Das Sommerloch bietet cleveren PR-Strategen und Unternehmen enorme Aufmerksamkeitspotenziale – auch längerfristig. FDP-Minister Rainer Brüderle, den u.a. die ZDF-heute-Redaktion als „König des Sommerlochs“ bezeichnete, kann als Vorbild dienen, wenngleich nicht in jeder Hinsicht.
Die Sommerlochflaute im Bundeskanzleramt wußte Rainer Brüderle geschickt zu nutzen.
Jüngst lobte die Zeitschrift STERN Rainer Brüderle (FDP): Dieser sei „im Mehrkampf der politischen Sommerlochathleten“ klar führend. Einfach genial sei, wie der Bundeswirtschaftsminister die nachrichtenarme Zeit nutze, um die mediale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Wie bei Brüderle, der eigentlich als völliger Ministerflop gilt, sind allerdings die Sommerlochthemen, die sonst meist von politischen Hinterbänklern kommen, primär effektheischend, oft skurril. Anders lassen sich die in den letzten Jahren geäußerten Forderungen – etwa Wehrpflicht per Losentscheid, Ausgehverbot für Kinder nach 21 Uhr, Halbierung der Fernsehgebühren im Sommer, weniger Kindergeld für schlechte Eltern, Bußgeld für lautstarke Autoradios, Fußfesseln für Schulschwänzer, Gratis-Handys für Obdachlose, Pizzasteuer, Abwaschhilfspflicht für Ehemänner, Fahrradführerschein, Kontingentierung von Langstreckenflügen, Autobahn-Maut für Pkw oder 50 Euro Bußgeld für Nichtwähler – nicht bezeichnen. Da ist nur konsequent, dass das Sommerloch, in Anlehnung an die närrische Zeit im Rheinland, gern als „Fünfte Berliner Jahreszeit“ bezeichnet wird.
Jeder Sommerloch-PR-Treibende profitiert davon, dass die Redakteure, die sonst tagtäglich mit Meldungen zugeschüttet werden, in der Nachrichten armen Zeit gierig selbst halbwegs taugliche Presseinformationen aufnehmen und über Dinge berichten, die normalerweise niemals Gegenstand der Berichterstattung würden. So wurde kürzlich sogar das Sommerloch selbst zum Thema.
Unternehmen, die in den Sommermonaten auf sich aufmerksam machen wollen, sollten Brüderle & Co dennoch nur begrenzt als Vorbild betrachten. Denn bei Unternehmen sollte es nicht allein um Effektehascherei gehen, sondern um die systematische Gestaltung des Images und die weitere Erhöhung des Bekanntheitsgrades. Beachtenswert ist in diesem Zusammenhang eine Erkenntnis des Medienwissenschaftlers Norbert Bolz, der für ein erfolgreiches (politisches) Sommerlochthema eine schlichte Bedingung stellt: Das Thema muss die Menschen direkt angehen, ihre Neugierde wecken.
Da die Sommerzeit schnell verstreicht, sollten die medialen Chancen auf Aufmerksamkeit konsequent und zügig genutzt werden – professionelles Vorgehen vorausgesetzt! Das gilt zum Beispiel für den Fall, wenn einem Redakteur in lockerer, ungezwungener Atmosphäre ein Interview gegeben wird. Die Antworten sollten stets im Vorfeld durchdacht werden und reflektiert sein. Bezahlt macht sich, wenn jetzt die Möglichkeiten genutzt werden, die Beziehungen zu Redakteuren und Journalisten zu vertiefen. Diese haben aktuell mehr Zeit für Hintergrundgespräche. Und später – in Zeiten überquellender Newsticker – fällt es leichter, trotzdem weiterhin mit den eigenen Themen durchzudringen und zu punkten. Schließlich gilt die Formel: Je besser die Kontakte zu Redakteuren und Journalisten, desto leichter ist es, Themen zu platzieren. Die PR-Arbeit im Sommer zahlt sich somit auch dann noch aus, wenn härter um die mediale Aufmerksamkeit gerungen werden muss.