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Der Markt ist die wichtigste Kulturleistung – Ablehnung des ergebnisoffenen Freihandels in Europa stark verbreitet

(PM) , 22.06.2006 - Bonn/Brssel - Europas schreibende Zunft mokiert sich gerne ber den Schpfungsglauben, der wissenschaftlich verbrmt als Theorie des „intelligent design“ im US-amerikanischen „bible belt“ immer offensiver auftritt. Dabei helfen nicht wenige von ihnen eifrig mit, dass sich im alten Europa eine Mentalitt breit macht, die letztlich ebenfalls auf einer Spielart des geschmhten „intelligent design“ beruht. Die Rede ist von der vor allem in Europa um sich greifenden Ablehnung des ungeplanten, ergebnisoffenen Freihandels und der ungebremsten Globalisierung der Mrkte im Namen von sozialer Gerechtigkeit, Vorsorge und Nachhaltigkeit. Die Marktwirtschaft erscheint dabei als primitiv und moralisch minderwertig gegenber auf angeblich „hherem“ Wissen beruhenden konstruktivistischen Anstzen. Das „Vorsorgeprinzip“ nimmt heute im alten Europa offenbar den Platz ein, den in der theologisch begrndeten vordarwinistischen kologie (Physico-Theologie) die gttliche Vorsehung (Providentia) innehatte. Diese Propaganda fllt auf fruchtbaren Boden. Mehr als die Hlfte der Deutschen lehnt inzwischen die Marktwirtschaft ab. Fast drei Viertel der Franzosen sind sogar davon berzeugt, ihrem Land ginge es besser, wenn alle Beamte wren. Statt sich den neuen Herausforderungen zu stellen, flchten sich immer mehr Menschen unter obrigkeitsstaatliche Bevormundung. Nur folkloristisch aufgemachte Wochen- und Jahrmrkte und von der Politik knstlich geschaffene Spielwiesen wie der Handel mit Treibhausgas-Emissionsrechten stehen in Europa noch relativ hoch im Kurs. Selbst in den USA finden protektionistische Bestrebungen immer mehr Anhnger. Das lsst die Frage aufkommen, ob und wieweit die freie Marktwirtschaft berhaupt mit der menschlichen Natur vereinbar ist. Eng damit verbunden ist die Frage, wieweit es sich die Menschen heute noch leisten knnen, beim Management von Nahrungs-, Rohstoff-, Finanz- und Wissensressourcen auf die Leistungen des Marktes, auf den Wettbewerb als Entdeckungsverfahren zu verzichten. In den USA gehen unter anderen Leda Cosmides und John Tooby (Santa Barbara), die die Schule der der Evolutionren Psychologie (www.psych.ucsb.edu/research/cep/primer.html) begrndet haben, diesen Fragen nach. Ihr Ansatz: Wenn das Schlagwort „eine Welt“ einen Sinn haben soll, muss man Psychologie, Soziologie oder konomie bis zu einem gewissen Grade als Zweige der Biologie behandeln drfen. So untersucht die Evolutionre Psychologie unter anderem, wie und unter welchen Voraussetzungen Kollektive zu intelligenteren Entscheidungen gelangen knnen als isolierte Individuen. Wir wissen schon lange, dass groe Kollektive nicht unbedingt klger entscheiden als Einzelne. Aus der Massenpsychologie von Gustave Le Bon ist uns seit mehr als einem Jahrhundert bekannt, dass Intelligenz, anstatt durch Kooperation zu wachsen, sich in amorphen Menschenmassen auch leicht verdnnen, verflchtigen kann. Die moderne Hooligan-Forschung besttigt: Ein Mob ist dmmer als das dmmste seiner Mitglieder. Viele Menschen zusammen sind nur unter bestimmten Bedingungen klger als Einzelne. Eine der historischen Voraussetzungen kluger kollektiver Entscheidungen ist die Bildung hierarchisch strukturierter Gemeinschaften, beginnend mit der Familie als Urzelle und deren Zusammenschluss zu einer Horde, die der geordneten Auswertung, dem Austausch und der Weitergabe von Erfahrungen ber Generationen dienen. Etwa anderthalb Millionen Jahre lang lebten die Menschen als Jger und Sammler in Horden mit hchstens 150 Mitgliedern, die von einem ausgeprgten Wir-Gefhl, einem Gruppenegoismus und einer damit verbundenen feindlichen Abgrenzung gegenber konkurrierenden Horden zusammengehalten wurden. Die spezialisierten Schaltkreise unseres Hirns sind im Wesentlichen Anpassungen an die Lebensbedingungen solcher Horden. Sie sind darauf angelegt, Probleme zu lsen, mit denen solche kleinen Menschengruppen tagtglich konfrontiert wurden. Erst vor etwa 10.000 Jahren sind die Menschen infolge des bergangs zu Ackerbau und Viehzucht, der sog. Neolitischen Revolution, zur Bildung grerer Gemeinschaften bergegangen. Die mit den neuen Techniken der Versorgung mit Nahrungsmitteln und Kleidung erzielbaren (bescheidenen) berschsse ermglichten die Grndung erster Stdte mit Bewohnern, die nicht mehr darauf angewiesen waren, ihren Lebensunterhalt mit der Jagd oder der Landbewirtschaftung zu verdienen. Die Organisation des menschlichen Hirns konnte sich an diesen fundamentalen Wandel der Lebensbedingungen mithilfe des Wechselspiels von Mutation und Selektion aber bis heute kaum anpassen, weil der kurze Zeitraum von etwa 10.000 Jahren dafr nicht ausreichte. Auch wenn Hirnforscher und Palontologen inzwischen zeigen konnten, dass sich das menschliche Hirn rascher fortentwickelt als bislang angenommen und in den letzten 10.000 Jahren tatschlich einige neue Hirnleistungen wie vor allem die Perfektionierung sprachlicher Fertigkeiten hinzugekommen sind, gilt doch: Wir mssen uns in der modernen Welt mithilfe von Steinzeit-Hirnen zurechtfinden und durchschlagen. Das menschliche Hirn ist nach wie vor nicht darauf angelegt, Probleme in Kollektiven zu lsen, die mehr als 150 Personen umfassen. ber die „magische Zahl“ 150, die einen Umschlagpunkt markiert, wurde in den letzten Jahren viel geschrieben. Ich erinnere hier nur an den Bestseller „The Tipping Point“ des amerikanischen Star-Journalisten Malcolm Gladwell (New York 2000). Die zum Beispiel der Sekte der Hutterer wohlbekannte Regel, Kollektive, die auf mehr als 150 Mitglieder anwachsen, am besten in zwei oder mehr relativ selbstndige Gemeinden aufzuteilen, wird inzwischen auch von manchen im internationalen Konkurrenzkampf erfolgreichen Grokonzernen befolgt. Nicht zufllig bersteigt die Zahl der Eintrge in den Adressbchern durchschnittlicher Zeitgenossen selten die „magische Zahl“ von 150. Mehr Menschen kann kaum jemand zur gleichen Zeit persnlich kennen, einschtzen und in ihrer Entwicklung verfolgen. Um Probleme in Kollektiven anzugehen, zu denen mehr als 150 Personen gehren, hat die Menschheit im Laufe ihrer Geschichte im Prinzip nur zwei Methoden gefunden: den Markt und die Brokratie. Der Markt als Methode, die Bedrfnisse und Wnsche vieler Menschen mit dem Wissen ber deren Befriedigungsmglichkeiten in Einklang zu bringen und so das berleben grerer Kollektive zu sichern, ist historisch lter und auch deutlich erfolgreicher als die Brokratie. Von Ausgrabungen wissen wir, dass schon die Menschen von Cro Magnon Arbeitsteilung und Fernhandel praktizierten, was es ihnen ermglichte, die letzte Eiszeit zu berleben. Die zur gleichen Zeit in Europa noch lebenden krperlich strkeren Neandertaler schafften das nicht, weil sie vermutlich die mentale Hrde zwischen dem rein persnlichen Austausch in der Horde und dem unpersnlichen Austausch auf dem groen Markt nicht berwinden konnten. Das menschliche Hirn ist nmlich auerordentlich schlecht fr den Markt gerstet. In Form fest „verdrahteter“ Schaltkreise angelegte Instinkte wie der Gruppenegoismus, die Fixierung auf Hierarchien und der Futterneid, das heit ein den nicht vermehrbaren Ressourcen der Jger und Sammler entsprechendes Denken in Nullsummen, das nicht begreifen kann, dass beim Austausch von Gtern und Dienstleistungen Mehrwert und wirtschaftliches Wachstum entstehen knnen, erzeugen eine tief sitzende Aversion gegen Fremde und den Fernhandel mit ihnen. Deren berwindung war wohl die erste und wichtigste Kulturleistung in der Menschheitsgeschichte. Erst durch das Ablegen der Scheu vor dem Fernhandel und dem unpersnlichen Austausch wurde Homo zum sapiens. Dieser unterscheidet sich - wie schon Friedrich August von Hayek, der Wirtschaftsnobelpreistrger von 1974, klar herausarbeitete - von seinen auf den persnlichen Austausch in der Horde beschrnkten Vorgngern dadurch, dass er lernen muss, stndig in zwei verschiedenen Welten zu leben: in einem „warmen“, durch Familienbande zusammengehaltenen Mikrokosmos und in einem „kalten“ Makrokosmos, d.h. in der unpersnlichen, durch abstrakte Regeln geprgten Ordnung des Marktes. Es wre wohl nicht politisch korrekt, aber durchaus nicht abwegig, alle Menschen, die diesen Sprung nicht geschafft haben, als Vormenschen zu bezeichnen. Wir wissen nicht, ob unsere vorgeschichtlichen Ahnen von nackter Not zum Fernhandel getrieben wurden oder ob ihnen Mythen halfen, die Angst vor der Ungewissheit des unpersnlichen Austausches ber grere Entfernungen zu berwinden. Vermutlich konnten die Menschen von Cro Magnon nur mithilfe religiser Glaubensstze, Symbole und Kulte Vertrauen in den unpersnlichen Markt fassen. Die von ihnen hinterlassenen Hhlenmalereien lassen das ahnen. Geholfen haben ihnen aber wohl auch bestimmte Hirnstrukturen, die sich im heutigen Leben besser bewhren als die zuvor erwhnten: So vor allem der Eigentums-Instinkt sowie die Fhigkeit zum Verstehen der Gefhle anderer mithilfe so genannter Spiegelneuronen und die damit zusammenhngende Bereitschaft zu selbstloser Hilfe oder zum Austausch mit Unbekannten zu beiderseitigem Vorteil. Unterm Strich gibt es aber im menschlichen Hirn mehr Anlagen fr das brokratische Denken als Anlagen, die uns zum vernnftigen Handeln auf groen, unpersnlichen Mrkten befhigen. Der Neid, verkleidet als Forderung nach Gleichbehandlung, erzeugt tglich aufs neue Misstrauen in das ergebnisoffene Wechselspiel von Angebot und Nachfrage auf dem Markt. Obwohl die Menschheit hchstwahrscheinlich ihr berleben der Arbeitsteilung und dem Freihandel verdankt, gaben die Menschen deshalb immer wieder der Versuchung nach, brokratische Groorganisationen aufzubauen beziehungsweise diesen zu vertrauen, sofern ihnen berhaupt eine andere Wahl blieb, als sich mit bereits etablierten Machtstrukturen zu arrangieren. Davon abgesehen, bleibt Brokratie meines Erachtens ein notwendiges bel, das auch die khnsten radikal-liberalen beziehungsweise libertren Utopien von einer ausschlielich auf den Markt und das Privatrecht gegrndeten menschlichen Gesellschaft nicht aus der Welt schaffen knnen. Denn dort braucht man zumindest Banken und Versicherungen mit privaten Sicherheitsdiensten, wenn nicht richtigen Armeen zur Einlsung von Schutzversprechen. Sowohl Versicherungen als auch Armeen sind aber bekanntlich brokratische Organisationen par excellence. Auch fr das Funktionieren von Mrkten so wichtige Vorleistungen wie die kaufmnnische Buchfhrung und das Erstellen von Statistiken sind nicht ohne brokratische Formen des Managements denkbar. Die Brokratie bleibt unser Schicksal. Wir mssen uns aber davor hten, brokratische Problemlsungen zu glorifizieren, wenn nicht gar religis aufzuladen. Die Annahme, mit Brokratie allein knne man Frieden und Wohlstand schaffen, halte ich fr einen gefhrlichen Irrglauben. Denn jegliche aus dem Neid geborene brokratische Groorganisation tendiert dazu, diesen aus der Steinzeit ererbten Reflex durch tgliche bung zu verstrken. Das illustriert ein Blick auf unser brokratisiertes Nachbarland Frankreich... Um zu einem „ausgewogenen“ Verhltnis von Brokratie und Markt zu gelangen, d.h. um sicher zu stellen, dass Neid und Anspruchsdenken bzw. Besitzstandsverteidigung nicht jegliche Innovation im Keim ersticken, msste sich die Politik in erster Linie als Ordnungspolitik begreifen, die die Aufgabe hat, den jeder Brokratie innewohnenden Drang zum eigengesetzlichen Ausufern zu bremsen und dafr zu sorgen, dass dem Ausprobieren neuer Ideen im freien Spiel von Versuch und Irrtum auf dem Markt gengend Raum bleibt. Das ist aber nicht mglich, wenn die Politik selbst vom Geist der Brokratie durchdrungen ist. Fr eine Ausgeburt brokratischen Hochmuts halte ich zum Beispiel die nun kurz vor der Verabschiedung stehende EU-Chemikalienverordnung REACh (Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals). Als ich vor fnf Jahren das vorbereitende „Weibuch zur Chemikaliensicherheit“ sah, wurde ich unwillkrlich an die Geschichte vom Turmbau zu Babel im Alten Testament erinnert. Denn danach htten die Hersteller, Verarbeiter und Anwender von Chemikalien Tests mit mehr als 40 Millionen Versuchstieren durchfhren und etwa 100 Millionen Chemical Safety Reports (CSR) von jeweils bis zu 200 Seiten Umfang anfertigen mssen, um den neuen Vorschriften zu gengen. Wer htte die lesen, verstehen und umsetzen sollen? Inzwischen ist am REACh-Entwurf, infolge zahlreicher Einsprche durch erfahrene Praktiker der Industrie, sicher manches verbessert worden. Aber ich glaube noch immer nicht, dass das ehrgeizige Regelwerk ohne das Einrumen grerer Freirume fr marktwirtschaftliche Suchprozesse vor allem im Wissens- und Risikomanagement umgesetzt werden knnte. Ich sehe gerade hinter solchen gut gemeinten, aber in der Praxis kaum umsetzbaren Regulierungsversuchen wie REACh den Anspruch eines „intelligent design“ durchschimmern. Man meint, von vornherein wissen zu knnen, was sich als nachhaltig erweisen wird. Aber nicht nur beim Wechselspiel von Angebot und Nachfrage auf dem Markt, sondern auch bei brokratischen Problemlsungsversuchen kommt bekanntlich am Ende fast immer etwas heraus, das so niemand gewollt hat. Allerdings gibt es dabei in der Regel nur auf dem Markt angenehme berraschungen, whrend die Ergebnisse brokratischer Anstze meistens enttuschen. Auf dem Markt geht es zwar zu wie in der natrlichen Evolution. Aber weil unser Hirn noch immer grtenteils an die Lebensbedingungen der Jger und Sammler angepasst ist, erscheint es als wenig wahrscheinlich, dass wir bei Problemen des Ressourcen-, Risiko- und Wissensmanagements spontan marktwirtschaftliche Lsungswege einschlagen. Spontan entstehen, unter dem Druck der Not, allenfalls Schwarzmrkte, aber vermutlich keine nachhaltig lebensfhige marktwirtschaftliche Ordnung. Funktionsfhige Mrkte bedrfen, so paradox das fr manche auch klingen mag, der bewussten und planmigen Frderung wettbewerbsfreundlicher kultureller und rechtlicher Rahmenbedingungen. Populistische Politiker haben in einer unbersichtlicher gewordenen Welt leichtes Spiel, weil sie sich auf das Fortwirken steinzeitlicher Reflexe in unseren Hirnen verlassen knnen. Sie bedienen sich beispielsweise der Urangst, der Himmel knne uns auf den Kopf fallen, wenn sie vor einer angeblich drohenden Klimakatastrophe warnen. So gelingt es ihnen bislang, den rger der (ko-)Steuerzahler in Grenzen zu halten. Die so genannte Klimapolitik ist im brigen „intelligent design“ in Reinkultur. Denn sie geht davon aus, weltumspannende chaotische Prozesse durch Drehen an einer kleinen Stellschraube, dem technischen CO2-Aussto, in eine gewollte Richtung lenken zu knnen. Es war deshalb nur eine Frage der Zeit, dass die konservativen US-Evangelikalen das Thema „Global Warming“ und den Aberglauben der „Klimapolitik“ fr sich entdeckten. Vielleicht sollte man ihnen dieses auch berlassen und nicht so tun, als sei „Klimapolitik“ mit den Idealen der europischen Aufklrung vereinbar. Der Aufbau einer nachhaltigen marktwirtschaftlichen Ordnung ist eine Kulturleistung, die gegen primitive Instinkte durchgesetzt werden muss. Das muss aber nicht die Form eines Kreuzzuges gegen den Brokratismus annehmen. Es wre schon viel gewonnen, wenn den Brokraten klar gemacht wrde, dass sie dem Markt zu dienen haben und nicht umgekehrt. Wir mssen dahin kommen, Menschen, die den Markt ablehnen, als unkultiviert dastehen zu lassen. Deshalb kommt der familiren und schulischen Erziehung eine zentrale Bedeutung zu: Sie muss den jungen Menschen Mut machen, Ungewissheiten auszuhalten und den Entdeckungsleistungen globalisierter Mrkte zu vertrauen. Darin sehe ich die wichtigste Voraussetzung, um in der grer und schwerer berschaubar gewordenen Europischen Union zu einer rationalen Bewertung der Risiken von Chemikalien und neuen Techniken zu gelangen. Edgar Grtner ist ausgebildeter Hydrobiologe und Fachjournalist fr Chemie und Energie. Er leitet seit 2005 das Umweltforum des Centre for the New Europe (CNE), eines liberalen Think Tank in Brssel.
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