Während es bei der Fußball-WM 2010 nur für den zweiten Platz gereicht hat, liegen die Niederländer mit 40.000 Führungskräften auf Zeit, so genannten Interim Managern, mit weitem Abstand vor England, Belgien, Skandinavien und den USA. Auf 4.800 schätzt die Dachgesellschaft Deutsches Interim Management e. V. (DDIM) die Zahl der externen Führungskräfte hierzulande – Tendenz weiter steigend.
Interim Manager bieten Unternehmen neben meist umfangreicher Management- und Branchenerfahrung ein hohes Maß an Flexibilität
Insbesondere mittelständische Unternehmen rufen immer öfter nach externen Managern. Denn diese sind kurzfristig verfügbar, können anstehende Projekte zeitnah umsetzen und bringen obendrein noch externes Fachwissen mit. Besonders gefragt sind Interim Manager bei Turnaround-Prozessen, beim Überbrücken von Vakanzen, bei der Erschließung neuer Märkte oder zur Steuerung komplexer Projekte. Neben Auftraggebern aus Industrie und Handel, Medien- und Verlagsanstalten, IT- und Telekommunikationsunternehmen, der Chemischen Industrie sowie Dienstleistungs- und Beratungsunternehmen engagiert auch die öffentliche Hand immer mehr „Manager auf Zeit“.
Eine Studie der DDIM zeichnet folgendes Bild von den Nomaden-Chefs: 87,4 Prozent sind männlich, zwischen 45 und 60 Jahre alt und haben mehr als 20 Jahre Berufserfahrung vorzuweisen. Zuvor haben sie Positionen wie Geschäftsführer oder Bereichs- und Abteilungsleiter bekleidet und sind nun zu 68 Prozent selbstständig. In Durchschnitt bleiben sie 7,3 Monate in einem Unternehmen, dann ziehen sie weiter. Oft arbeiten sie bei mehreren Firmen in verschiedenen Städten gleichzeitig. Ihr Tagessatz liegt zwischen 1000 und 1250 Euro. 70,3 Prozent werden von der Geschäftsführung selbst gesucht, vor allem in den Branchen Maschinen- und Anlagenbau, Automotive, TK, Medien und High Tech. Etwa ein Viertel aller Interim-Einsätze in Deutschland werden über die spezialisierten Interim-Managementgesellschaften abgewickelt. Der Rest des Marktes verteilt sich auf Personal- und Unternehmensberatungsfirmen sowie auf direkte Verträge zwischen dem Interim Manager und dem Klienten, dem beauftragenden Unternehmen.
Eine dieser Managerinnen auf Zeit ist Marlies Tasch. Bis auf das Kriterium „männlich“ erfüllt die 57-Jährige alle anderen typischen Merkmale. Die Betriebswirtschaftlerin war über 20 Jahre in der Personalleitung tätig, zuletzt als Prokuristin bei einem Tochterunternehmen von Thyssen. In ihrer mittlerweile fünfjährigen Freelancertätigkeit hat Marlies Tasch drei Projekte von ihrem Provider Gess Consulting in Düsseldorf vermittelt bekommen. Ein sehr guter Schnitt, findet sie, zumal die Projekte alle längere Zeit liefen bzw. noch laufen. Als Interim Managerin bei einem internationalen IT-Dienstleister hat sie in einem großen Team gearbeitet. Sie hatte Personalverantwortung und war bundesweit im Einsatz. Oft arbeitet Marlies Tasch an mehreren Projekten gleichzeitig. Die Unternehmen buchen sie dabei für einen oder mehrere Tage pro Woche, meistens über einige Monate.
So war sie eine Zeitlang für einen Insolvenzverwalter in Wuppertal tätig. Nach Iserlohn wurde sie gerufen, weil dort in einem Unternehmen die Personalleiterin schwer erkrankt war. „So schnell findet man auf dieser Ebene keinen Ersatz. Ich bin direkt ins Tagesgeschäft eingestiegen. Verträge, Bewerbungen, Kurzarbeit, Personalabbau, das Umsetzen von Tarifverträgen, das alles gehört zu meinen Aufgaben.“ Aktuell ist sie einen Tag in der Woche bei einem Automotive-Unternehmen in Wuppertal im Einsatz. Das Projekt läuft seit zwei Jahren, Ende offen.
Einsatzgebiete der Interim- und ProzessmanagerDie Erfahrungen der Personalberater von
Gess Consulting entsprechen nicht unbedingt dem Bild des knallharten Insolvenz-Managers auf Zeit, der vor allem Entlassungen durchsetzen soll. „Mit 36 Prozent bilden die klassischen laufenden Projekte den größten Anteil, 23 Prozent werden bei Eigentümerwechseln eingesetzt, 21 Prozent zur Konkursüberbrückung, 18 Prozent bei Restrukturierung / Sanierung und nur neun Prozent bei Insolvenzen“, fasst Ralf Lobeck, Leiter Business Development Management bei der Gess Consulting, zusammen. In 65 Prozent aller Fälle kann das Unternehmen Manager aus dem eigenen „Interim Circle“ vermitteln. Während des gesamten Suchprozesses betreut Gess Consulting sowohl den Kunden als auch den Interim Manager. Dazu gehört auch das „Nacharbeiten“, wenn ein Projekt abgeschlossen ist.
Als Mitglied der Dachgesellschaft Deutsches Interim Management e. V. (DDIM) und der Bundesvereinigung Restrukturierung, Sanierung und Interim Management (BRSI) hat das Beratungsunternehmen den aktuellen Markt stets im Blick. Und der wird sich mehr und mehr flexibilisieren: Für das Jahr 2020 erwarten Zukunftsforscher, dass bis zu 60 Prozent aller Arbeitsverhältnisse in Deutschland auf flexibler und freier Basis gestaltet sein werden. Ein Grund dafür ist, dass Fachwissen immer schneller überholt ist und neue Erkenntnisse und Methoden in kürzer werdenden Zeiträumen gefragt sind. Diese Dynamisierung veranlasst Unternehmen immer häufiger zum „Import“ von externem Know-how – ob auf Zeit oder auch dauerhaft.