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Jeden kann es treffen
Über die Psychologie der Gerüchts

Prominente wie Brad Pitt sind, so Gerüchte über sie kursieren, gegenüber Ottonormalverbraucher in einem Punkt im Vorteil: Sie erfahren zumindest immer (aus der Presse), welche Gerüchte über sie im Umlauf sind und können ihnen entgegenwirken.
Oft aber haben Gerüchte desaströse Folgen. Nicht nur an der Börse. Innerhalb von Minuten können Gerüchte Milliarden vernichten – unabhängig vom Wahrheitsgehalt. So schickte Anfang 2010 das in Asien verbreitete Gerücht, Bundeskanzlerin Angela Merkel wolle zurücktreten, den Euro auf Talfahrt. Ähnlich war die Wirkung, als sich rasant schnell verbreitete, dass Griechenland de facto pleite sei.
Natürlich kann auch Otto Normalverbraucher Opfer von Gerüchten werden. Jederzeit! Das geht schneller, als die meisten denken! Kursiert etwa das Gerücht, man habe ein Alkoholproblem, eine psychische Erkrankung, sei Sektenmitglied oder mache KollegInnen sexuelle Avancen, ist der Job sehr schnell futsch. Der Flurfunk mutiert zu einer „tödlichen“ Waffe, die jeden treffen kann. Die schärfsten Dementis helfen dann wenig, selbst wenn nichts an dem Gerücht dran ist.
Psychologisch lassen sich Gerüchte schnell erklären. Sie spiegeln das menschliche Grundbedürfnis, die Welt zu verstehen. Fehlen die Fakten, um die Geschehnisse zu deuten, entsteht der Nährboden für Gerüchte, die die fehlenden Informationen ersetzen. Halbwissen, Spekulationen, Unsicherheit., Misstrauen, Angst, Vereinfachung, Dramatisierung und Schuldzuweisung sind dabei wichtige Ingredienzen.
Übrigens, zu den besonders Erfolg versprechenden Zutaten eines deftigen Gerüchts gehört seit jeher eine Prise Sex. Das dokumentiert schon die Herkunft des Wortes "klatschen". Klatschweiber waren Wäscherinnen. Früher war es üblich, nasse Wäsche gegen Steine zu schlagen, um das Gewebe möglichst gut durchzuwalken. Bei ihrer Tätigkeit bemerkten die Waschweiber hin und wieder verräterische Flecken auf den Laken und bekamen so einen Einblick in das Geschlechtsleben ihrer Auftraggeber. Und dieses Wissen teilten sie gerne mit anderen.
Das Problem jedoch: Gerüchte werden nicht als solche gekennzeichnet. Meist wissen wir daher nicht, ob eine Aussage ein Gerücht ist. Meist fehlen zudem die Mittel, ein Gerücht zu überprüfen, den Hintergrund zu klären und mehr über den Gerüchteinitiator zu erfahren. Viele Gerüchte überleben zudem, weil das Weitererzählen für nicht wenige eine Art Lustbefriedung darstellt.
Doch was hilft gegen Gerüchte? Oftmals Gelassenheit. In dieser Hinsicht kann etwa Nicolas Sarkozy vom Altkanzler Konrad Adenauer lernen. Als im März ein Blogger in einer Twitter-Meldung behauptete, die Ehe von Nicolas Sarkozy und Carla Bruni sei am Ende, ließ der französische Präsident sogar den Geheimdienst ermitteln – und machte aus dem Gerücht eine Staatsaffäre. Adenauer ging mit Gerüchten gelassener um. Spekulationen über homosexuelle Neigungen seines Außenministers Heinrich von Brentano tat er mit dem Satz ab: „Was wollen Sie denn, meine Damen und Herren, bei mir hat er es noch nicht versucht."
Hinschauen, Selbstkritik, Offenheit und eine überzeugende Kommunikationsstrategie sind ebenfalls wichtige Gerüchtekiller, insbesondere wenn sich ein Gerücht nicht von allein überlebt, sondern persistiert. Bei ihrem gemeinsamen Auftritt bei den Filmfestspielen in Cannes umarmten und küssten sich Angelina Jolie und Brad Pitt demonstrativ, um allen Trennungsspekulationen von „Society-Insidern“ die Grundlage zu entziehen. Ein filmreifer Auftritt des Hollywood-Traumpaars, der eines klar kommunizierte: "Seht her, wir sind verliebter denn je zuvor.“
ZUM KOLUMNIST

Über Dr. Michael Gestmann
Michael Gestmann wurde im Bereich Medienpsychologie an der Universität zu Köln promoviert. In seiner Dissertation beschäftigte er sich mit dem Thema Medienwirkung und den Möglichkeiten der crossmedialen Vernetzung von Print- und Onlinemedien. Der ...
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Dr. Michael Gestmann
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