Selten erschienen uns Politiker so nahe wie heute. Denn einige Volksvertreter zelebrieren derzeit eine neue Bodenständigkeit. Die Gründe für die gepflegte Bürgerverbundenheit.
Auch als bürgernah und „Kümmerer“-Politiker bekannt: Gregor Gysi
Bereits bei seiner Amtseinführung setzte der neue französische Staatspräsident Francois Hollande ein Zeichen: Demonstrativ ließ er sich während der Fahrt über die Champs-Élysées bis auf die Haut nass regnen und wies seinen Fahrer an, an roten Ampeln zu halten. Kann sich das jemand bei seinem Vorgänger Nicolas Sarkozy, den die Franzosen als President „Bling-Bling“ bezeichneten, vorstellen? Kaum.
Auch deutsche Politiker, etwa Hannelore Kraft oder David McAllister, inszenieren sich bewusst bodenständig. Die NRW-Ministerpräsidentin setzte dazu im Wahlkampf beispielsweise auf Curry-Wurst-Plakate und pflegte ihr Landesmutter-Image. Der Niedersächsische Ministerpräsident hingegen nutzt inzwischen jede Chance, um sich von seinem Kaviar und Glamour liebenden Vorgänger, dem späteren Bundespräsidenten Christian Wulff, abzugrenzen und betont vor Mikrophonen, dass er Mettbrötchen bevorzuge.
Selbst ehemals unscheinbar wirkende Politiker wie Hollande, früher „Pudding“ genannt, profitieren davon, wenn sie Demut und Volksnähe als zeitgemäße Form des Glamours zelebrieren. Hannelore Kraft avanciert gar zur potenziellen SPD-Kanzlerkandidatin und ist inzwischen beliebter als Angela Merkel. Natürlich weiß auch „Mutti“, dass in Krisenzeiten Tugenden wie Volksnähe, Sachlichkeit und Sicherheit Konjunktur haben. Doch in dem Labyrinth der „Euro-Krise“ läuft sie Gefahr, uns Deutschen mehr zuzumuten, als gut ist.
Wie sich die Zeiten ändern. Altkanzler Helmut Kohl haftete stets der Nimbus der Provinzialität an. Doch die Welt globalisierte immer stärker. Nachfolger Gerhard Schröder inszenierte sich daher bewusst weltgewandt. Schließlich sind Politiker immer auch Projektionsflächen für die Träume und Wünsche ihrer Wähler. So erklärt sich auch der Erfolg des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi. In dem Cavaliere spiegelten sich die Hoffnungen und geheimen Fantasien vieler Italiener wider.
Doch derzeit überwiegen die Sorgen in Europa. Daher wünschen sich die Bürgerinnen und Bürger sachlich handelnde Politiker, die ihre Probleme ernst nehmen und Sicherheiten garantieren. Nur Politiker, die ihren Wählern das Gefühle geben, ihnen ähnlich zu sein, mit ihnen etwas gemein zu haben, werden derzeit gewählt. Denn nur dann orientiert sich das Wahlvolk an ihnen. Nicht jedem Politiker liegt das. Philipp Rösler und seinen Kollegen aus der FDP haben es daher aktuell besonders schwer, da sie sich schwer tun zu vermitteln, dass sie die Bürgerinteressen über ihre eigenen stellen.
"Mein ganzes Leben, sei es kurz oder lang, werde ich in euren Dienst stellen", versicherte Queen Elizabeth 1947 den Briten in einer Rede zu ihrem 21. Geburtstag. Auf ihre Art vermittelt die 86jährige Königin ihrem Volk Kontinuität und Sicherheit. Kein Zufall ist es, dass ihre Beliebtheitswerte seit ihrer Krönung nie höher waren. Und das nicht nur auf der Insel.
Ihre Entourage sorgte dafür, dass die Kosten für das Themse-Schauspiel im Rahmen der Feierlichkeiten zum 60. Thronjubiläum der Queen – immerhin etwa elf Millionen Pfund (circa 13 Millionen Euro) – nicht vom Staat, also von den Bürgern sondern komplett von privaten Sponsoren getragen wurden. Dies ist ein Zeichen dafür, dass auch die für ihr Volk nicht ganz günstige Queen erkannt hat – derzeit ist Bodenhaftung angesagt.