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Indiens Wirtschaft heute

Um eines vorweg zu nehmen: Indien ist auch heute noch ein Entwicklungsland, allerdings mit Ausnahmen.
(PM) Bochum, 08.12.2010 - In einigen Regionen und einigen (wenigen) Wirtschaftsbranchen hat das Land einen markanten Aufschwung erlebt. Damit ist Indien auf einem guten und richtigen Weg, aber bis die allgemeine Armut, Rückständigkeit und alle anderen Defizite wirklich flächendeckend abgebaut sind, wird es noch lange dauern, wobei hier nicht Jahre sondern eher Jahrzehnte gemeint sind. So beeindruckend sich das moderne Indien auch darstellt, darf man doch nicht übersehen, dass es sich dabei lediglich um „Entwicklungsinseln“ handelt, während der Rest des Staates noch genauso unterentwickelt ist wie Teile Schwarzafrikas.

Dennoch wäre es falsch, die Wirtschaftsdynamik Indiens in den letzten zehn Jahren unterzubewerten, wies doch das indische BIP mit +6 % p.a. (1997-2001), +7 % p.a. (2001-2004) und +9 % p.a. (2005-2008) das zweitschnellste Wachstum aller asiatischen Staaten auf. Dabei wird es im Vergleich mit allen relevanten Flächenstaaten der Welt – lassen wir einmal die Cayman Islands, Mauritius, Luxemburg und Dubai außer Acht – lediglich von China übertroffen. Derjenige, der diese positiven Entwicklungs- und Wachstumsansätze bei seiner strategischen Geschäftsplanung nicht ausreichend berücksichtigt, handelt grob fahrlässig, denn Indien verfügt inzwischen über ein enormes und attraktives Potential:

- Die Reformen der Wirtschaft haben zu einer bemerkenswerten Verbesserung des Geschäftsumfeldes geführt.
- Die indische Bevölkerung ist groß und vor allem jung. Rund die Hälfte der fast 1,2 Milliarden Einwohner ist jünger als 25 Jahre – ein enormes Zukunftspotential!
- Der technologische Nachholbedarf bzw. die Nachfrage an Hochtechnologie „Made in Germany“ ist extrem ausgeprägt. In vielen Branchen (z.B. Automobilindustrie oder Gebäudetechnik) setzt sich zunehmend ein entsprechendes Qualitätsbewusstsein durch, einhergehend mit der Bereitschaft, für hohe Qualität auch angemessene Preise zu zahlen
- Positiv hervorzuheben ist sicherlich auch das enorme Humankapital Indiens. Die Anzahl von an Universitäten ausgebildeten Fachkräften nimmt ständig zu; es gibt in Indien inzwischen viele richtig gute Ingenieure und Manager.
- Die Sprache in Wirtschaft und Wissenschaft ist Englisch, ein nicht zu unterschätzender Faktor!

Natürlich wurde auch Indien von der Weltwirtschaftskrise, die im Herbst 2008 ihren Start nahm, getroffen – allerdings längst nicht so stark wie die USA und Europa.

Während Deutschland voll von der Rezession getroffen wurde, verlangsamte sich zwar auch in Indien das Wirtschaftswachstum – aber eben nur verlangsamte. Nach Zuwächsen in den Jahren 2006 und 2007 von rund 9 % musste Indien zwar auch in den Jahren 2008 und 2009 einen Rückgang der Wachstumszahlen hinnehmen, aber lediglich auf +6,5 % und +6,0 %. Inzwischen (2010) ist man sogar wieder bei rund 9,5 % angekommen.

Das bedeutet: Selbst in der von den Medien als „die schlimmste seit dem Zweiten Weltkrieg“ titulierten Krise ist Indien eines der wenigen Länder, das nach wie vor ein deutliches Wirtschaftswachstum aufweisen kann. Warum ist das so? Ganz einfach: Der indische Absatzmarkt ist groß genug und die indische Wirtschaft damit nicht so stark vom Export abhängig. Mag der Konsum in den USA noch so stark eingebrochen sein, der heimische Absatzmarkt bietet weiterhin ein so großes Potential, dass sich indische Unternehmen auf den Binnenmarkt konzentrieren können.

Die indische „Aufbruchsstimmung“ hält nach wie vor an, die Inder lassen sich von der allgemein negativen Stimmung einfach nicht anstecken. Ebenso wie es in den 1950er und 1960er Jahren in Deutschland der Fall war, besitzt die heutige Generation der 20- bis 40-jährigen Inder den starken Willen und die Zielstrebigkeit, sich in Punkto Wohlstand und Konsum dem westlichen Niveau anzunähern.

Was heißt das für die deutsche Industrie?

Die geschäftlichen Aussichten sind in Indien nach wie vor positiv. Letztendlich kann Indien sogar von strategischer Bedeutung für deutsche Unternehmen sein, weil Umsatzrückgänge in den traditionellen Märkten durch Indien zumindest teilweise wieder ausgeglichen werden können.

Insbesondere deutsche Technologieführer und „Nischenkönige“ sollten sich heute mit Indien auseinandersetzen. Denn wer zu lange wartet, verpasst die Chancen, die Indien gerade heute bietet, einschließlich der Nutzung des momentanen Kostenvorteils.

Auszug aus:
Wamser, Johannes und Sürken, Peter: „Wirtschaftspartner Indien – Ein Managementhandbuch“, 2. vollständig überarbeitete Auflage 2010, Stuttgart
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