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Kolumne
Hamsterrad, 03.03.2010
Sabbatical
Überwintern im Paradies
Fern ab von Schnee, Graupelschauer und Eis überwintern, um im milden Klima den Ruhestand zu genießen. Lächelnde Rentner und paradiesische Natur. Sanft und wild, mild und herb – bei 365 Tagen Sonne im Jahr. Viele Deutsche träumen von einem dauerhaften Wohnsitz im Süden…

Wer es sich leisten kann, verbringt auf hier oft den Rest seines Lebens. Wer diesen Luxus nicht aufbringen kann, fährt nur über die Wintermonate in die Karibik, auf Südseeinseln im Pazifik oder auch auf die Kanaren. Denn trotz schönem Wetter holt Menschen auch hier ihr grauer Alltag aus Deutschland wieder ein. Dennoch: Passatwinde bringen wohltuend feuchte Luftmassen, beleben Körper, Geist und Seele. Teneriffa ist ein Kontinent im Miniaturformat, faszinierenden Lavafeldern, subtropischen Lorbeerwäldern und Obstplantagen bis hin zum schwarzen Sandstrand an der Küste. Die größte kanarische Insel bietet seinen Besuchern einen gekonnten Spagat zwischen Selbstfindung und Sonnengrill.

Vom pensionierten Bundeswehrsoldat über den hängen gebliebenen Lufthansa-Pilot bis zum ehemaligen Traumschiffkapitän der ZDF-Serie: Sie alle haben hier ihr Herz verloren und fühlen sich wohl. Der Fußballprofi Jupp Heynckes trainierte hier einst den spanischen Erstligisten CD Teneriffa, während heute der Kinderbuchautor Janosch entspannt seine Geschichten vom kleinen Tiger und dem kleinen Bären malt. Überwintern ist aber nicht nur eine Traumstunde für betuchte Prominenz.

Auch Helga und Manfred aus Bochum, beide siebzig Jahre alt, schätzen die Vorzüge dieser Insel. Sie kommen schon seit 28 Jahren hierher und haben ihren schönsten Platz an der Sonne gefunden. Vom November bis März überwintert das Paar aus Bochum jedes Jahr in San Andres, einem beschaulichen Fischerstädtchen jenseits der lebendigen Großstadt Santa Cruz. Helga arbeitete bis zu ihrer Pensionierung im Reisebüro und hatte sich den bunten Hochglanzprospekten aus aller Welt zum Trotz auf den ersten Blick in Teneriffa verliebt: „Mich hat mein Reisefieber hier hin gezogen, ich konnte nicht einfach zu Hause rumsitzen und Däumchen drehen“. Manfred hat früher als Offizier bei der Marine gearbeitet.

Normalbürger, die sich keine Villa am Meer leisten können, kommen per Billigflieger vom Festland herüber und mieten sich günstig in einer der privaten Fincas auf dem Land ein. Helga und Manfred fahren in ihrem Winterhalbjahr konsequent mit dem grellgrünen „Titsa“-Bus durch die Gegend, ein Auto brauchen sie nicht und für die Miete einer großzügigen Wohnung ist kein Geld da.

Sie übernachten in einem kleinen Appartement bei Freunden in dem Städtchen San Andres, welches nördlich der lebendigen Provinzhauptstadt Santa Cruz liegt. Hier im Norden wird nur privat vermietet, ihre Sachen könnten sie im Sommer dort lassen. Im Supermarkt orientieren sich die Preise am deutschen Niveau, Milchprodukte sind etwas teurer, Fisch dafür umso billiger. Auf Konsumwaren, Treibstoff und Tabakwaren gibt es auf den Kanaren keine Steuer vom Staat, das schont den Geldbeutel.

Das Bochumer Paar leidet unter der Volkskrankheit Rücken- und Gelenkschmerzen. Da ist das milde Ozeanklima genau richtig. Sie kennen einige Patienten, welche mit Multipel-Sklerose und Osteoporose, Rheuma und Asthma hierher kommen. Über mangelnde medizinische Versorgung könne man sich nicht beklagen, denn es gebe viele kompetente deutsche Ärzte und Therapeuten, die sich hier fernab des Debakels um die deutsche Gesundheitsreform ein schönes Leben machen. Sogar ein deutschsprachiges Altersheim befindet sich auf der Insel. Das Pflegepersonal sei dort viel entspannter als zu Hause in Deutschland, der Service scheint zu stimmen.

Helga und Manfred aber sind ein agiles Paar geblieben, sie genießen ihren Ruhestand in vollen Zügen, gehen wandern, schwimmen und halten nebenbei ihr Gehirn mit einem Sprachkurs fit. Viele Senioren würden hier jedoch nochmals mit neuen Liebschaften, Verjüngungskuren und Spielcasinos ihre Pubertät ausleben wollen weiß der deutsche Inselpfarrer Wilfried Heitland, welcher acht Jahre lang in Norddeutschland Pastor war. Seine Aufgaben seien hier nicht viel anders als in Bielefeld: Eine „Dorfkirche“, welche sich in einer bunten Konstellation von Langzeiturlaubern und Residenten zusammensetzt und gleichzeitig den Treffpunkt für alle Deutschen auf der Insel bildet.

„Der Traum vom ewigen Frühling verwirklicht sich nicht immer so romantisch, wie man ihnen gerne hätte“, mahnt Heitland seine Gottesdienstbesucher. Schon so manche Beziehung wäre in die Brüche gegangen, weil das Wohnen auf engerem Raum eben auch Reibeflächen provoziert: „Viele Ältere merken nach einigen Jahren trotz kosmetischer Verjüngungskur, Unterhaltung und dem einen oder anderen Flirt, dass die Jugend eben doch vergänglich ist, Körper und Seele nicht mehr jeden modernen Trend mitmachen.“

Nach vielen glücklichen Jahren auf der Insel hätten manche Gäste auch wieder Sehnsucht nach Deutschland, nach der Familie, den alten Freunden und sogar dem Wetter zu Hause, weiß der Pfarrer von seinen Sonnenemigranten: „Irgendwann nervt das hier, kaum Wolken, nur blauer Himmel und keinen richtigen Frühling, weder Herbst noch Winter."

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Über Jan Thomas Otte
Ob die einfache Putzfrau mit drei bis vier Nebenjobs, der Kleinunternehmer im Großstadt-Dschungel oder Banker an der Wall Street. Jan Thomas Otte begleitet Menschen in der Wirtschaft. Und das auf vielen Ebenen. Mit Reportagen vor Ort gelingt dem Journalisten ... mehr
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