VOLLTEXTSUCHE
Kolumne
Attention, please!, 29.04.2010
Medienmacht
Die Grenzen medialer Hetzkampagnen
Journalisten sollen unabhängig und kritisch berichten. Jedoch mehren sich die Fälle, wo die Grenzen seriösen Journalismus mit Blick auf die Auflage bzw. Zuschauerquote ganz gezielt und ohne Rücksicht auf die Folgen überschritten werden. Zur Macht der Medien und wo selbst sie an Grenzen stößt...
Für die BILD-Redaktion war es eine ausgemachte Sache: Menowin Fröhlich darf das Deutschland-sucht-den-Superstar-Finale nicht gewinnen. Sie startete daher eine Hetzkampagne  gegen den DSDS-Finalisten und forderte immer wieder die Leser auf, in keinem Fall für Menowin zu stimmen.

Was bei dem Springer-Blatt seit jeher typisch ist – Einflussnahme und Meinungsmache –, lässt sich auch in anderen Medien, mehr oder minder eklatant, immer wieder feststellen. Viele Journalisten sind längst keine neutralen Beobachter mehr, sondern machen bewusst Stimmung gegen bestimmte Politiker, Parteien, Prominente. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Natürlich, es soll kritisch berichtet werden, aber bitte sehr gegen alle Richtungen, nicht selektiv!

Mithilfe von Medien Einfluss auf die Wähler und Bürger zu nehmen, ist das Bestreben auch von Politikern und PR-Agenturen. Daher hintertrieben etwa CDU-Politiker wie Roland Koch, die Vertragsverlängerung des unbequemen, weil allseits kritischen ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender. Von seinem Nachfolger, Peter Frey, erhoffen sich Koch & Co eine CDU-freundlichere Berichterstattung und eine entsprechend positivere Wirkung auf die Wähler.

Klar, Medien wirken. Aber anders als viele denken. Nämlich nicht einseitig mechanistisch-deterministisch. Wir Rezipienten sind nämlich nicht, wie lange Zeit angenommen wurde, passive, wehrlose Wesen, die man nur lange genug mit einer bestimmten Botschaft „impfen“ muss, bis sie die gewünschte Reaktion zeigen. Dieses simple Stimulus-Response-Modell lässt sich nicht aufrecht erhalten, da das Publikum keine undefinierbare „Masse“ ist, auf die die Medien einen monolithischen Einfluss ausüben können.

Auch Rezipientenmerkmale haben Einfluss darauf, ob es Medieneffekte gibt. Leser und Zuschauer sind wirkungsbegrenzende Instanzen, da sie unterschiedliche Persönlichkeitsstrukturen haben, Informationen verschieden wahrnehmen und Medieninhalte abhängig von ihren Bedürfnissen selektieren. Medienwirkung setzt daher voraus, dass die Rezipienten aktive Partner im Kommunikationsprozess sind.

Hinzu kommt: Massenmedien können zwar für eine Themen-Awareness sorgen, doch erst die interpersonale Kommunikation, also Gespräche mit Verwandten, Kollegen, Freunden und Bekannten, sowie Social Networks tragen maßgeblich dazu bei, wie Themen bewertet, welche Prioritäten gesetzt, welche Meinungen gebildet werden und wie sich jemand verhält. Die interpersonale Kommunikation beschleunigt oder bremst somit die Wirksamkeit von Medien.

In der Macht der Redakteure – indirekt auch der PR-Treibenden – liegt es, für Themenschwerpunkte in der medialen Berichterstattung zu sorgen. Und damit haben sie tatsächlich einen erheblichen Einfluss darauf, worüber sich Mediennutzer Gedanken machen. Dennoch sind die Medien nicht allmächtig, da den medial initiierten Beeinflussungsabsichten Grenzen gesetzt sind. Weder die Medieninhalte noch deren Nutzung durch die Rezipienten können als voneinander unabhängig betrachtet werden. Anders formuliert: Was jemand denkt und wie er sich verhält, hängt sowohl von den jeweiligen Einstellungen, Werten und Persönlichkeitsmerkmalen als auch von den Einflüssen der jeweiligen sozialen Netzwerke ab.

Das Beispiel „Schweinegrippe“ belegt dies. Die Impfquote war hierzulande nämlich geringer, als dies aufgrund der extremen Medienhysterie und der permanent formulierten Impfempfehlungen seitens Wissenschaftlern und Politikern zu erwarten war.
ZUM KOLUMNIST
Über Dr. Michael Gestmann
Michael Gestmann wurde im Bereich Medienpsychologie an der Universität zu Köln promoviert. In seiner Dissertation beschäftigte er sich mit dem Thema Medienwirkung und den Möglichkeiten der crossmedialen Vernetzung von Print- und Onlinemedien. Der ... mehr
WEITERE KOLUMNEN
Dr. Michael Gestmann
KOLUMNIST
Kolumnist
Dr. Michael
Gestmann
zur Kolumne
Anzeige
BRANCHENVERZEICHNIS
Branchenverzeichnis
Kostenlose Corporate Showrooms inklusive Pressefach
Kostenloser Online-Dienst mit hochwertigen Corporate Showrooms (Microsites) - jetzt recherchieren und eintragen! Weitere Infos/kostenlos eintragen
Anzeige
NEWS/ARTIKEL/INTERVIEWS
Twitter-Analyse
Welche Tweets die größte Resonanz erzielen
NEWS +++ Länge, Sprachstil und Versandzeitpunkt von Twitter-Posts üben entscheidend Einfluss auf die ... mehr
Personalhebel Praktikum
Wie Firmen hoch qualifizierte Praktikanten finden
ARTIKEL +++ Dem Praktikum kommt in der Personalarbeit von Unternehmen eine immer größere Bedeutung zu – auch und ... mehr
Schwache Führungskräfte
Mitarbeiter erkennen Führungsschwäche sofort
INTERVIEW +++ Zeigt ein Chef Führungsschwäche, übernimmt meist einer seiner Mitarbeiter dessen Führungsaufgaben. ... mehr
PRESSEPORTAL
Presseportal
Presseforum Mittelstand - das kostenlose Presseportal
Kostenfreier Pressedienst für Unternehmen und Agenturen mit digitalen Pressefächern für integrierte, professionelle Online-Pressearbeit zum Presseportal
BUSINESS-SERVICES
© novo per motio KG