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Kolumne
Hamsterrad, 25.09.2009
Generationenkonflikt
Die Gesellschaft altert, na und?
Im Wahlkampf als zu mobilisierende Wähler heiß umworben, sind ältere Menschen heute aktiver und flexibler denn je, während „die Jungen“ immer selbstbewusster und unabhängiger werden. Gleichzeitig werden die Probleme unserer alternden Gesellschaft zunehmend spürbar – und das betrifft nicht nur die Themen Rente, Arbeitsmarkt, Gesundheit, Pflege. Von Vorurteilen zwischen Jung und Alt sowie der nötigen Erkenntnis, dass es nur gemeinsam geht…
Hilde trainiert im Sportstudio. Regelmäßig macht sie das, Hilde ist eine rund 80jährige Dame. Neben braungebrannten Kraftprotzen und Bodybuildern. Ihre Tasche kann die Oma Hilde noch selbst tragen. Statt bissiger Bemerkungen wie „Was will die Alte denn hier?“ kommt nur ein „Ach, wie cool, die Hilde ist wieder da“. Ältere Menschen wie Hilde sind heute aktiver und flexibler, junge Menschen selbstbewusster und unabhängiger. Das sorgt für Konflikte. Bereits in der Bibel gab es jede Menge Stress zwischen den Generationen – meist um Anerkennung, Land und Liebe. Oft vorschnell stecken sich Junge und Alte gegenseitig in Schubladen, werden Vorurteile gefällt statt einander kennen zu lernen. Das muss schon von Herzen kommen, das Mehrgenerationen-Konzept der nächsten Bundesregierung. Die Begegnung mit Hilde passt derweil in kein Klischee. Jeder trainiert für sich – aber doch an gemeinsamen Geräten.

Die Distanz zwischen Jung und Alt wird nicht von heute auf morgen verschwinden. Es ist, wie ich finde, zu kurz gedacht, wenn ich mich diesem Generationenstress einfach entziehe und das andere machen lasse. Nicht nur im Wolkenkuckucksheim dran glauben, dass alles besser wird. Aber mit Hinschauen, echtes Interesse zeigen, sich bereichern lassen vom Anderen. Damit kann man trotz Strapazen eine Menge erreichen. „Wir Alten wollen was bewegen“, sagt die Seniorin. Soziale Probleme wie aufgelöste Familienstrukturen, Parallelgesellschaften von Alt und Jung oder das einsame Sterben im Altersheim würde schnell unter den Tisch gekehrt, kritisiert die 80jährige. Denn bisher gab es in der Republik weder so viele alte Menschen noch so geringe Geburten. „Im Vergleich zu 1960 ist die Geburtenrate um rund die Hälfte gesunken“, erklärt ein Professor für Gerontologie, an der Universität Heidelberg. Der Wissenschaftler für Psychologie des Alterns fordert ein „Umcodieren in den Köpfen“ der Gesellschaft. Doch das sei leichter gesagt als getan, wissen sowohl er als auch Oma Hilde über ihre Vorurteile zwischen Jung und Alt.

In generationsübergreifenden Projekten wie dem KOJALA, einem Zentrum für wissenschaftliche Weiterbildung an der Universität Ulm, soll ein Wissensaustausch über Altersgrenzen hinweg gefördert werden. Währenddessen beschweren sich Studierende im normalen Uni-Alltag häufiger über „weggenommene“ Sitzplätze durch wachsende Gruppen von Gasthörern im Rentenalter. Der Vielfalt an Ideen, voneinander zu lernen, sind keine Grenzen gesetzt. Aber auch hier gilt: Voneinander zu lernen setzt voraus, sich auch voneinander abzugrenzen. Das heißt noch lange nicht, alle Bedürfnisse in einen Topf zu werfen. Verstellte Freundlichkeit nach außen, Vorwürfe hinter vorgehaltener Hand. Dies wird den oft auch gemachten Generationenkonflikt weiter fördern, statt ihn in gesunder Form abzubauen. Das gilt besonders zuhause, wenn noch die Großeltern mit der jungen Familie gemeinsam wohnen würden, manchmal das zukünftige Erbe schon im Blick.

Immerhin ist dieses Thema schon so alt wie die Menschheit selbst. Bereits ein Zitat aus dem alten Ägypten vor rund 3000 Jahren beschreibt die Kraftprobe zwischen Jung und Alt: „Die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Aussehen, sinnt auf Umsturz, zeigt keine Lernbereitschaft und ist ablehnend gegenüber althergebrachten Werten“. Im Vergleich zu Nachkriegsgeneration ist der Aufstieg für Jugend von heute sehr viel schwieriger geworden. Nur wenigen gelingt es, in einem globalisierten Verdrängungswettbewerb Karriere zu machen, erklärt eine Sozialarbeiterin der Badischen Diakonie. Eines aber gilt genauso heut wie gestern: Wer seine Zukunft dem Gutdünken überlässt, diese nicht aktiv gestaltet, hat auch keine Möglichkeit sie zu verbessern. Nicht zu vergessen: Jeder von uns altert. Ob in Würde und die Frage, ob Lasten entsprechend gerecht verteilt sind, entscheiden ganz alleine wir. Jüngere wie Ältere.
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Ob die einfache Putzfrau mit drei bis vier Nebenjobs, der Kleinunternehmer im Großstadt-Dschungel oder Banker an der Wall Street. Jan Thomas Otte begleitet Menschen in der Wirtschaft. Und das auf vielen Ebenen. Mit Reportagen vor Ort gelingt dem Journalisten ... mehr
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