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Buchmarketing
Der Skandal als PR-Instrument

Allein den Titel "Schoßgebete" dürfte mancher Kirchenvertreter als pure Provokationen empfinden.
Damit erfüllt es eine zentrale Bedingung für den Vermarktungserfolg: Die Kritiker in den Medien schreiben, was das Zeug hält. Während die eine Hälfte der Journalisten / Leser das Roche-Buch als banal, platt und überflüssig abtut, sieht sich die andere Hälfte der Redakteure / Leser genötigt, die Autorin zu rehabilitieren. Kritik folgt auf Kritik, so bleibt das Buch im Gespräch – und verkauft sich prächtig. Schon bei anderen (vermeintlichen) „Skandalbüchern“, etwa Thilo Sarrazins Werk „Deutschland schafft sich ab“ oder Eva Hermans „Das Eva-Prinzip“ ließ sich dieser Wirkmechanismus beobachten.
Damit die (vorsätzliche) Inszenierung des Skandalträchtigen gelingt, müssen die Massenmedien mitspielen. Das tun diese nur zu gern, da sie selbst Auflagen und Quoten brauchen. Die Aufmerksamkeit des Publikums richtet sich nämlich nicht nur auf das Roche-Buch, sondern auch auf das Medium, das es schafft, zum Meinungsführer der Diskussion zu werden und den Diskurs über die Folgen der Skandalisierungseffekte, etwa auf den Literaturbetrieb im Allgemeinen und den Niedergang der Werte im Besonderen, vorantreibt.
Welcher Ingredienzien es bedarf, damit ein Buch Skandalpotenzial bekommt und entfalten kann, erläutern die Literaturwissenschaftler Johann Holzner und Stefan Neuhaus in ihrem Handbuch "Literatur als Skandal". Demnach sollte der Autor ein gewisses öffentliches Ansehen haben und der Inhalt Aufsehen erregen, provozieren sowie sich mit öffentlichen Diskursen außerhalb des Literarischen verknüpfen lassen. Des Weiteren bedarf es medialer Kritiker mit publizistischem Gewicht, deren Bewertungen des Buches idealerweise selbst Skandalpotenzial haben.
Gutes Buch-PR-Zündeln bedarf also einer sehr guten Planung. Denn es kommt nicht nur auf den Inszenierungswillen des Autors an, dieser sollte beachten, was von Öffentlichkeit und Medien als skandalös wahrgenommen wird, welche Wertmaßstäbe aktuell gelten. Im Fall von Charlotte Roche jedenfalls hat der Skandalmechanismus bereits perfekt funktioniert.
ZUM KOLUMNIST

Über Dr. Michael Gestmann
Michael Gestmann wurde im Bereich Medienpsychologie an der Universität zu Köln promoviert. In seiner Dissertation beschäftigte er sich mit dem Thema Medienwirkung und den Möglichkeiten der crossmedialen Vernetzung von Print- und Onlinemedien. Der ...
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Dr. Michael Gestmann
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