
Herr Ollechowitz, in der Personalarbeit von Schwäbisch Hall spielt das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine wichtige Rolle. Warum?
Werner Ollechowitz: Wie sehr sich Mitarbeiter mit ihrem Arbeitgeber und ihrer Arbeit identifizieren, hängt auch davon ab, wie sehr sie sich als Person vom Unternehmen und ihren Vorgesetzten gewertschätzt fühlen. Nach meiner Auffassung gehört es daher zu den zentralen Aufgaben der Personalarbeit, Rahmenbedingungen zu schaffen, die es den Mitarbeitern ermöglichen, beides unter einen Hut zu bekommen: ihre privaten Verpflichtungen und die Anforderungen im Arbeitsleben.
Mitarbeiter geraten immer wieder in Situationen, in denen es ihnen schwer fällt, alle beruflichen und privaten Anforderungen zu erfüllen. Interessenkonflikte sind also vorprogrammiert. Kann die Personalarbeit diese alle berücksichtigen?
Ollechowitz: Sie kann sich zumindest darum bemühen, den Mitarbeitern die Unterstützung zu bieten, die diese aufgrund ihrer familiären oder persönlichen Situation brauchen. Was dies ist, ist von Mitarbeiter zu Mitarbeiter verschieden und hängt auch vom gesellschaftlichen Umfeld ab.
Haben Sie hierfür ein Beispiel?
Ollechowitz: In den 70er Jahren war die Kinderbetreuung ein zentrales Thema. Als Antwort darauf hat Schwäbisch Hall eine eigene Kindertagesstätte eröffnet, die in diesem Jahr ihren 40. Geburtstag feiert. In den letzten Jahren gewinnt die Betreuung von Angehörigen, zum Beispiel der eigenen Eltern, an Bedeutung. Also muss die Personalarbeit hier über Lösungen nachdenken.
Ein Ansatzpunkt hierfür könnte eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeit sein. Kollidieren da nicht Arbeitnehmerwunsch und Unternehmensinteresse?
Ollechowitz: Dass die Arbeitszeiten flexibel und somit familienfreundlich gestaltbar sind, ist seit langem ein zentraler Wunsch vieler Arbeitnehmer. Deshalb führten wir schon 1971 die Gleitzeit ein. Heute regeln bei uns die Teams die Anwesenheit selbst und Tarifangestellte können aufgelaufene Mehr-Stunden mit freien Tagen kompensieren. Diese Organisation auf Teamebene ist einer der Erfolgsfaktoren für funktionierende flexible Arbeitszeiten. Eine Interessenskollision sehe ich dabei nicht.
Wer Kinder hat, benötigt ja nicht nur Gleitzeitregelungen. Er oder sie kann oft nur Teilzeitarbeit arbeiten? Wie reagieren Sie auf diesen Wunsch?
Ollechowitz: ei Schwäbisch Hall gibt es 70 Teilzeitmodelle, die weit über die klassischen Varianten hinausgehen. So können Mitarbeiter zum Beispiel auch neun Monate arbeiten und sich dann drei Monate frei nehmen. Seit Jahren arbeitet rund ein Drittel der 3000 Schwäbisch Hall-Mitarbeiter Teilzeit. Wichtig ist uns dabei, künftig noch stärker die Lebenssituation der Teilzeitkräfte zu berücksichtigen.
Heißt das, Sie wollen noch flexibler werden?
Ollechowitz: Ja, soweit dies mit den betrieblichen Erfordernissen vereinbar ist. Denn nehmen Sie Eltern. Die würden oft gerne ihre Arbeitszeit der jeweiligen Familiensituation anpassen. Mal würden sie für eine gewisse Zeit gerne ganz zuhause bleiben, dann zu 50 Prozent arbeiten und dann vielleicht zu 75 Prozent – je nachdem in welcher Entwicklungsphase sich ihre Kinder gerade befinden.
Sie sprachen die Betreuung von Angehörigen an. Wird dieses Thema zunehmend wichtig?
Ollechowitz: Ja, denn traditionell haben die meisten Maßnahmen zur Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf Mitarbeiter mit Kindern im Kindergarten- oder Schulalter im Blick. Vergessen wird oft, dass aufgrund der demografischen Entwicklung immer häufiger die Betreuung oder Pflege von Verwandten eine Vollerwerbstätigkeit unmöglich macht.
Welche Lösungsansätze bietet Schwäbisch Hall für solche Situationen?
Ollechowitz: Seit 1992 können sich Mitarbeiter bis zu zwei Jahre für die Pflege von Angehörigen freistellen lassen – auch kurzfristig. Und einmalig in der deutschen Unternehmenslandschaft dürfte unser Seniorenwohnstift sein.
Wem steht dieses offen?
Ollechowitz: In erster Linie ehemaligen Mitarbeitern, aber auch Angehörigen jetziger Mitarbeiter. Das Wohnstift verfügt über 52 Wohnungen und einen Pflegebereich. Dort können unsere Mitarbeiter Angehörige in Kurzzeitpflege geben. Der Pflegedienst ist für sie aber auch eine kompetente Ansprechstation, wenn sie in ihrer Familie einen Pflege- oder Betreuungsfall haben.
Wie selbstverständlich nutzen die Schwäbisch Hall-Mitarbeiter diese Angebote?
Ollechowitz: Sehr selbstverständlich – unter anderem weil wir uns in den vergangenen Jahren darum bemüht haben, in unserem Unternehmen eine Kultur zu schaffen, in der Vorgesetzte und Kollegen Verständnis dafür haben, wenn ein Mitarbeiter aus privaten Gründen zum Beispiel für eine gewisse Zeit seine Arbeitszeit reduziert. Ohne eine solche Kultur sind und bleiben die genannten Maßnahmen zur Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf „Papiertiger’“.
Erfordert das von Ihnen beschriebene Engagement in Sachen Familienfreundlichkeit nicht eine hohe Investition an Zeit und Geld seitens des Unternehmens?
Ollechowitz: Nur bedingt. Viele Maßnahmen erfordern außer einer gewissen organisatorischen Flexibilität wenig. Sie können Mitarbeiter aber aus einer echten Zwangslage befreien und ihre Arbeitszufriedenheit sowie Identifikation mit ihrem Arbeitgeber erheblich steigern.
Was veranlasst Sie zu dieser Einschätzung?
Ollechowitz: Zum Beispiel die Tatsache, dass Schwäbisch Hall regelmäßig beim deutschen Top-Arbeitgeber-Ranking unter den Top 5 steht. Zufriedene Mitarbeiter führen zudem zu zufriedenen Kunden – im Finanzsektor ein wesentlicher Unternehmenswert. Das belegt unter anderem der Wettbewerb „Deutschlands kundenorientierteste Dienstleister 2009“. Ihm zufolge ist Schwäbisch Hall in Sachen Kundenorientierung das beste Kreditinstitut Deutschlands. Auch das bestärkt uns, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen und als Unternehmen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nachhaltig und mit System zu fördern.
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