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Interview, 21.09.2009
Karriere
Wer seine Talente kennt, findet leichter den richtigen Job
Ein Interview mit Prof. Dr. Egon Stephan, INeKO
Psychologische Tests haben sich nicht nur in Unternehmen im Kontext von Potenzialanalysen und Assessment-Centern bewährt, sondern sie sind auch Mittel der Wahl, um Stärken- und Schwächen-Profile von Abiturienten zu erstellen. Berufswahlentscheidungen lassen sich auf dieser Grundlage fundierter treffen. Der Kölner Psychologieprofessor Egon Stephan über die Voraussetzungen für berufliche Zufriedenheit.

Herr Professor Stephan, viele Arbeitnehmer fühlen sich in ihrem Beruf frustriert. Woran liegt das?

Prof. Dr. Egon Stephan: Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Ursächlich sind meist ein schlechtes Führungsverhalten der Vorgesetzten, eine fehlende berufliche Perspektive bzw. die mehr oder minder bewusste Erkenntnis, eine Tätigkeit auszuüben, die nicht zu den eigenen Fähigkeiten und Interessen passt.

Ein schlechter Chef und fehlende Berufschancen sind als Gründe nachvollziehbar. Aber dass viele Arbeitnehmer nicht eignungs- bzw. interessenadäquat tätig sind, überrascht schon.

Stephan: Sehr häufig stimmt das Eignungsprofil eines Bewerbers bzw. Mitarbeiters nicht mit dem Anforderungsprofil einer Stelle überein. Grund ist, dass bei der Besetzung von Stellen noch zu wenig darauf geachtet wird, ob die Passung zwischen Bewerber und Stelle tatsächlich vorhanden ist.

Assessment-Center und Potenzialanalysen werden doch mittlerweile fast in jedem Unternehmen durchgeführt?

Stephan: ACs und Potenzialanalysen erfreuen sich tatsächlich großer Beliebtheit. Meist sind die genutzten Methoden aber nicht wissenschaftlich fundiert, was die Aussage- und Prädiktorfähigkeit stark mindert. So kommt es, dass ein Ingenieur, der fachlich versiert ist, frustriert wird, weil er im technischen Vertrieb arbeiten muss, wo es auf Kommunikationsgeschick und Verhandlungskunst ankommt, was ihn möglicherweise weniger liegt. Oder ein Ingenieur, der sich schon während des Studiums fachlich quälte, muss tagtäglich in der F&E-Abteilung sein Können unter Beweis stellen, obwohl er lieber im Außendienst arbeiten würde, weil sich ihm dort mehr Abwechselung bietet.

Passiert es auch, dass jemand seine eigenen Fähigkeiten falsch einschätzt?


Stephan: Durchaus. Das ist sogar sehr verbreitet. Das Problem fängt meist bei der Studien- bzw. Berufswahl an. Sehr häufig orientieren sich Abiturienten an den Wahlen der Mitschüler, den Wünschen der Eltern oder der Arbeitsmarktsituation, statt eine begründete persönliche Entscheidung zu treffen, die wirklich zu den eigenen Fähigkeiten, Talenten und Interessen passt. Mancher Abiturient wird sich auch in diesem Jahr gegen ein Studium der Ingenieurwissenschaften aussprechen, weil er meint, nur für den geisteswissenschaftlichen Bereich begabt zu sein. Ebenso kann das Gegenteil eintreten.

Erklärt sich so die hohe Zahl der Studienabbrüche?

Stephan: Teils. Wer seine eigenen Fähigkeiten besser kennt, hat zunächst einmal bessere Chancen, erfolgreich zu studieren, und anschließend bessere Aussichten auf eine ihn ausfüllende und zufrieden machende Tätigkeit.

Wie lassen sich die eigenen Fähigkeiten und Interessen herausfinden?


Stephan: Ein bewährter Weg sind die schon angesprochenen Potenzialanalysen. Der Berater, der diese Analyse durchführt, sollte einerseits über ein umfassendes eignungsdiagnostisches Wissen und andererseits solide Kenntnisse über die Anforderungen und Perspektiven in den unterschiedlichen Branchen und Berufsfeldern verfügen. Nur dann kann optimal beraten.

Ihr Institut an der Universität zu Köln berät neben Berufstätigen ebenfalls Schüler und deren Eltern. Was können diese erwarten?

Stephan: Zunächst werden im Rahmen einer umfassenden Datenerhebung psychologische Leistungstests, Persönlichkeitsfragebogen, Einzel- und Gruppengesprächen durchgeführt, um die persönlichen Motive, Interessen, Kompetenzen und Ziele des Teilnehmers festzustellen. Anschließend beginnt die individuelle Beratung für die Studienwahl, den weiteren beruflichen Werdegang und das darauf abgestimmte Training. Außerdem vermitteln wir auf Wunsch Teilnehmern, die einen bestimmten Studiengang näher ins Auge gefasst haben, die Möglichkeit, sich von einer Professorin oder einem Professor dieser Fachrichtung beraten zu lassen. So erhalten angehende Studenten einen besonders tiefen Einblick in ihr Wunschfach und können ihre Entscheidung noch einmal überprüfen.

Häufig haben die Eltern andere Vorstellungen als ihre Kinder. Wie gehen Sie damit um?

Stephan: Die Eltern können, wenn die Tochter oder der Sohn damit einverstanden ist, an dem Beratungstermin teilnehmen. Schließlich haben die Eltern ihre Kinder während der ganzen Schulzeit begleitet und haben ihre Kinder in Leistungs- und Stresssituationen erlebt. Die Informationen, die wir durch die Eltern erhalten, können durchaus das Profil vervollständigen, das wir von den Teilnehmern erhalten. Je mehr individuelle Informationen wir sammeln, desto differenzierter kann unsere Beratung sein.

Lohnt sich der Aufwand für die Teilnehmer?

Stephan: Sicher, wenn Sie bedenken, was eine Fehlentscheidung kostet. allein durch ein fehlinvestiertes Semester mindern sich nicht nur die Chancen auf dem Arbeitsmarkt, sondern auch das Lebenseinkommens um bis zu 50.000 €. Jeder Monat im falschen Studiengang ist daher schädlich für das Selbstbewusstsein – und für den Geldbeutel.

ZUM AUTOR
Über Prof. Dr. Egon Stephan
INeKO – Institut für die Entwicklung personaler und interpersonaler Kompetenzen
Universitätsprofessor Dr. Egon Stephan blickt auf mehr als 20 Jahre als Direktor des Psychologischen Institutes und Inhaber des Lehrstuhls für Psychologische Diagnostik und Intervention an der Universität zu Köln zurück. Seit ...
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