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News, 17.08.2005
Deutsches Handwerk
Handwerksreform - der Boden bekommt neuen Glanz
Auf die Reform der Handwerksordnung verweist die Bundesregierung gerne, wenn sie ihre wirtschaftspolitischen Erfolge preisen will. Nicht ganz zu Unrecht.
Ein gutes Jahr nach In-Kraft-Treten der neuen Regeln hat sich die Talfahrt des Handwerks deutlich verlangsamt. Seitdem in bestimmten Berufen kein Meisterbrief mehr nötig ist, um sich selbstständig zu machen, setzte eine kleine Gründungswelle ein.

Einfach Wände anstreichen geht nicht – die deutsche Handwerksordnung regelt es ganz genau, wie man Maler wird: Zuerst kommt die Lehre. Die Ausbildungszeit endet dann mit der bestandenen Gesellenprüfung. Ein Geselle hat anschließend mindestens drei Jahre lang als Angestellter eines Meisterbetriebs zu arbeiten, bevor er die Meisterschule besuchen darf.

Die Meisterausbildung selbst kostet noch einmal einiges an Zeit und Geld. Ist die Prüfung bestanden, der so genannte „Große Befähigungsnachweis“ erworben, erfolgt der Eintrag in die Handwerksrolle der Kammer. Dann erst dürfen Maler auf eigene Rechnung tätig werden und Lehrlinge ausbilden. Für Handwerker ist das kein ungewöhnlicher Werdegang. Bis Ende 2003 hieß es in 94 Berufen: ohne Meisterbrief keine eigene Firma. Auch aufgrund dieser strikten Beschränkung gelang es dem Handwerk nicht, sich dem Strudel der Baukrise zu entziehen:

Ende 2003 waren nur noch 4,8 Millionen Menschen im Handwerk erwerbstätig – gut 1,5 Millionen weniger als 1995. Die Zahl der Handwerksbetriebe schrumpfte bis Ende 2003 auf 663.000.

Ganz anders verlief dagegen die Entwicklung der so genannten handwerksähnlichen Gewerbe. Sie erlebten in derselben Zeit, als es mit dem Handwerk bergab ging, einen kleinen Boom. Die Zahl der Betriebe wuchs von 1995 bis 2003 um ein Drittel auf 184.000, die Beschäftigung erhöhte sich um immerhin um 30.000 Arbeitnehmer auf 328.000 (Grafik). Ein wesentlicher Grund für diesen gegenläufigen Trend dürfte sein, dass schon seit längerem keine Meisterprüfung mehr nötig ist und teils sogar nie nötig war, um als Klavierstimmer, Maskenbildner oder Bodenleger selbstständig zu arbeiten.

Auch Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement blieb nicht verborgen, dass es einerseits im Meisterhandwerk kriselte, andererseits die nicht an den Meisterzwang gebundenen Branchen aufblühten. Daher machte er sich für eine Novelle der Handwerksordnung stark; sie trat Anfang 2004 in Kraft. In die bis dato abgeschotteten Zunftbastionen zog frischer Wind ein:

Neue zulassungsfreie Handwerke.

Immerhin 53 Berufe wurden aus „Anlage A“ der Handwerksordnung in „Anlage B“ verschoben. Was nichts anderes bedeutet, als dass es hier nun auch ohne Meisterbrief erlaubt ist, sich auf eigene Füße zu stellen. Auf diese Chance scheinen die Gesellen geradezu gewartet zu haben.
Ende 2004 waren in den Handwerkssparten ohne Meisterzwang über 100.000 Betriebe registriert – fast 30.000 mehr als vor der Neuordnung. Die Entwicklung ist vor allem auf zweierlei zurückzuführen:

1. Ich-AGs.

Mithilfe dieses Förderin-struments ebnet die Bundesagentur für Arbeit Arbeitslosen den Weg in die Selbstständigkeit. Auch Handwerker können es in Anspruch nehmen. Daher gingen besonders in Gebieten mit hoher Arbeitslosigkeit viele neue Betriebe an den Start. Ob sie langfristig überleben, steht noch in den Sternen. Nach Angaben der Handwerkskammer Düsseldorf beispielsweise hatten in ihrem Bezirk 85 Prozent der Gründer einer zulassungsfreien Ich-AG keine adäquate berufliche Qualifikation.

2. Ausländische Selbstständige

In Ballungszentren wie München, Frankfurt und Hamburg packten vor allem Bürger aus den neuen EU-Mitgliedsstaaten die sich eröffnenden Chancen beim Schopf. Auf Handwerker aus Polen, Tschechien, dem Baltikum etc. entfiel laut Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) jede dritte Unternehmensgründung ohne Meisterbrief.

Reform der zulassungspflichtigen Handwerke.

In Anlage A verblieben 41 Handwerksberufe, in denen die Meisterweihen weiterhin Pflicht sind. Dahinter steckt Verschiedenes: Zum Teil spricht der Gesetzgeber den Anlage-A-Tätigkeiten eine besondere „Gefahrenneigung“ zu – soll heißen, es hätte unter Umständen lebensgefährliche Folgen, wenn etwas schief geht. Zum Teil ist die Einstufung aber auch ein Zugeständnis an die Handwerkskammern. Sie befürchteten, dass weniger Lehrlinge ausgebildet würden, wenn zu viele gering qualifizierte Neueinsteiger ohne Meistertitel und Ausbildungsberechtigung den etablierten Anbietern Konkurrenz machen, zum Beispiel im Friseurhandwerk. Auf ein wenig mehr Wettbewerbsdruck müssen sich Maurer, Bäcker und Klempner trotzdem einstellen, denn ein Unternehmen gründen dürfen mittlerweile auch:

::: erfahrene Gesellen mit sechs Jahren Berufserfahrung, davon vier in leitender Position

::: Ingenieure

::: alle, die für die Geschäftsführung einen Meister einstellen


Selbst diese kleinen Korrekturen der Bundesregierung haben Beachtliches bewirkt: Im ersten Jahr nach der Reform erhöhte sich die Zahl der Unternehmen in den Handwerksberufen mit beschränktem Zugang um 1,3 Prozent – es sind nun annähernd 600.0000 Unternehmen.
Summa summarum, einschließlich der handwerksähnlichen Gewerbe verzeichneten die Kammern zum Stichtag 1. Januar 2005 rund 887.000 Betriebe – knapp 5 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.
Dass im Handwerk trotz Reform noch nicht eitel Sonnenschein herrscht, zeigen zwei andere Kennziffern. Nachdem im Zeitraum von 1998 bis 2003 Jahr für Jahr im Schnitt eine Viertel Million Arbeitsplätze verloren ging, konnte das Tempo des Arbeitsplatzabbaus zwar begrenzt werden – unterm Strich fielen 2004 aber noch einmal 130.000 Jobs weg.

Auch die Umsatzentwicklung bietet derzeit kaum Anlass zum Jubel. Immerhin fiel der Ein-nahmerückgang im vergangenen Jahr mit 1,5 Prozent etwas moderater aus als im Jahr 2003 mit über 3 Prozent. Mehr als drei Viertel des 2004er-Erlöses von 448 Milliarden Euro geht dabei auf das Konto der Gewerke, in denen der Meisterzwang fortbesteht.

Doch so richtig auszahlen wird sich die Reform der Handwerksordnung ohnehin erst, wenn die Konjunktur wieder in Schwung kommt. Steigt die Nachfrage nach den Diensten von Klempnern, Dachdeckern und Co., haben neue Betriebe eine Chance, am Markt Fuß zu fassen – und die Etablierten wegen der vermehrten Konkurrenz weniger Spielraum für einen kräftigen Zuschlag auf den Stundensatz.

[CS; Quelle: IW Köln]
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