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Interview, 17.12.2009
Familienunternehmen
Das Rückgrat der Wirtschaft rekrutiert antizyklisch
Ein Interview mit Stefan Heidbreder, Stiftung Familienunternehmen
Familienunternehmen favorisieren eine langfristige und nachhaltige Personalpolitik, meint Stefan Heidbreder, Geschäftsführer der Stiftung Familienunternehmen. Selbst in Krisenzeiten werde in den Nachwuchs investiert. Ein Grund, warum diese Unternehmen mittlerweile zur ersten Wahl bei Bewerbern zählen, wie Heidbrenner im Gespräch mit David Wolf berichtet.

Peter May, unter anderem Honorarprofessor an der WHU Otto Beisheim School of Management in Vallendar, sagte einmal in einem Interview im Magazin „Unsere Bank“ der Schweizer Privatbank Sarasin & Cie AG, Familienunternehmen gehöre die Zukunft. Teilen Sie seine Ansicht?

Stefan Heidbreder: Familienunternehmen gehört bereits die Gegenwart: Unsere aktuelle Studie zur volkswirtschaftlichen Bedeutung von Familienunternehmen bestätigt, dass dieser Unternehmenstyp in der deutschen Unternehmenslandschaft dominiert. Selbst bei einer sehr streng gefassten Definition von Familienunternehmen. Gleichzeitig wächst er selbst in Zeiten der Rezession im Vergleich zu Firmen in anonymen Streubesitz, also zu den meisten DAX-Unternehmen, dynamisch. So haben die Top-500-Familienunternehmen ihre Beschäftigtenzahlen zwischen 2006 und 2007 um jährlich 2,5 Prozent gesteigert, während die DAX-Unternehmen kontinuierlich Arbeitskräfte freisetzten. Familienunternehmen werden auch in Zukunft das Rückgrat der Wirtschaft sein, daran gibt es keinen Zweifel.

Eine Umfrage im Rahmen des „Karrieretages Familienunternehmen“ in Ulm kam zum Ergebnis, dass die befragten Familienunternehmen auf antizyklisches Recruting setzen. Eine Ausnahme, die nur für diese Unternehmen gilt oder lässt sich das generell von Familienunternehmen behaupten?

Heidbreder: Familienunternehmen denken generell in großen Zeiträumen und vermeiden den sogenannten Schweinezyklus. Sie rekrutieren hochqualifizierte Fach- und Führungskräfte auch bei rückläufigem Auftragseingang und betrachten das als Investition in die Zukunft. Eine langfristige und auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Personalpolitik hat absolute Priorität. Familienunternehmen suchen auch anders: eher motivierte Generalisten, die auch motivieren können.

Ein weiteres bemerkenswertes Ergebnis: Familienunternehmen nehmen trotz Wirtschaftskrise die Chance, sich hoch qualifizierte Bewerber zu günstigen Konditionen zu angeln, bewusst nicht wahr.  Wie lässt sich eine solche Haltung erklären?

Heidbreder: Familienunternehmer setzen auf eine Unternehmenskultur, die von Identifikation, Motivation und Loyalität geprägt ist. Die meisten bezahlen ihre Mitarbeiter ohnehin grundsätzlich nach deren Leistungen und Potenzial. Sie wissen: Mitarbeiter merken sich, wenn sie geringer vergütet werden, nur weil der Markt dies gerade hergibt.

Familienunternehmen sind mittlerweile bei vielen Absolventen erste Wahl für eine Bewerbung. Was sind die Gründe dafür?

Heidbreder: Einer der Hauptgründe, warum viele Absolventen inzwischen Familienunternehmen als Arbeitgeber schätzen, liegt in der schon erwähnten Unternehmenskultur. Hinzu kommt eine insgesamt „persönlichere“, überschaubarere Komponente. Das heißt: kurze Entscheidungswege und eine schnelle Übernahme von verantwortungsvollen Aufgaben – auch im Ausland. Gerade für „Hidden Champions“ gilt: Standbein in Deutschland, Spielbein in der Welt.

Eine aktuelle Studie der Handelshochschule Leipzig zeigt, dass Familienunternehmen gerade wegen  der Wirtschaftskrise lieber auf internen Nachwuchs setzen als auf externe Manager. Spielen da auch Ängste vor möglichen rücksichtslosen Sanierern mit oder wie ist diese Haltung zu erklären?

Heidbreder: Die interne Rekrutierung ist von jeher der Königsweg für Familienunternehmen, insbesondere wegen der hohen Bedeutung der Unternehmenskultur und des Arbeitsethos, aus dem sie ihre Kraft schöpfen. Vor diesem Hintergrund ist es sehr verständlich, dass rücksichtslose Sanierer, die eher auf kurzfristige Erfolge setzen, kaum Chancen haben.

Familienunternehmen sind in der Regel nicht besonders aufgeschlossen, wenn es um externe Kapitalgeber geht. Wird das auch in Zukunft so bleiben oder gibt es hierbei andere Tendenzen?

Heidbreder: Gerade große Familienunternehmen sind auf kapitalnahe Finanzierung angewiesen, wenn sie Wachstumsschübe finanzieren wollen. So wird sicherlich in naher Zukunft auch die Börse wieder eine größere Rolle spielen, wobei schon heute etwa die Hälfte aller im CDAX notierten Unternehmen Familienunternehmen sind. Dass die Börse und Familienunternehmen keine sich ausschließenden Galaxien sind, zeigt auch der zum Januar 2010 neue aufgelegte Börsen-Index. Der „DAXplus Family Firm Index“ bildet nämlich die Familienunternehmen ab. Richtig ist, dass Familienunternehmer nur in Notsituationen die Kontrolle über ihr Unternehmen abgeben. Trotzdem hat sich gezeigt, dass zeitlich begrenzte Minderheitsbeteiligungen von Investoren durchaus auch von Familienunternehmen geschätzt wurden.

Bei Märklin oder Schiesser ist das Konzept mit Private-Equity-Fonds-Eignern ja nicht aufgegangen.

Heidbreder: Hier waren die Unternehmen schon lange in Schieflage und hatten eine enorm niedrige Eigenkapitaldecke. So wirkt jede Krise wie ein Brandbeschleuniger. Sicherlich wurden die Unternehmen auch durch die Private Equity Fonds noch zusätzlich ausgeblutet. Ein entscheidender Unterschied ist in diesem Zusammenhang auch die Ausdauer, die Familienunternehmen haben. Investoren haben die nicht. Schiesser und Märklin sind Negativ- und keine Paradebeispiele für die Beteiligung von Finanzinvestoren, deren Beteiligung nicht per se abzulehnen ist.

In den kommenden Jahren steht in vielen Familienunternehmen das Thema Unternehmensnachfolge an. Von welchen Zahlen sprechen wir konkret?


Heidbreder: Von zirka 70.000 Unternehmen pro Jahr, wobei nicht übersehen werden darf, dass es sich hierbei mehrheitlich um kleine Unternehmen handelt wie beispielsweise Bäcker, Installateure oder Handwerker. Weil diese in der Regel nur von einer Person abhängen, kommt der Kapitalmarkt hier sowieso nicht in Frage.

Welchen wirtschaftlichen Herausforderungen muss sich die künftige Generation von Familienunternehmern stellen und gibt es dabei Unterschiede im Vergleich zu ihrer Vorgänger-Generation?

Heidbreder: Viele Familienunternehmen sind in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg entstanden. Ingenieure und Tüftler haben ihre Produkte zu Weltmarktführern entwickelt. Die nachfolgende Generation hat den Vorteil, exzellent ausgebildet zu sein. Sie sieht sich aber auch mit den Herausforderungen der Globalisierung konfrontiert. Die Marktführerschaft zu verteidigen kann selten über niedrige Preise gehen, sondern wird sich in einer konsequent weitergetriebenen Forschungs- und Entwicklungsarbeit sowie in einer äußerst großen Kundennähe zeigen. Diese Erfolgsfaktoren sind deshalb entscheidend, weil sie nur schwer zu kopieren sind.

ZUM AUTOR
Über Stefan Heidbreder
Stiftung Familienunternehmen
Stefan Heidbreder, Jahrgang 1967, ist Geschäftsführer der Stiftung Familienunternehmen. Zuvor war er über zwölf Jahre in leitender bzw. beratender Funktion für bedeutende Familienunternehmen tätig. Die gemeinnützige ...
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