Kolumne
Beraten und verkauft, 02.07.2009
Perspektive Mittelstand
Bauchladen-Marketing
Leiden Sie auch unter TBC?
Kennen Sie die Krankheit TBC? Nein, nicht die Lungenkrankheit. Sie ist in unseren Breitengraden inzwischen recht selten. Doch es grassiert eine gleichnamige Seuche, die ausschließlich Bildungs- und Beratungsanbieter befällt. Ihr Symptom: Die Infizierten beschreiben alle ihr Leistungsspektrum mit den Worten Training – Beratung – Coaching, kurz TBC.

Lange wurde diese Krankheit nicht erkannt, obwohl sich erste Symptome bereits vor circa 15 Jahren zeigten. Damals tauchte auf den Visitenkarten vieler Trainer zunächst der Begriff „Berater“ auf. Dann ruhte die Krankheit, bevor es vor drei, vier Jahren den nächsten Schub gab und die Infizierten ihrer Berufsbezeichnung „Trainer und Berater“ noch den Begriff „Coach“ hinzufügten. Seitdem hat sich die Ansteckungsgefahr der Krankheit erhöht. Auf immer mehr Visitenkarten, Websiten usw. findet man ihr typisches Erkennungsmerkmal: die Formulierung „Training – Beratung – Coaching“.

Noch rätseln die Experten, was diese Krankheit auslöst. Klar scheint aber zu sein: Die Infizierten leiden häufig unter einem mangelnden Bewusstsein über ihrer Fähigkeiten. „Was kann ich gut?“ „Was kann ich besser als meine Mitbewerber?“ „Was unterscheidet mich von ihnen?“ Auf diese Fragen wissen sie keine Antwort. Also stürzen sie sich auf alles, was ihnen zum Beispiel die Medien als Trend suggerieren – thematisch und methodisch. Einher geht diese Störung mit der Angst, zu wenig Aufträge zu generieren. „Wenn ich nicht mit dem Strom schwimme und den Unternehmen möglichst viele Leistungen offeriere, dann … “.

Weitgehend einig sind sich die Experten zwischenzeitlich, wie sich die Krankheit TBC auswirkt. Die Infizierten verlieren ihr Profil. Sie werden immer unsicherer und gehen in der grauen Masse der Trainer, Berater und Coachs unter. „Bloß nicht anecken“. „Auf keinen Fall mich festlegen...“ Das sind typische Ängste der Infizierten. Doch wie kann man diese Krankheit heilen? Darüber gehen die Expertenmeinungen auseinander. Einig sind sie sich jedoch: nicht medikamentös. Und in der Regel auch nicht im Frühstadium. Dann ist der Leidensdruck noch zu klein.

Eine Therapie ist erst möglich, wenn die Betroffenen registrieren, dass sie aus den Rennen um die begehrten Aufträge, sofern sie überhaupt an den Start gelassen werden, meist als zweiter oder dritter Sieger hervor gehen. Also den Zuschlag nicht erhalten. Dann ist die Zeit reif, um bei den Erkrankten durch gezielte Fragen einen Bewusstseinswandel auszulösen.

Eine dieser Fragen lautet: Warum sollten sich Unternehmen gerade für Sie entscheiden, wenn Ihr Leistungsspektrum dem von Tausenden anderer TBC-Erkrankter wie ein Ei dem anderen gleicht? Eine weitere: Warum zerbrechen Sie sich permanent den Kopf darüber, wie viele Aufträge (die Sie noch nicht haben) Sie verlieren, wenn Sie sich als „Spezialist für ...“ präsentieren?

Fragen Sie sich stattdessen doch einmal: Wie viele Aufträge bekomme ich gerade nicht, weil ich mich als TBC-Erkrankter beziehungsweise Alleskönner präsentiere? Wenn die Erkrankten erst einmal bereit sind, über diese Fragen nachzudenken, dann ist der Schritt zur Genesung meist nicht mehr weit.

ZUM KOLUMNIST
Über Bernhard Kuntz
Bernhard Kuntz ist ein ausgewiesener Kenner des Bildungs- und Beratungsmarkts aufgrund seiner Tätigkeit als Redakteur des Fachmagazins 'management & seminar' (1989 bis 1992) und seiner über 15-jährigen Arbeit als Fachjournalist für Personal- und ...
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