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Kolumne
Attention, please!, 19.01.2010
Medienpsychologie
Bad news are good news
Wer in der Tagesschau oder in den „heute“-Meldungen genannt werden will, muss schlechte Nachrichten liefern, am besten solche von nationaler Bedeutung. Oder man muss ein Promi von der Güte eines Lothar Matthäus oder Uwe Ochsenknecht sein und sich wieder mal von einer Lebensabschnittsgefährtin trennen.
Medienexperten wissen: Aufmerksamkeit ist ein äußerst knappes Gut. Erst recht mediale Aufmerksamkeit. Nur ein Prozent aller Nachrichten schafft es, in Zeitungen, im Web, Radio oder Fernsehen veröffentlicht zu werden. Die übrigen 99 Prozent werden von den „Schleusenwärtern“ in den Redaktionsstuben aussortiert und dem Papierkorb anvertraut.

Doch auch die Mediennutzer selektieren. Schon 1987 nahmen die Bürger durchschnittlich nur 1,7 Prozent der in Deutschland veröffentlichten Informationen auf. Da sich die Rezeptionskapazität des Menschen seitdem kaum verändert hat, das Medienangebot sich bis heute aber vervielfacht hat, vergrößert sich das Überlastungssyndrom, das Rezipienten nur durch eine immer stärkere Selektion der Informationen überwinden können. Das bedeutet: In Zeiten eines information overload wird es auch für die Medienmacher immer schwieriger, Nachrichten erfolgreich abzusetzen.

Sehr gern verlassen sich Journalisten und Redakteure daher auf eine alte Weisheit: „Only bad news are good news!“ Schlechte Nachrichten erhöhen die Aufmerksamkeit der Rezipienten – und steigern die Auflagen. Daher wird aus einer bisher eher harmlosen verlaufenden Schweinegrippe eine die Welt bedrohende Pandemie-Gefahr. Daher droht die Terrorgefahr an jedem Platz, auf dem sich mehr als zwei Leute versammeln. Daher beherrschen Umwelt- und Unwetter-Katastrophen die Schlagzeilen ebenso wie Finanz- und Wirtschaftskrisen, in denen Abermilliarden Euro „verbrannt“ wurden und Millionen Arbeitsplätze vernichten. Und um die Aufmerksamkeit der Nutzer auf das eigene Medium zu lenken, werden selbst Banalitäten als Eilmeldungen abgesetzt.

Mitunter entsteht zwar beim geneigten Medien-Rezipienten der Eindruck, dass Krisen gern und systematisch herbei geschrieben werden. Doch Journalisten sehen das anders, natürlich. Schließlich lautet ihr Auftrag: Probleme ansprechen, auf Missstände hinweisen, Skandale aufdecken. Und schlechte Nachrichten nehmen die meisten Leser oder Zuschauer viel gespannter und aufmerksamer auf. Bad news sorgen für ein Lebendigkeitsempfinden beim Mediennutzer, er spürt sich selbst besser. In Zeiten oft „toter“ Beziehungen, grauem Alltag, ungelebter Träume, sind schlechte Nachrichten eine grandiose Möglichkeit, etwas „zu spüren“, auch sich selbst besser zu spüren, meint Thomas Hinrichs, Mitglied der ARD-Chefredaktion.

Dass in Hirn und Bauch ganz andere Aktivierungen eingeschaltet werden, wenn die Welt mal wieder kurz vor dem Untergang ist, lässt sich auch evolutionspsychologisch begründen. Als Steinzeitmensch war es schließlich eine Überlebensfrage, über drohende Gefahren informiert zu sein, auch wenn diese Nachrichten damals nicht per Twitter kommuniziert wurden, und sofortiges Handeln erforderten. Doch diese selektive Wahrnehmung ist bis heute intakt.

Denjenigen, die in die Öffentlichkeit drängen, Gegenstand der medialen Berichterstattung und zum Gesprächsthema werden wollen, sei daher gesagt: Sie müssen Verursacher oder Auslöser einer schlechten Nachricht werden. Dann schaffen Sie es ins Fernsehen und auf die Titelseiten. Oder sie müssen so prominent sein wie Lothar Matthäus, Uwe Ochsenknecht oder Boris Becker. Eine kurze Meldung sind diese allemal wert. Selbst wenn es nur das erneute Ende einer weiteren Partnerschaft betrifft. Aber der Promi-Bonus macht dies zu einer echten News.

Schlechte Nachrichten sollten die Betroffenen übrigens selbst überbringen, dann haben sie die Möglichkeit, eine bad news mit einer für sie selbst genehmen Deutung zu versehen. Die negative Wirkung auf die Öffentlichkeit wird begrenzt, da das Thema kein Thema mehr ist, wenn der Betroffene es selbst zum Thema macht. Skandale und Gerüchte lassen sich auf diese Weise schon im Anfangsstadium verhindern.
ZUM KOLUMNIST
Über Dr. Michael Gestmann
Michael Gestmann wurde im Bereich Medienpsychologie an der Universität zu Köln promoviert. In seiner Dissertation beschäftigte er sich mit dem Thema Medienwirkung und den Möglichkeiten der crossmedialen Vernetzung von Print- und Onlinemedien. Der ... mehr
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