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News, 25.06.2008
3. Armutsbericht verabschiedet
Falsche Zahlenspiele mit der Armut?
Das Bundeskabinett hat heute den 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung beschlossen. Trotzdem 2005 in Deutschland mehr als jeder achte Bürger arm war, zeigten die Untersuchungen, dass „der Sozialstaat wirkt“. An der Glaubwürdigkeit der Zahlen bestehen jedoch Zweifel.
Schenkt man dem heute vom Bundeskabinett beschlossenen "3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung" Glauben, lebten im Jahr 2005 in Deutschland 13 Prozent der Bürger in Armut. Ohne sozialstaatliche Transferleistungen wäre die Armut hierzulande noch deutlich höher und jeder Vierte (26%) davon betroffen. Ob die vorgelegten Zahlen des Berichts auch wirklich stimmen, ist jedoch noch immer strittig.

Während Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) Bezug nehmend auf den neuen Armutsbericht konstatiert, dass sich die Schere zwischen arm und reich weiter geöffnet habe, warnt Hans-Werner Sinn, Präsident des Ifo-Instituts, davor, das Armutsproblem zu dramatisieren. Demzufolge sei ein Mensch, der nur 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens zur Verfügung habe, zwar "armutsgefährdet", nicht aber arm. Letzteres trifft Sinn zufolge nur auf vier Prozent der deutschen Bevölkerung zu.

Armutsexperte Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sieht das ganz anders. Laut Grabka ist nicht jeder Achte, sondern mehr als jeder Sechste vom Armutsrisiko betroffen. So fällt inzwischen mancher, der noch beim letzten Armutsbericht aus dem Jahr 2005 als arm galt, im aktuellen Bericht aus der Statistik raus. Der Dreh: Der Maßstab, an dem sich das Armutsrisiko bemisst, nämlich das monatlich verfügbare Einkommen, wurde von 939 Euro auf 781 Euro gesenkt. Zudem würden Statistiken, die das Institut für den Armutsbericht ausgewertet habe, laut Welt-online.de dort nur im Anhang erwähnt.

Ähnlich kritisch äußert sich auch der Abgeordnete und Sozialpolitik-Experte Wolfgang Strengmann-Kuhn von den Grünen, der den Armutsbericht in einem Interview mit tagesschau.de als „noch zu unseriös“ bezeichnet. „Er suggeriert, dass die Armutsquote in den vergangenen Jahren konstant geblieben ist - wenn nicht sogar gesunken.“, so der Politiker im Interview. Doch das sei schlichtweg falsch, da die Armutsquote laut dem Sozioökonomischen Panel (SOEP) von 1998 bis 2005 um 50 Prozent von 12 auf 18 Prozent gestiegen sei. Das Statistische Bundesamt hat diese Ergebnisse Strengmann-Kuhn zufolge auch bestätigt.

„Natürlich versucht jede Regierung, die positiven Aspekte hervorzuheben und die eigene Politik als gut darzustellen - aber in den beiden ersten Armutsberichten waren zumindest die Zahlen sauber“, meint Strengmann-Kuhn im Interview. Darüber hinaus sei das in Deutschland angewandte Erhebungsverfahren EU-SILC, das ausschließlich auf der schriftlichen Befragung von Freiwilligen basiert, ziemlich einmalig und liefere laut Strengmann-Kuhn keinen repräsentativen Querschnitt: „Wenn es nun also heißt, im europäischen Vergleich stünden wir gut da, ist das eine zweifelhafte Aussage“, kommentiert der Grünen-Politiker den Bericht. Ganz abgesehen davon dürfte der Vergleich für all die zig Millionen Armen auch kaum ein Trost sein, genauso wenig wie die Kernaussage: „Der Sozialstaat wirkt.“

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