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News, 01.08.2013
Studie zur gesellschaftlichen Mitte
Mittelschicht in Deutschland vielfältig und stabil
Vom Facharbeiter bis zum Gymnasiallehrer – die Mittelschicht in Deutschland ist bunter und vielfältiger geworden. Sie ist aber weiterhin eine stabile Säule der Gesellschaft, zeigt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft.
Den typischen "Mittelschichtler" oder die typische Mittelschicht-Familie gibt es nicht.
Den typischen "Mittelschichtler" oder die typische Mittelschicht-Familie gibt es nicht.

In den politischen Debatten hat die sogenannte Mitte seit einiger Zeit Hochkonjunktur  –  schon  deshalb, weil  sich  ohne  die  Kreuzchen  der Bürger aus der Mittelschicht keine Bundestagswahl gewinnen lässt. Oft bleibt allerdings unklar, wer genau denn zu dieser Schicht gehört. Mal dienen teils willkürlich gewählte Einkommensbänder,  mal  qualitative Kriterien wie Bildung und Erwerbtätigkeit als Abgrenzungskriterien.

Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln geht in einer neuen Studie  zunächst  vom  soziokulturellen Ansatz aus. Demnach zählt zur Mittelschicht, wer mindestens die mittlere Reife sowie eine abgeschlossene Lehre vorweisen kann und in seinem Job über einige Handlungsspielräume verfügt. Wer schon in Rente ist, gehört dann zur Mitte, wenn er oder sie  diese  Spielräume  früher  hatte. Folglich bleiben all jene außen vor, die Tätigkeiten am Fließband oder einfache Routinearbeiten im Dienstleistungsbereich ausüben.

Nicht zur Mitte zugeordnet werden auch Wissenschaftler, freiberufliche Ärzte, Angestellte und Beamte mit weitreichenden Führungsaufgaben  –  aufgrund  ihrer  herausgehobenen Stellung zählen sie zur soziokulturellen Oberschicht. Damit ergibt sich für die Mittelschicht immer noch ein breites Spektrum, das vom Facharbeiter über qualifizierte  Angestellte  bis  hin  zum Gymnasiallehrer reicht und knapp die Hälfte der Bevölkerung abdeckt.

In einem zweiten Schritt hat das IW  Köln  die  Einkommen  dieser Gruppe unter die Lupe genommen. Besonders  stark  ist  die  Mitte  in einem Band vertreten, das von 80 bis 150 Prozent des mittleren Einkommens reicht – also des Einkommens, das die Bevölkerung in eine Hälfte mit höheren Einkommen und eine mit  niedrigeren  Einkommen  teilt. Bei  einem  Alleinstehenden  entspricht diese Einkommensmitte im engeren  Sinn  einem  monatlichen Nettoeinkommen  zwischen  1.310 und 2.457 Euro.

Weil  die  soziokulturelle  Mitte aber  sehr  unterschiedliche  Berufe vereint, bildet sie sogar in dem wesentlich breiteren Band von 60 bis 250 Prozent des mittleren Einkommens die stärkste Gruppe. Ein Single zählt demnach zur erweiterten Mittelschicht, wenn er zwischen 983 und 4.095 Euro netto verdient.

Insgesamt gehören 82 Prozent der Bevölkerung  zur  weit  abgegrenzten Einkommensmitte und 50 Prozent zur Einkommensmitte im engeren Sinn.

Damit ist klar, dass es „den“ Mittelschichtsbürger nicht geben kann. Gleichwohl ist am Werbeklischee einer Familie mit zwei Kindern, Reihenhaus am Stadtrand und Kombi in der Garage etwas dran. Zumindest bestätigt ein näherer Blick, dass die Mitte eine Hochburg der Familien ist:

Sowohl  nach  soziokulturellen  als auch  nach  Einkommensmaßstäben lebt  jeder  zweite  Bundesbürger  aus der Mittelschicht in einem Paarhaushalt mit mindestens einem Kind – in der  Gesamtbevölkerung  liegt  dieser Familienanteil nur bei 40 Prozent.

Ansonsten ist die Zusammensetzung der Mittelschicht je nach Abgrenzungskriterium allerdings recht unterschiedlich. So sind Alleinerziehende nach soziokulturellen Kriterien etwa in der Größenordnung in der Mittelschicht vertreten, die auch ihrem Bevölkerungsanteil entspricht. In der Einkommensmitte ist ihr Anteil  deutlich  geringer,  weil  Single­Mütter  oder  ­Väter  die  Kinderbetreuung oft nur mit einem Teilzeitjob vereinbaren  können  und  entsprechend wenig verdienen.

Paare ohne Kinder sind dagegen in der mittleren Einkommensschicht – und erst recht in der oberen Einkommensklasse  –  besonders  stark vertreten. Das liegt vor allem daran, dass die Einstufung nach dem sogenannten  bedarfsgewichteten  Einkommen  erfolgt.  Dieses  Konzept berücksichtigt, dass zum Beispiel ein Doppelverdienerpaar  im  Vergleich zu  zwei  Singles  mit  gleichem  Einkommen  unter  anderem  dadurch Geld spart, dass es Güter wie Kühlschrank, Waschmaschine oder Auto teilen kann, und bei Urlaubsreisen ein Doppelzimmer im Hotel weniger kostet als zwei Einzelzimmer.

Um ein vollständiges Bild von der finanziellen  Situation  der  Mittelschicht zu erhalten, reicht der Blick auf die Einkommen nicht aus – auch das Vermögen ist relevant. Hier zeigt sich  erneut,  dass  das  Bild  vom trauten Eigenheim mehr als ein Klischee ist: Jeder Erwachsene aus der Mittelschicht im engeren Sinn verfügt im Schnitt über ein Bruttovermögen von rund 100.000 Euro, von denen  fast  60.000  Euro  im  selbst genutzten  Wohneigentum  stecken. Zieht man Schulden  wie  Hypotheken  und  Konsumentenkredite ab, besitzt ein Mittelschichts­Paar im Schnitt ein Netto­vermögen  von  gut  160.000  Euro. Damit  liegt  der  Anteil  der  Mittelschicht  am  Gesamtvermögen  nur wenig  unter  ihrem  Anteil  an  der Bevölkerung:

Insgesamt vereint die Mittelschicht im engeren Sinn 42 Prozent des Nettovermögens auf sich, die erweiterte Mittelschicht sogar 78 Prozent.

Damit würden aber die Pläne einiger Parteien, Vermögen zu belasten, keineswegs nur eine kleine reiche Gruppe treffen, sondern gerade auch die Eigenheimbesitzer aus der Mittelschicht.

Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln

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