VOLLTEXTSUCHE
Fachartikel, 22.08.2017
Lernfeld Digitalisierung
Transformation des Mindsets in der Wirtschaft gefragt
Die digitale Transformation erweist sich derzeit als das größte und dringendste Lernfeld für Unternehmen, Führungskräfte und Mitarbeiter. Der global beschleunigte Prozess technischer Anpassung von Individuen, Geschäft und Gesellschaften, ja ganzer Nationen fordert einerseits heraus und erzeugt Unsicherheit, andererseits beschert er uns allen eine Fülle neuer Chancen.

Ein herausragender Aspekt ist die erhhte Verbundenheit, die sich aus der verstrkten Vernetzung von Menschen, Daten und Organisationen sowie aus der Vielzahl neuer Kommunikationsformen und Mglichkeiten sozialer Interaktion ergibt. Das stellt uns aber nicht nur vor den offensichtlichen technischen Lernprozess, sondern vor allem vor einen persnlichen. Die digitale Transformation ist nur machbar mit einer Transformation unseres Mindsets. Die W.I.R.-Formel zeigt, worauf es ankommt.

W.I.R.-Formel Teil 1: W wie Werte

Sowohl unsere Erziehung als auch unsere Geschftswelt basieren auf dem Grundsatz: „So viel Konkurrenz wie mglich. So wenig Kooperation wie ntig.“ Ebenso wenig, wie den Dinosauriern ihre Gre das berleben gesichert hat, wird dieses Wertesystem Menschen und Unternehmen im Wissenszeitalter noch zum Erfolg fhren. Und doch sind wir entsprechend programmiert, wie uns ein Beispiel aus der Wissenschaft zeigt. Dr. Ijad Madisch, ein in Harvard ausgebildeter Virologe, gewinnt frh den Eindruck, dass der Ego-Gedanke bei Wissenschaftlern besonders stark verbreitet ist. Wenn er bei seinen Experimenten stecken bleibt und seine Kollegen deswegen um Hilfe bittet, wird er kritisiert. Spitzenforscher geben sich keine Ble, indem sie um Hilfe bitten, heit es. Es wre wichtig, ein Image berlegener Kompetenz zu pflegen. Madisch jedoch findet, dass die Wissenschaft eine globale Gemeinschaft braucht, in der Fortschritte wichtiger sind als Egos. Im Jahr 2008 grndet er ResearchGate, ein soziales Netzwerk fr Wissenschaftler, das dazu dienen soll, die besten Kpfe des Planeten zusammenzubringen. Whrend sein Chefarzt ihn noch belchelt, als er diesen um eine Reduzierung seiner Arbeitszeit bittet, wird ResearchGate von rund 12 Millionen Wissenschaftlern in 200 Lndern genutzt, wchentlich kommen 10.000 Mitglieder hinzu und monatlich werden 2,5 Millionen Publikationen hochgeladen. Besonders stolz ist Madisch darauf, dass sich unter den verffentlichten Informationen auch solche befinden, die offiziell nicht geteilt werden, aber groe Bedeutung fr die Weiterentwicklung haben, wie etwa Codes oder negative Ergebnisse.

Wissen teilen und mitentscheiden drfen

Wer im Elfenbeinturm seiner Verantwortungsgrenzen Wissen isoliert, hegt und pflegt, kann in der digitalen Transformation schnell abgehngt werden oder komplexe Zusammenhnge bersehen. Erst die Fhigkeit, das Wissen mit anderen Disziplinen oder Perspektiven zu verknpfen, erzeugt Wertschpfung. Dass Mitarbeiter bereit dafr sind, zeigt die 2016 von der TU Mnchen durchgefhrte Studie „Der Ruf nach Freiheit – innovationsfrderliche Arbeitswelten aus Sicht der Arbeitenden“. Danach sagen drei von vier Mitarbeitern (76 Prozent), sie wrden ihr Engagement erhhen, wenn sie ber neue Produkte und Entwicklungen mitentscheiden drften. Und 80 Prozent meinen, dass mit einer strkeren Teilhabe an firmenrelevanten Entscheidungen die Produktivitt ihres Unternehmens steigen wrde. Innovation, also die breite Durchsetzung einer Neuerung am Markt, ist ein kooperativer Prozess. Wie Madischs Beispiel zeigt, braucht unsere zutiefst menschliche Fhigkeit, kooperieren zu knnen, offensichtlich nur den richtigen Impuls. Das Wertesystem, das in der heutigen WIRtschaft Erfolg verspricht, lautet: „So viel Kooperation wie mglich. So wenig Konkurrenz wie ntig.“

W.I.R.-Formel Teil 2: I wie Interessen maximieren

Konkurrenz ist ein Nullsummenspiel. Einer gewinnt, einer verliert. Der WIRtschaftliche Ansatz lautet: Mglichst Viele gewinnen. Das geschieht dann, wenn Entscheidungen getroffen werden, die den Interessen mglichst vieler dienen. Kommunikation, also der Austausch von Sichtweisen, mit dem Ziel zu verstehen, die Bereitschaft, Einblick in die eigenen Motive und Bedrfnisse zu geben und das Engagement nach Win-Win-Lsungen zu suchen, sind die Schlssel dazu.

In Lsungsfindung einbeziehen

Nur wenn Menschen die Mglichkeit erffnet wird, ihre Interessen kundzutun und nur wenn alle Beteiligten aktiv in die Lsungsfindung einbezogen werden, besteht die Mglichkeit, Win-Win-Lsungen herbeizufhren. Genau das ist dank der technischen Mglichkeiten deutlich einfacher und schneller geworden und zwar unabhngig davon, wo sich jeder gerade befindet. Mit einer Email-Nachricht oder einer Videobotschaft knnen unzhlige Menschen gleichzeitig informiert werden. In internen Netzwerken knnen Meinungen ausgetauscht und unterschiedliche Anstze diskutiert werden. Dokumente knnen schnell hin- und hergeschickt und mit Kommentaren versehen weiterentwickelt werden. Konsensentscheidungen sind dadurch deutlich schneller herbeizufhren.

Virtuelle Kommunikation

Natrlich gilt es dabei, auf die Fallstricke zu achten, denn Kommunikation ist und bleibt eine komplexe Angelegenheit. Wir senden unsere Botschaft nur zu einem kleinen Anteil ber die Worte. Der Groteil der Information fliet ber Stimme und Krpersprache. Je nachdem, welchen Kommunikationsweg wir whlen, geht ein grerer oder kleinerer Teil der Information verloren. Die Email besteht nur aus Worten, die SMS oder WhatsApp meist aus wenigen Worten und Abkrzungen, da besteht also groer Interpretationsspielraum und damit viel Raum fr Missverstndnisse. Der Live-Chat besteht zwar auch nur aus Worten, bietet aber zumindest den zeitlich zusammenhngenden Austausch. Das Telefon oder die gesprochene WhatsApp liefert immerhin den Klang der Stimme, damit kommen schon rund 2/3 der Information im Vergleich zum persnlichen Gesprch an. Jede visuelle Untersttzung erhht die Informationsbertragung und reduziert die Gefahr von Missverstndnissen weiter. Ein zustzlich geteiltes Dokument oder eine Bildschirmprsentation zum Beispiel schaffen mehr Klarheit ber das, was besprochen wird. Kommt dann noch das Kamerabild ins Spiel, haben wir das Optimum erreicht, das virtuelle Kommunikation uns bieten kann.

Vorschussvertrauen

Vertrauen und Integritt bekommen eine noch hhere Bedeutung im Umgang miteinander. Organisationen werden fluider, Hierarchien nehmen ab und es entsteht mehr Freiraum, aber auch mehr Verantwortung fr den Einzelnen. Das Vorleben wird zu einem der wichtigsten Fhrungsinstrumente. Als in einem Unternehmen vor kurzem eine Initiative gestartet wird, um mobiles Arbeiten zu ermglichen, reagieren die Fhrungskrfte unterschiedlich. Whrend die einen sich freuen, ihren Mitarbeitern mehr Freiheit in der Wahl ihres Arbeitsortes bieten zu knnen, sorgen sich die anderen in erster Linie darum, ob und wie das ausgenutzt werden kann. Die Spieletheorie, eine Wissenschaftsrichtung, deren bedeutendster Forscher John F. Nash sogar einen Nobelpreis erhalten hat, befasst sich u. a. mit den Folgen mangelnder Kooperation. Viele Beispiele zeigen, dass in so einem Fall ein Ergebnis entsteht, bei dem alle Beteiligten schlechter wegkommen, als wenn sie zusammengearbeitet htten. Die Forscher beschftigen sich natrlich auch mit der Frage, was die beste Strategie ist, damit alle Beteiligten profitieren. Es ist Vorschussvertrauen. Das heit, so zu handeln, als ob man wsste, dass die andere Partei ebenfalls im Sinne des WIR handelt. Das fllt uns nicht immer leicht, vor allem deswegen, weil wir die Vertrauenswrdigkeit von Menschen gerne unterschtzen. Transparenz im Hinblick auf Hintergrnde, Motive und Visionen sowie die Mglichkeit, diese zu diskutieren, helfen dabei, den Rahmen zu definieren, in dem sich jeder eigenverantwortlich auf ein Ziel zu bewegt, das allen dient.

W.I.R.-Formel Teil 3: R wie Reise

Die digitale Transformation ist ein kontinuierlicher Lernprozess, bei dem nicht zu erwarten ist, dass wir jemals wieder einen Status erreichen werden, auf dem wir uns ausruhen knnen. Das erzeugt Unsicherheit und die Gefahr, Fehler zu machen, ist hoch. Je nach vorherrschendem Klima und Mindset, kann das lhmen oder Kreativitt freisetzen und zu gemeinsamem Wachstum fhren.

Dynamisches und statisches Selbstbild

Die US-Amerikanische Psychologieprofessorin Carol Dweck hat bei ihren Studien mit hunderten von Studenten sowie Mitarbeitern von Fortune500-Unternehmen entdeckt, dass Menschen zwei sich unterscheidenden Selbstbildern folgen: Das eine Selbstbild ermglicht, stndig dazu zu lernen und zu wachsen. Das andere Selbstbild beschrnkt und lsst einen vor neuen Gelegenheiten zurckschrecken. Sie unterscheidet das dynamische Selbstbild, den sogenannten Growth-Mindset und das statische, den sogenannten Fixed Mindset. Menschen mit einem statischen Selbstbild hten sich davor, Fehler zu machen oder Schwchen einzugestehen. Deswegen halten sie sich am liebsten in ihrer Komfortzone auf und setzen sich ungern Situationen aus, von denen sie nicht sicher sind, sie kontrollieren zu knnen. Menschen mit einem dynamischen Selbstbild hingegen gehen davon aus, dass Intelligenz und Fhigkeiten sich durch Ausprobieren, bung und Ausdauer sowie durch die Untersttzung von anderen entwickeln. Sie sind bereit, sich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen und an ihren Fhigkeiten zu arbeiten. Sie haben nicht den Anspruch, sofort perfekt sein zu mssen, was es ihnen erlaubt, sich anderen mit ihren Fehlern, ihrem Nichtwissen und ihren Schwchen zu zeigen. Fhrungskrfte, die das vorleben, das heit also ihre eigene Fehlbarkeit und ihr Nichtwissen anerkennen und teilen, schaffen in ihren Teams psychologische Sicherheit.

Psychologische Sicherheit verspricht Erfolg

Laut einer zweijhrigen Studie namens Aristoteles, die Google mit ber 180 eigenen Teams durchgefhrt hat, ist es fr den Teamerfolg nicht so mageblich, wer zu den Teams gehrt. Das Teamergebnis steht und fllt mit dem Ma an psychologischer Sicherheit, das die Teammitglieder empfinden. Die Professorin Amy Edmondson hat den Begriff bereits 1999 definiert als den Glauben, dass man nicht bestraft oder blogestellt wird, wenn man Ideen, Fragen, Bedenken oder Fehler anspricht. Existiert dieser Glaube nicht, stellen Teammitglieder Ergebnisse anderer nicht in Frage und halten ihre Ideen zurck, aus Angst vor Zurckweisung der anderen Teammitglieder. Genau das ist aber fatal, wenn es darum geht, einen Growth Mindset zu erzeugen. Schon einfache Aussagen der Fhrungskraft wie „Mglicherweise habe ich hier etwas bersehen, was meinen Sie dazu?“ oder wenn sie sich von den eigenen Mitarbeitern technisch auf die Sprnge helfen lsst, beeinflussen das Ma an psychologischer Sicherheit deutlich positiv. Je hher es ist, desto hher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass Lust an der Weiterentwicklung entsteht sowie ungewhnliche und neuartige Ideen geuert und diskutiert werden.

Richtig genutzt, werden die Mglichkeiten der digitalen Transformation, a) Wissen einfacher zu teilen denn je sowie b) gemeinsam konomische Rahmenbedingung zu gestalten, zum Treiber fr Kreativitt, Innovation und Wachstum. Davon profitieren brigens nicht nur einige Wenige, sondern mglichst Viele – ganz im Sinnes des WIR in WIRtschaft.

QUERVERWEIS
Download-Tipp der Redaktion
Kostenloses E-Book "Das Mango-Prinzip"
Erfahren Sie in dem kostenfreies E-Book "Das Mango-Prinzip", wie Sie auch schwierige Situationen mittels Kooperation erfolgreich meistern und Win-Win-Situationen für alle Beteiligten schaffen.
E-Book downloaden
ZUM AUTOR
ber Ulrike Stahl
Ulrike Stahl – Erfolgsfaktor Kooperation
Ulrike Stahl denkt Kooperation nicht nur neu, sie lebt und lehrt sie auch. Mit ihrer in London lebenden Schwester hat sie über die Ländergrenzen hinweg ein gemeinsames Unternehmen aufgebaut. Über 2000 Unternehmer unterstützte sie ...
Ulrike Stahl – Erfolgsfaktor Kooperation
Melchtaler Str. 40
6073 Flüeli-Ranft

+49-9723-7015198
WEITERE ARTIKEL DIESES AUTORS
Das Mango-Prinzip
Im Wirtschaftsleben heißt es gern „Konkurrenz belebt das Geschäft“. Doch dass Konkurrenz ein ... mehr

ANDERE ARTIKEL AUS DIESEM RESSORT
SUCHE
Volltextsuche





Profisuche
Anzeige
PRESSEFORUM MITTELSTAND
Pressedienst
LETZTE UNTERNEHMENSMELDUNGEN
Anzeige
BRANCHENVERZEICHNIS
Branchenverzeichnis
Kostenlose Corporate Showrooms inklusive Pressefach
Kostenloser Online-Dienst mit hochwertigen Corporate Showrooms (Microsites) - jetzt recherchieren und eintragen! Weitere Infos/kostenlos eintragen
EINTRGE
PR-DIENSTLEISTERVERZEICHNIS
PR-Dienstleisterverzeichnis
Kostenlos als PR-Agentur/-Dienstleister eintragen
Kostenfreies Verzeichnis fr PR-Agenturen und sonstige PR-Dienstleister mit umfangreichen Microsites (inkl. Kunden-Pressefchern). zum PR-Dienstleisterverzeichnis
BUSINESS-SERVICES
© novo per motio KG