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Kolumne
Attention, please!, 02.02.2010
Branding
Gefundenes Fressen für die Presse
Mediale Aufmerksamkeit als Selbstzweck wirkt kontraproduktiv. Denn bekannt sein hilft recht wenig, wenn die eigene Marke ruiniert ist. Der Presse ist es freilich einerlei, so lang die Headline sich verkauft.

Während der Verleihung der „Goldenen Kamera“ der Zeitschrift Hörzu konnten es die Zuschauer mal wieder erleben: Die Aufmerksamkeit anderer Menschen ist die unwiderstehlichste aller Drogen. Spiegel Online sprach vom „Aufmarsch der Ich-Verliebten“ und davon, wie unverblümt die anwesenden Unterhaltungskünstler „Werbung in eigener Sache“ betrieben.

Doch wen wundert’s? Öffentliche Aufmerksamkeit schmeichelt dem eigenen Ego, und sie macht sich bezahlt! Wer einschlägig bekannt ist, bekommt lukrativere Aufträge, erzielt höhere Umsätze, erhält attraktivere Angebote und interessantere Aufgaben. Und das sind nur einige Privilegien, die mit Prominenz einhergehen.

Ob „Brangelina“ (Brad Pitt und Angelina Jolie) sich scheiden lassen, warum „Schumi“ sich die Haare färbt oder wie Heide Klum beim Casting Nachwuchs-Models schikaniert – die Celebritys aus Kino, Mode, Medien, Wirtschaft, Kunst und Politik machen es daher tagtäglich vor, wie sich mit einem Strategienpotpourri aus Leistung, deren Vermarktung, gezielter Selbstinszenierung, Fantasie, Witz und einer Brise Anarchie die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich ziehen lässt.

Wer öffentliche Interesse auf die eigene Person richten will, braucht die Medien. Schließlich adeln sie mit Prominenz, wie einst erfolgreiche Eroberer durch die Überlassung von Lehen in den Adelsstand erhoben werden konnten. „In the future everybody will be famous for fifteen minutes“, prophezeite schon Andy Warhol und spielte damit auf die wachsende Anzahl von Medien, die auch viele „Prominente“ generieren. Doch soll die eigene „Famous-Phase“ länger als eine Viertelstunde anhalten, bedarf es einer geschickte Image-Strategie. Der Alt-Bundespräsident Roman Herzog, raffinierter Montagekunst im Allgemeinen eher unverdächtig, sagte denn auch nach seiner Wahl in aller Öffentlichkeit, er müsse nun gründlich mit sich zu Rate gehen, „wie die Figur Roman Herzog das ihr angemessene Image bekommt“.

Medien lieben Querdenker und Regelbrecher, weil sie mit ihnen leichter ihren Kampf um die Aufmerksamkeit des Publikums gewinnen. Und sie lieben Helden und Symbolfiguren. Daher werden vor allem die Sieger, etwa aus dem Sport, eingeladen, obwohl die Zweiten meist nur wenige Hundertstelsekunden langsamer waren. So kann der Formulierungen zuspitzende Wirtschaftsfunktionär bei Anne Will markig auftreten, während der formal gleich wichtige, aber etwa monotonere Kollege der breiten Öffentlichkeit unbekannt bleiben wird. Und aus dem Showbusiness werden vornehmlich die Akteure begünstigt, die schon einen gewissen Promi-Bonus haben, obwohl es hunderte mindestens ebenso fähige Schauspieler oder Sänger gibt. The Winner takes ist all. Das gilt auch für die Medienpräsenz.

Doch Vorsicht! Nicht jeder TV-Beitrag und jede Story in Printmedien ist Aufmerksamkeitsheischenden von Nutzen. Wer nämlich um jeden Preis in die Medien will und sich dort verheizen lässt, läuft Gefahr, zur Lachnummer zu werden, statt sich die angestrebte Reputation aufzubauen. „Lodda“ Matthäus beispielsweise taucht zwar immer wieder in den Schlagzeilen der bunten Blätter auf, was seinen medialen Bekanntheitsgrad aufrecht erhält. Da der ehemals begnadete Kicker stets munter und unreflektiert in jedes Mikrofon plaudert, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, bleibt es ihm bislang – möglicherweise für immer – versagt, seinen Wunsch zu verwirklichen, in der Bundesliga als Trainer zu reüssieren und sein Können zu beweisen.  

Wie sehr Medienpräsenz kontraproduktiv sein kann, musste zum Beispiel auch die Bank Lehman Brothers erfahren. Die spektakuläre Pleite im Herbst 2008 machte die Zocker zwar über Nacht Welt bekannt, doch mit der Wertschätzung sank auch die Aktie des Unternehmens schlagartig ins Bodenlose.

Ein clevere Strategie für Medien- und Öffentlichkeitsarbeit benötigen nicht zuletzt diejenigen, deren Leistungen zwar herausragend sind, die es aber trotzdem noch nicht geschafft haben, aus dem Schatten ihrer – noch – prominenteren Wettbewerber herauszukommen. Mit dem richtigen Aufmerksamkeits-Management kann ihr tieferer Wunsch nach Anerkennung Wirklichkeit werden. Und nicht zuletzt darum geht es den meisten, die in den Medien präsent sein wollen.

ZUM KOLUMNIST
Über Dr. Michael Gestmann
Michael Gestmann wurde im Bereich Medienpsychologie an der Universität zu Köln promoviert. In seiner Dissertation beschäftigte er sich mit dem Thema Medienwirkung und den Möglichkeiten der crossmedialen Vernetzung von Print- und Onlinemedien. Der ... mehr
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