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News, 23.05.2016
Neuer Energiekosten-Indikator für die Industrie
Energie-Preissturz bringt Industrie knapp vier Milliarden Euro jährlich
Der Preisverfall bei Energie wirkt für die Industrie in Deutschland wie ein Konjunkturprogramm: Nach einem neuen Energiekosten-Indikator müssen Industriebetriebe hierzulande monatlich für Energie rund zehn Prozent weniger zahlen als noch vor sechs Jahren
Am stärksten profitiert vom Preisverfall die energieintensive Industrie.
Am stärksten profitiert vom Preisverfall die energieintensive Industrie.

Deutschlands Industrie zahlt derzeit monatlich rund 320 Millionen Euro weniger für Energie als im Jahr 2010 – vor allem dank des teils drastischen Rückgangs von Öl- und Gaspreisen. Gemessen an der gesamten Wirtschaftsleistung der Industrie liegt die relative Energiekostenbelastung um 21 Prozent niedriger. Seit Mitte 2015 zeichnet sich dabei nach den besonders deutlichen Rückgängen der beiden Vorjahre eine zumindest vorläufige Stabilisierung ab. Die energieintensiven Branchen profitieren dabei am stärksten vom Verfall der Öl- und Strompreise. Dies ergibt die erstmalige Auswertung des neuen Ener-giekostenindikators, den Experten des Öko-Instituts und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) im Auftrag der European Climate Foundation (ECF) berechnen.

„Der neue Indikator schließt eine große Lücke in der offiziellen Statistik“, sagte Thomas Fricke, Chief Economist der ECF. Zwar gebe es eine große Anzahl Indikatoren für einzelne Energieträger, etwa aktuelle Börsennotierungen für Strom, Gas und Kohle. Was bislang fehlte, sei ein übergreifender Indikator gewesen, der den industriellen Verbrauch sämtlicher Energieträger (Strom, Gas, Öl, Kohle, Biomasse und sonstige Energieträger) erfasse. „Der Indikator ermöglicht auch, die tatsächliche Belastung der Industrie mit Abgaben, Steuern und Umlagen zu berücksichtigen“, so Dr. Felix Matthes, Forschungskoordinator am Öko-Institut. Auch werden Kompensationsmaßnahmen berücksichtigt, mit denen der Gesetzgeber die faktische Energierechnung für Industrieunternehmen reduziert. Eine Gesamtsumme der Energiekosten wird zwar auch vom Statistischen Bundesamt erhoben, allerdings nur jährlich und mit Verspätung. Aktuell gibt es amtliche Daten zu den Kosten für die Industrie nur bis 2013; erste Zahlen für 2014 werden für die kommenden Wochen erwartet. Der nun erhobene EKI schätzt die Entwicklung bis März dieses Jahres.

Die Berechnungen von Öko-Institut und DIW Berlin ermöglichen zunächst, die Gesamtsumme in Milliarden Euro zu ermitteln, die Deutschlands Industrie Monat für Monat für Energie ausgibt. Daraus lässt sich ableiten wie groß die relative Belastung der Industrie ist, indem die Energiekosten in Relation zur gesamten Produktion (Bruttoproduktionswert) der Industrie gesetzt werden. Daraus ergibt sich eine Quote der Energiestückkosten, die derzeit für die Industrie insgesamt bei 1,8 Prozent liegt. Diese Werte wurden dann auf einen Index – den EKI - mit Basisjahr 2010 umgerechnet.

Während im Jahr 2013 die Energiekosten der deutschen Industrie in absoluten Werten noch bei monatlich etwa 3,25 Mrd. Euro lagen, erreichten sie im Schnitt der vergangenen sechs Monate nur noch 2,72 Mrd. Euro. „Am stärksten trug dazu der Preisrückgang von Erdgas, Öl und Kohle bei. Zwar musste die Industrie auch weniger für Strom bezahlen, die Entlastung fiel hier jedoch lange Zeit deutlich geringer aus“, sagte Dr. Sebastian Petrick, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Klimapolitik des DIW Berlin. Ein Grund dafür war, dass Preisänderungen an den Brennstoff- und CO2-Märkten wegen der längerfristigen Beschaffung von Strom über Terminmärkte bei vielen Industrieunternehmen erst mit Verzögerung auf die Stromkosten durchschlugen. Aktuell macht Strom mit etwa der Hälfte nach wie vor den größten Anteil an den Energiekosten der Industrie, gefolgt von Öl und Gas (zusammen 36 Prozent); Kohle und andere Brennstoffe machen fünf und acht Prozent aus.

Dass die Energierechnung insgesamt gegenüber 2010 um fast elf Prozent gefallen ist, wirkt umso bemerkenswerter, als die deutsche Industrie in derselben Zeit stetig mehr erzeugt hat. Der Bruttoproduktionswert lag zuletzt um knapp neun Prozent höher als noch 2010. Daraus ergeben sich die entsprechend noch deutlich stärker gefallenen Energiekosten je Produktionswert (minus 21 Prozent), wie sie durch den EKI gemessen werden. Mit entsprechender Verzögerung wird der Rückgang seit Ende 2013 auch durch die mittlerweile ebenfalls stark rückläufigen Großhandelspreise für Strom getrieben, ebenso wie durch die Verbilligung von Brennstoffen. Bei den Brennstoffen spielt der Einbruch der Kurse an den Rohölmärkten weltweit eine entscheidende Rolle; der Preis für ein Fass Rohöl (159 Liter) der Nordseesorte Brent ist seit Mitte 2014 von etwa 110 auf teils weniger als 30 US-Dollar gefallen, zum Ende des ersten Quartals 2016 lag er um die 40 Dollar.

Auffällig ist, dass die Energiepreise in den Teilen der Industrie besonders stark gefallen sind, die einen strukturell hohen Energieverbrauch haben. In den Industrien, die wenig Energie verbrauchen, ist die Energierechnung teils sogar gestiegen. In den Berechnungen zum Energiekosten-Index (EKI) wurde die Industrie daher in drei Gruppen hoher, mittlerer und niedriger Energieintensität aufgeteilt. In der Zeit von 2010 bis zum Ende des ersten Quartals 2016 sind die Energiestückkosten:

  • für die hoch-energieintensiven Industrien um 32 Prozent gesunken; im Laufe der vergangenen sechs Monate hat sich die Entwicklung stabilisiert;
  • für die mittel-energieintensiven Industrien um knapp zehn Prozent zurückgegangen; auch hier ist eine vorläufige Stabilisierung erkennbar, wenn auch auf deutlich höherem Niveau als bei den hoch-energieintensiven Industrien;
  • für die wenig energieintensiven Industrien nur um etwa zwei Prozent gesunken.

Zu den Hauptgründen für den sehr viel stärkeren Rückgang der Kosten bei den energieintensiven Industrien zählt, dass die Unternehmen ihre Energie stärker als andere auf den Großhandelsmärkten beschaffen, weshalb sie auch stärker von den besonders deutlichen Preisrückgängen an den Börsen profitiert haben. Zudem sind die energieintensiven Unternehmen sehr weitgehend von Steuern, Abgaben und Umlagen befreit; diese waren in den vergangenen Jahren teils deutlich gestiegen. Das bekamen vor allem jene restlichen Teile der Industrie zu spüren, die allerdings auch einen relativ kleinen Teil ihrer Gesamtkosten für Energie aufwenden müssen.

Aus den Berechnungen lassen sich auch aktuelle Daten zur Verwendung von Energieträgern nach Industriegruppen ableiten. Die hoch-energieintensiven Industrien tragen aktuell zum Beispiel:

  • nahezu 100 Prozent der gesamten industriellen Kosten für den Bezug von Kohle
  • etwa 54 Prozent der industriellen Gesamtkosten für Gas und Mineralölprodukte
  • etwa 27 Prozent der industriellen Stromkosten sowie
  • knapp zwei Drittel der gesamten Kosten für andere Energieträger (Fernwärme, Biomasse, Ersatzbrennstoffe).

Gemessen in Prozentanteilen entsprechen die gesamten Energiekosten für die deutsche Industrie im Mittel der ersten drei Monate dieses Jahres 1,8 Prozent bezogen auf den Bruttoproduktionswert der Industrie, das heißt den Wert der hergestellten Waren. Zieht man davon die von der Industrie erbrachten Vorleistungen ab, ergibt sich eine relative Belastung von 7,2 Prozent gemessen an der entsprechenden Bruttowertschöpfung. In den hoch-energieintensiven Branchen liegen die Quoten naturgemäß höher: der produktionsbezogene Energiekostenanteil liegt hier aktuell bei 4,1 Prozent, die wertschöpfungsbezogene Größe bei 18,7 Prozent. Für die mittel-energieintensiven Industrien liegen die entsprechenden Kenngrößen bei 2,3 und 9,1 Prozent, für die wenig energieintensiven bei 0,9 und 3,3 Prozent.

Der Energiekosten-Index für die Industrie wird von nun an auf regelmäßiger Basis aktualisiert und von der European Climate Foundation in Kooperation mit dem Öko-Institut und dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) veröffentlicht. Bereits seit Oktober 2014 publiziert ECF ebenfalls einen Energiepreismonitor, der die Entwicklung der Energiepreise für die Verbraucher in Deutschland beschreibt. Seit Oktober 2015 gibt es einen entsprechenden Energiepreismonitor auch für Polen.

Die Studie „EKI – Der Energiekostenindex für die deutsche Industrie“ vom Öko-Institut und dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) steht kostenlos zum Download zur Verfügung.

cs/Öko-Institut; Bild: Ricklef Dmoch / pixelio.de

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