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Interview, 12.04.2012
Innovationsmanagement
Innovationen erfordern Mut zum Risiko
Ein Interview mit Jens-Uwe Meyer, Die Ideelogen - Gesellschaft für neue Ideen mbH
Bei den meisten Unternehmen beschränken sich die Innovationsbemühungen auf das Verbessern des Bestehenden, kritisiert Jens-Uwe Meyer, Autor des Buches „Radikale Innovation“. Im Interview erläutert der Innovationsexperte typischen Innovationsfallen und was innovative Unternehmen von anderen unterscheidet.

Herr Meyer, was brachte Sie auf die Idee, ein „Handbuch für Marktrevolutionäre“ zu schreiben?

Jens-Uwe Meyer: Ich habe in den letzten Jahren als Innovationsberater drei Dinge beobachtet. Erstens: Viele Unternehmen bekommen trotz immenser Innovationsbemühungen stets nur Varianten des Bestehenden. Zweitens: Viele Unternehmen erdrücken die Kreativität ihrer Mitarbeiter statt sie zu fördern. Und drittens: Viele Geschäftsführer und Vorstände sind genau damit unzufrieden. Der ausschlaggebende Punkt war, dass ich in einer Woche dreimal das gleiche Gespräch mit Vorständen verschiedener Unternehmen führte. Alle sagten: „Wir müssen weiterdenken. Wir schaffen es aber nicht.“

Wie können Unternehmen weiterdenken?

Meyer: Indem sie einen Weg beschreiten, der sich in zahlreichen Projekten bewährt hat, vor dem viele Unternehmen aber noch zurückschrecken.

Wie sieht dieser aus?

Meyer: Visionäre Ziele formulieren, von denen noch nicht klar ist, ob sie wirklich erreicht werden können, kleine entschlossene Teams voller Leidenschaft an diesen Zielen arbeiten lassen, die eigenen Prozesse sprengen, und es zulassen, dass Innovationsteams eigene Wege gehen. Oder anders formuliert: mehr Mut zum Experimentieren und ein Scheitern – wenn es nicht zu vermeiden ist – feiern statt bestrafen.

Ist das nicht realitätsfern?

Meyer: Ganz und gar nicht. Wir schauen heute immer wieder erstaunt auf Unternehmen wie Google und fragen uns: Wie machen die das? Genau so! Als Google Wave, eines der großen teuren Entwicklungsprojekte von Google, scheiterte, gab es eine Abschiedsparty. In anderen Unternehmen wären Köpfe gerollt. Der indische Tata-Konzern zeichnet sogar gescheiterte Innovationen aus: als Belohnung dafür, dass die Mitarbeiter versucht haben, weiterzudenken.

Warum schrecken viele Unternehmen davor zurück, es diesen Unternehmen gleich zu tun.

Meyer: Weil wir eine Managergeneration haben, die mit Methoden der Achtziger- und Neunzigerjahre ausgebildet wurden. Ich selbst gehöre dazu. Mein MBA-Studium bestand zu 90 Prozent aus Prozessen. Die meisten Prozesse dienen dazu, Dinge besser zu organisieren und Fehler zu vermeiden. Diese Kultur der Fehlervermeidung ist in vielen Bereichen sehr gut – nur eben nicht im Bereich von wirklich Neuem. Dort gehören Fehler zum Lernprozess dazu.

Beginnt im Management ein neues Zeitalter?

Meyer: Zumindest ein vielfältigeres. Die alten Methoden haben weiterhin ihre Berechtigung, doch ich kenne viele Unternehmen, die zurzeit radikal umdenken und sich für Neues öffnen. Man muss nur einmal sehen, wie DHL die Packstationen entwickelt hat. Das war am Anfang ein Guerilla-Team von vier Personen, die konsequent sämtliche Regeln gebrochen haben. Solche Ansätze werden wir in Unternehmen künftig häufiger finden.

In Ihrem Buch beschreiben Sie eine besondere Spezies von Unternehmen: die Innosaurier. Was sind das für Unternehmen?

Meyer: Innosaurier sind vor allem behäbig. Sie haben sich durch eine teils ausufernde Bürokratie selbst gelähmt. Vor allem dort, wo es darum geht, kreative neue Lösungen zu finden, haben sie Verwaltungsprozesse etabliert, statt ihre Mitarbeiter zu inspirieren. Bei Innosauriern wird Neues systematisch zerredet. Es wird solange analysiert, bis von der ursprünglichen Idee fast nichts mehr übrig ist. Am Ende geht das Unternehmen nur kleine Schritte. Anders gesagt: Am Anfang will man zum Mond fliegen, am Ende reicht es gerade mal für eine Pauschalreise nach Mallorca.

Sie beziehen sich in Ihrem Buch auch auf die Beispiele Saturn und Media Markt. Sind das noch innovative Unternehmen?

Meyer: Beide Unternehmen sind hochinnovativ innerhalb des Bereichs, in dem sie stark sind: Einzelhandel mit Filialen vor Ort. Die Unternehmen Media Markt und Saturn wird es wahrscheinlich auch in zehn Jahren noch geben, aber das große Wachstum findet derzeit woanders statt.

Wo?

Meyer: Im Internet. Diesen Trend haben beide Unternehmen jahrelang verpasst. Seit Mitte letzten beziehungsweise Anfang diesen Jahres haben sie zwar Onlineshops, doch Hauptkonkurrenten wie Amazon haben mehr als 15 Jahre Vorsprung. Im Internet sind Saturn und Media Markt fast auf dem Niveau eines kleinen Handwerkers mit Onlineshop stehengeblieben. Die beiden Märkte sind ein gutes Beispiel dafür, wie Unternehmen hochinnovativ sein können und trotzdem den Anschluss verpassen.

Wie kommt dieser Widerspruch zustande?

Meyer: Er entsteht, wenn sich Unternehmen ausschließlich auf eine Art von Innovation konzentrieren – nämliche die inkrementelle. Das heißt: Die grundsätzliche Geschäftsidee wird nicht in Frage gestellt, sondern immer nur weiterentwickelt. Es werden keine neuen Märkte entwickelt, sondern nur die alten mit immer besseren Methoden bedient.

Sie sprechen in diesem Zusammenhang von einer „Innovationsfalle“. Wie viele Unternehmen stecken darin?

Meyer: Wir führten im letzten Jahr eine Studie unter 200 Innovationsverantwortlichen durch. Grob kann man sagen: Drei von vier Unternehmen konzentrieren sich ausschließlich auf inkrementelle Innovation. Damit stecken sie nicht automatisch in der Falle, aber sie sollten überprüfen, ob sie nicht wertvolle Chancen verpassen oder sogar langfristig ihre Existenz gefährden.

Woran erkenne ich als Unternehmen, ob ich radikale Innovationen brauche?

Meyer: Im Wesentlichen sind es drei Faktoren: Wenn ein Unternehmen nicht wachsen will, seine bestehenden Produkte und Geschäftsmodelle noch lange für sichere Einkünfte sorgen und seine Märkte stabil sind, braucht es über radikale Innovation nicht nachzudenken. Wenn ein Unternehmen aber wachsen will, seine Märkte weitgehend gesättigt sind und seine Top-Manager das Gefühl haben, dass sich in Zukunft dramatisch etwas ändern könnte, dann ist radikale Innovation fast schon der einzige Weg.

ZUM AUTOR
Über Jens-Uwe Meyer
Die Ideeologen - Gesellschaft für neue Ideen mbH
Jens-Uwe Meyer kombiniert das Know-how seines MBA-Studiums mit kreativem Denken - als Trainer für Kreativität in Unternehmen, Ideen-Workshops und Innovationsprozessen, als motivierender Redner auf Kongressen und Veranstaltungen sowie als ...
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