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Demenz aus Sicht von Kunst und Design

(PM) Wien, 25.07.2016 - Der demografische Wandel erfordert einen neuen Umgang mit Demenz. Das Bewusstsein dafür wecken innovative künstlerische Methoden in einem Projekt des Wissenschaftsfonds FWF, indem sie den Blick und die Sinne von Nicht-Betroffenen schärfen.

Menschen mit Demenz leiden oft unter gesellschaftlicher Stigmatisierung. Alltägliche Tätigkeiten wie Einkaufen, Geldgeschäfte oder ein Theaterbesuch können schwierig für sie sein. Um Ablehnung und Peinlichkeiten zu vermeiden, ziehen sie sich von der Gesellschaft zurück. Wie sich das verhindern lässt und wie der gesellschaftliche Umgang mit Demenz positiv verändert werden kann, untersucht die Wiener Künstlerin und Forscherin Ruth Mateus-Berr mit ihrem Team in einem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt: "D.A.S. Dementia. Arts. Society.". Das Projektteam stellt sich in den kommenden drei Jahren den Fragen einer alternden Gesellschaft, indem es den Blick auf die neuen Realitäten lenkt und Bewusstsein für das Leben mit Demenz schafft. "Wo Sozialpolitik, Pflege und Medizin an ihre Grenzen kommen, können Kunst- und Design-Strategien den Menschen mit Demenz neue Perspektiven auf ihre eigenen Fähigkeiten und auf die Situation in ihrem Umfeld eröffnen. Das ist eine völlig neue Herangehensweise", erklärt Projektleiterin Mateus-Berr.

Künstlerische Interventionen

Was es bedeutet, langsam seinen Verstand (mens) und in Folge den Bezug zu seiner Umwelt zu verlieren, ist für Nicht-Betroffene schwer nachvollziehbar und für die Betroffenen ein Zustand, der meist von Angst und Verwirrung geprägt ist. – Eben diesen Gefühlen will Mateus-Berr mit ihrem interdisziplinären Forschungsteam in dem künstlerisch-wissenschaftlichen Projekt auf den Grund gehen. In der Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Zielgruppen haben sie künstlerische Interventionen entwickelt, um die Beteiligten zunächst emotional an das Thema heranzuführen. Dabei arbeitet das Team um Mateus-Berr von der Universität für angewandte Kunst mit Kindern und Jugendlichen ebenso wie mit Erwachsenen an Volkshochschulen, mit Künstlerinnen und Künstlern sowie mit Betroffenen und Betreuenden selber. Das Erlebte wird schließlich auch in Diskussionen mit Expertinnen und Experten reflektiert.

Perspektivenwechsel

Doch zunächst geht es um das Bewusstmachen. "Gerade bei jungen Menschen fehlt oft das Verständnis für Ältere", erklärt die Projektleiterin, die Professorin an der Angewandten ist und auch selber einen Tag in der Woche am Schulschiff Bertha von Suttner unterrichtet. "Daher wollen wir jungen Menschen und der Gesellschaft klarmachen, was es bedeutet, wenn die eigenen Sinne irritiert sind", so Mateus-Berr. Hervorgegangen ist das Forschungsprojekt aus dem Masterprojekt "Feel Dementia" zweier Studierenden des Masterstudiums "Social Design. Arts as Urban Innovation" an der Universität für angewandte Kunst Wien: Künstlerin Cornelia Bast und Designerin Antonia Eggeling. Diese konzipierten zwei Interventionen: Ein Audiofile, das Hörerinnen und Hörern eine Fülle an Informationen und Aufträgen erteilt, um Verwirrung auszulösen. Eine andere Intervention ermöglicht Nachempfindung mit den Betroffenen mit dem Kunstobjekt "Fokung Wirkus" (Cornelia Bast), das sich die Teilnehmenden gleich einem riesigen Taucherhelm über den Kopf stülpen. In ihm sind verschiedene Linsen montiert, wodurch die Sicht eingeschränkt ist. Nur über die Linsen können unterschiedliche Perspektiven gesehen werden. – Das löst Irritation und Hilflosigkeit aus und reicht bis zum Gefühl, "einen Nervenzusammenbruch zu erleiden", so die Reaktionen der Jugendlichen. Als nächstes werden die Gefühle dokumentiert. Wie fühlt es sich an, verwirrt zu sein? – Die Teilnehmenden verarbeiten diese Frage entweder künstlerisch, schriftlich oder in Interviews. Diese "Protokolle der Verwirrtheit" dokumentiert und evaluiert das Projektteam anschließend, auch Ausstellungsprojekte sind geplant.

Designing the Society

"D.A.S. Dementia. Arts. Society." zeichnet sich durch eine neue Herangehensweise an komplexe Fragestellungen aus. Sich in andere Menschen und Situationen empathisch hineinzudenken, Prozesse zu beobachten und sie zu hinterfragen, ist die Stärke von Kunst und Design. Im konkreten Fall sollen diese Kompetenzen soziale Prozesse anstoßen und interdisziplinäre Ansätze liefern, die wissenschaftlich untermauert werden. "Interdisziplinarität funktioniert gerade in der Kunst gut, sofern ich keine Scheu habe, Fragen zu stellen, die fremde Disziplinen betreffen, wie zum Beispiel die Medizin. Wir müssen lernen, den anderen zu verstehen, um Veränderungen anzustoßen", betont Ruth Mateus-Berr. Ziel des Projekts sei es, praxistaugliche und nachhaltige Formate wie zum Beispiel Workshops, Design- und Kunstkonzepte zu entwickeln, um die Herausforderungen, die das Thema für die Gesellschaft und die Betroffenen darstellt, langfristig besser bewältigen zu können, so die Künstlerin und fügt hinzu: "Ich sehe da viele Möglichkeiten."
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