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Ärzteprotest im Streit um Einkünfte

Ärzte erhalten weniger Lohn für einen Hausbesuch als der Klempner
(PM) Köln, 12.09.2012 - Im Honorarstreit mit den gesetzlichen Krankenkassen wollen die niedergelassenen Ärzte und ihre Verbände den Druck erhöhen. Protestaktionen sollen in den nächsten Tagen anlaufen. Hintergrund ist der seit Wochen tobende Streit zwischen Ärzten und Kassen um die Vergütung für die rund 150 000 niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hatte einen Schlichterbeschluss, wonach die Honorare um knapp ein Prozent gestiegen wären, abgelehnt und dagegen beim Landessozialgericht Berlin-Brandenburg geklagt. Die Ärzte fordern mehr.

“Die vorgeschlagene Steigerung von unter einem Prozent beschreibt eine Geringschätzung der ärztlichen Arbeit und spiegelt keineswegs die hohe Arbeitsbelastung und den Zeitaufwand des Praxisalltags wider“, meint Dr. Annette Grittern, die als Internistin ihre Patienten im ländlichen Dremmen bei Heinsberg (NRW) hausärztlich versorgt. Viele ihrer Patienten sind alt und chronisch krank, leiden an Altersdemenz, werden Zuhause oder im Heim gepflegt. Da bleibt es nicht aus, dass sich die Ärztin regelmäßig 54 Stunden in der Woche um ihre Patienten kümmert. An den Wochenenden macht sie Praxisadministration und Fortbildung. Im Quartal kommt sie auf 150 Hausbesuche, diese durchaus auch nachts. „Die Komplexität der Koordination einer guten medizinischen Betreuung eines schwerkranken älteren Menschen kann sich kaum einer vorstellen“, ärgert Dr. Annette Grittern. Das fängt bei der langwierigen Zusammenarbeit mit Fachärzten, Kliniken, Heimen oder Pflegern an. Aber auch Angehörige oder Pflegedienste müssen angeleitet und informiert werden. Die Hilfsmittel müssen kontrolliert werden. „Wenn ich beim Hausbesuch sehe, dass der Rollator falsch eingestellt ist, muss ich halt selber Hand anlegen“, sagt die Ärztin. Und wie in Zukunft die gestiegenen Tarifkosten für Löhne, Mieten, Energie oder neue Geräte gedeckt werden sollen, wissen sie und viele Ärzte auch nicht.

Ob Ärzte einer krebserkrankten Patientin eine schlechte Nachricht überbringen, Hilfen aufzeigen, die seitens der Praxis einen enormen administrativen Aufwand erfordern, einem Schwerkranken und seiner Familie während eines Hausbesuchs Trost spenden - dafür gibt es nur eine geringe Pauschale - egal wie lang und oft das Gespräch ist.

Bei den derzeitigen Honorar-Verhandlungen hält Professor Dr. med. Rainer Riedel, der den Masterstudiengang Medizinökonomie an der Rheinischen Fachhochschule (RFH) in Köln (www.rfh-koeln.de) leitet, es für angebracht, wenigstens die Kostensteigerungen bei Personal- und Sachkosten auszugleichen. "Und dafür ist mindestens eine Honorarerhöhung von 1,5 Prozent nötig." Für Riedel ist klar, dass bei 200 unbesetzten Hausarzt-Praxen in Deutschland, die "Facharztrichtung Hausarzt" attraktiver gemacht werden muss, damit die Versorgung gewährleistet bleibt.

"Natürlich hängt der Verdienst eines niedergelassenen Arztes unter anderem auch davon ab, ob und wie viele Privatpatienten er hat", gibt Rainer Riedel zu bedenken. „Obwohl niedergelassene Ärzte ein unternehmerisches Risiko tragen und im Schnitt 55 Stunden pro Woche arbeiten, verdienen viele weniger als ein Oberarzt im Krankenhaus“, führt Riedel aus.

Doch welche Vergütung ist für eine umfangreiche ärztliche Patientenbetreuung angemessen? Von einem Hausarzt werde in der Regel erwartet, dass er jederzeit, nachts und am Wochenende seinen Patienten auch zu Hause behandelt. "Mit etwa 21 Euro pro Hausbesuch bekommt ein Hausarzt aber weniger als der Klempner, der ins Haus kommt, um den tropfenden Wasserhahn zu reparieren“, sagt Riedel. Das dürfe eigentlich nicht sein.

„Die von der KBV geforderten elf Prozent sind sicherlich eine Maximalforderung der Ärzte, die vor allem politisch zu erklären ist“, sagt der Leiter des RFH-Masterstudiengangs Medizinökonomie. „Die Honorarerhöhung sollte aber auch mindestens den Anstieg der Praxiskosten decken.“ Das sei beim bisher vorgeschlagenen Kompromiss von 0,9 Prozent nicht der Fall.

Riedel befürchtet, dass sich die Versorgung unserer Patienten durch die angestrebte Maßnahme verschlechtert. Wenn es eine gute Versorgung mit Haus- und Fachärzten geben solle, dürfe die Tätigkeit in der Praxis nicht noch unattraktiver gemacht werden.
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