, die es wirklich englisch wollen – „Management by Sense“ sprechen.

Auf der Suche nach dem Sinn

Jeder Mensch lechzt nach Sinn. Sucht den Sinn seines Lebens. Sucht Sinn in dem, was er tglich tut. Und was tun die Unternehmen und Fhrungskrfte? Sie versuchen – wie oben beschrieben – zu motivieren und erhoffen sich glckliche, zufriedene und damit leistungsfhige Mitarbeiter. Aber viele, zu viele Mitarbeiter wie auch Fhrungskrfte oder sogar Unternehmer und Manager sind nicht zufrieden. Warum? Weil ihnen (bewusst oder unbewusst) der Sinn fehlt. Ein Beispiel aus meiner Coaching-Praxis: Der 45-jhrige CEO einer Pharmafirma kommt zu mir und erzhlt, dass es ihm gut geht. Er besitzt ein groes Haus, hat zwei wunderbare Kinder und eine tolle Frau, eine Nanny und genug Geld. Trotzdem mchte er sein Berufsleben verndern und etwas tun, das Sinn macht. Denn wenn die Arbeit keinen Sinn macht, motiviert sie nicht. Geschieht dies ber einen lngeren Zeitraum, macht man irgendwann nur noch das, was von einem erwartet wird. Ohne zu hinterfragen (weil es ja eh keinen Sinn macht). Burnout – oder  wie die ganzen Management-Auszeichnungen heien – entsteht auch darum, weil man nur noch funktioniert im Business (oder sogar im ganzen Leben). Weil man nicht mehr innehlt und sich fragt, warum man das tut, was man tut. Weil man keinen tieferen Sinn mehr darin erkennt.

Wenn die (traurige) Realitt ans Licht kommt, wird Echt-sein zur Pflicht!

Jetzt gibt es vielleicht Unternehmer, die sagen, dass das ja ein Problem des Einzelnen sei, das das Unternehmen nicht lsen knne und das Unternehmen auch gar nichts angehe. Weit gefehlt, denn Unternehmen stehen vor einer der grten Herausforderungen berhaupt: Sie mssen (nicht drfen oder sollten) „echter“ werden. Denn jeder Mitarbeiter, jeder Auszubildende, jeder Kunde und sogar jeder Bewerber, der sich ungerecht behandelt fhlt, unzufrieden ist, oder einfach Lust darauf hat, kann das Unternehmen ffentlich „bewerten“. In der Realitt bedeutet bewerten zum Beispiel auch, dass „die Realitt“ in Unternehmen auf Plattformen wie kununu.com von ihrer hsslichsten Seite dargestellt wird. Die Plattform gehrt der Business-Plattform XING und erfreut sich wachsender Reichweite.

In der ffentlichen Bewertung hilft es dem Unternehmen nicht mehr, wenn in der Hochglanzbroschre steht, dass der Mensch im Mittelpunkt steht und sie nicht nur zufriedene, sondern begeisterte Mitarbeiter und Kunden wollen, wenn dies in Tat und Wahrheit nicht umgesetzt wird. Die Floskel „Mensch im Mittelpunkt“ ist ja meistens gut gemeint. Bei Google gibt es zu dieser Suchphrase ber 16 Millionen Treffer, was nur zu gut zeigt, wie schnell schne Worthlsen kopiert werden. Je ffentlicher und durchschaubarer alles wird, umso wichtiger – nein zur Pflicht – wird das Echt-Sein. Sinn und Werte werden – nein sind – Pflicht. Heute schon. Damit sichert sich das Unternehmen nicht nur ein weiterhin gutes Image. Nein, die Mitarbeiter arbeiten sogar mehrheitlich gerne in diesen Unternehmen. Und Kunden lieben Unternehmen, in denen man Menschen antrifft, die fr das Unternehmen „brennen“. Zudem informieren wir uns ber ein Unternehmen meistens zuerst ber das Internet und damit ber seine digitale Reputation. Und genau darum ist es heute schon wichtig – und in naher Zukunft berlebenswichtig – Mitarbeiter ins Boot zu holen. Aber wie?

Die Frage nach dem "Warum"

Warum um alles in der Welt ist „Sinn“ in vielen Unternehmen absolut kein Thema? Wenn ich Unternehmer frage, warum sie arbeiten und das Unternehmen fhren, hre ich oft, weil sie ja Geld verdienen mssten. Stimmt. Aber Geld ist nur eine (positive) Folge. Das „Warum“ wre etwas anderes: der Sinn. Das herauszufinden ist schon eine groe Herausforderung. Diese Sinn-Erkenntnis dann auch noch zu kommunizieren eine ganz andere. Aber das Potential, das im Sinn steckt, ist enorm. Mitarbeiter, die einen Sinn darin erkennen, was sie tun, mssen nicht mit plumpen Manahmen motiviert werden. Die sind motiviert. Kunden, die in einem Unternehmen einkaufen, das diesen Sinn kommuniziert, werden eher zu begeisterten Fans und damit zu Stammkunden.

Von Werten und Leit(d)bildern

Wenn in einem Unternehmen Sinn-Fragen gestellt werden, gehen damit meist auch Werte-Diskussionen einher. Damit meine ich nicht die Leitbilder (meistens eher Leidbilder), die in vielen Unternehmen einsam vor sich hin hngen. Mit abgedroschenen Floskeln und schnen Wrtern, die kaum ein Mensch versteht oder die man schon in den letzten fnf Unternehmen eins zu eins kennen gelernt hat. Was unterscheidet Ihr Leitbild von dem Ihres Konkurrenten? Ist Ihr Leitbild eine Ansammlung leerer (schner) Worthlsen, reicht das heute nicht mehr. Gehen Sie durch Ihr Unternehmen und fragen Sie zehn Mitarbeiter, welche grundlegenden Werte im Unternehmen bestehen. Wenn acht von zehn Mitarbeitern peinlich berhrt nur die Schultern zucken oder einen Herzinfarkt vortuschen (um darauf nicht antworten zu mssen), drfen Sie getrost das Leitbild abhngen und in den Mll werfen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ein gutes Leitbild drfen Sie aufhngen – aber dann sind die Werte jedem Mitarbeiter klar. Und jeder Mitarbeiter wei, wohin das Unternehmen will, warum das Unternehmen ihre Produkte oder Dienstleistungen anbietet und was der jeweilige Mitarbeiter dazu beitragen kann.

Ist Sinn im Unternehmen nur fr unproduktive Phantasten?

Theodore Roosevelt hat schon 1903 gesagt, „das mit Abstand Beste, was das Leben uns bietet, ist hart an etwas zu arbeiten, das einen Sinn hat.“ Roosevelt hatte absolut Recht! Die Frage nach dem Sinn des Lebens sollte man nicht bei lngst verstorbenen Philosophen suchen, sondern jeder sollte sie regelmig fr sich selber beantworten. Zum Sinn im Leben gehrt der Sinn des eigenen Berufs. Und dieser Weg bedingt eine Persnlichkeitsentwicklung. Gerade eine Fhrungskraft sollte also nicht nur Management-Systeme, Fhrungs- oder Kommunikationstechniken beherrschen, sondern selber eine Persnlichkeit sein, die dazu bereit ist, sich auch selbst immer wieder zu reflektieren und zu analysieren. Dann ist der Mensch tatschlich im Mittelpunkt. Dann wirkt man auf andere Menschen – ob auf Mitarbeiter- oder Kundenebene – automatisch intensiver und spannender. Und das hat natrlich wieder positive Auswirkungen auf das Unternehmen.

Wer Leistung fordert, muss Sinn bieten; wer Sinn bietet, muss keine Macht ausben.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch! Macht ist nichts Negatives. Jeder Unternehmer hat Macht und bentigt die Persnlichkeit, diese Macht auch fr das Unternehmen und sein Umfeld positiv einzusetzen. Allerdings muss kein Unternehmer diese Macht bewusst ausben, wenn er Sinn bietet. Sinn wird das Thema der nchsten Jahre sein – auch und ganz speziell in den Unternehmen. Die Motivations-Show (intern) und Hochglanz-Marketing-Wand (extern) ist definitiv vorbei. Es ist Zeit fr mehr Echtheit in Unternehmen und mehr sinn-volle Manahmen. Wie man das Ganze umsetzt? Indem man endlich tut, was schon immer in den Leitbildern gestanden hat: Den Menschen tatschlich ins Zentrum rcken! Indem man in jeder Arbeit den Sinn sucht, sieht und versteht. Und indem jedem Mitarbeiter erklrt wird, wie das Unternehmen arbeitet (Werte) und warum (Sinn) man das Produkt oder die Dienstleistung anbietet. Aber machen wir uns nichts vor: Alles beginnt mit den Unternehmern und Top-Managern. Denn nur wenn der Sinn ganz oben in den Organisationen erkannt, gelebt und kommuniziert wird, „lebt“ das sinnbasierte Management im Unternehmen, in den Konzernen. Dann aber ist es eine unglaubliche Bereicherung fr jeden Mitarbeiter, jede Fhrungskraft und jeden Kunden und damit auch unternehmerisch sinnvoll. Die Frage bleibt, wer sich dem Sinn – und damit dieser persnlichen und geschftlichen Herausforderung stellt.

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